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Syrer ist nach seiner Flucht in Paderborn jetzt glücklich und nennt Caspar Lahme seinen „deutschen Papa“

Sherwan Veli hasst die Farbe Blau

Paderborn

Seit seiner Flucht über das Mittelmeer ist Blau nicht mehr die Lieblingsfrage von Sherwan Veli. „An diesem Tag habe ich diese Farbe von ganzem Herzen gehasst, denn das Meer war grenzenlos und hatte kein Ende“, erinnert sich der 26-Jährige.

Dietmar Kemper

Der syrische Muslim Sherwan Veli überreicht Caspar und Bettina Lahme einen Nikolaus und einen Brief, in dem er sich für die tatkräftige Unterstützung seiner deutschen Paten bedankt. Foto: Dietmar Kemper

Er dachte nur an den Tod und dabei wollte er immer als alter Herr in einem warmen Bett sterben „und nicht in diesem grausamen, dunklen Meer.“ Sherwan Veli überstand im September 2015 die Stunden voller Angst im überfüllten Schlauchboot. Seit etwa fünf Jahren lebt er nun in Paderborn, seit zwei Monaten ist er verheiratet.

Seine Geschichte ist, auch wegen der Unterstützung durch Caspar und Bettina Lahme aus Paderborn, ein Musterbeispiel für gelungene Integration. „Ich bin sehr glücklich“, sagt der Syrer, der Caspar Lahme seinen „deutschen Papa“ nennt und in zwei Welten gleichzeitig lebt: „Ich habe zwei Väter – einen in Syrien und einen in Deutschland“.

Sherwan Veli stammt aus Amuda im Kurdengebiet im Nordosten Syriens. Kurden werden von der syrischen Regierung als Fremdkörper angesehen und schikaniert. In der Schule werden die kurdischen Kinder ausschließlich auf Arabisch unterrichtet. „Wer Kurdisch spricht, wird von den Lehrern oder auch den Soldaten geschlagen“, weiß Sherwan Veli aus eigener Erfahrung. Sein Vater sei immer wieder von der Geheimpolizei verhört und bedroht worden. Kurden würden als Betrüger und Staatsfeinde diffamiert.

Die Situation verschärfte sich noch mit Beginn des Bürgerkriegs 2011; Syrien wurde zum Kampfplatz unterschiedlichster Parteien wie des Assad-Regimes, der Opposition, des Islamischen Staates und kurdischer Organisationen. „Es gab viele Gruppen, die junge Menschen zu sich ziehen wollten, damit sie für sie kämpfen“, berichtet der 26-Jährige. Weil er nicht kämpfen wollte, verließ er mit seinem Bruder Muhammed (22) seine Familie (fünf Brüder und eine Schwester) in Syrien und ging in den Irak. In seiner Heimat hatte er eigentlich Jura studieren wollen.

Drei Jahre blieb er im Irak, arbeitete hart als Maurer und im Straßenbau. Die Arbeitsbedingungen seien unerträglich gewesen, die Bezahlung schlecht. „Wir konnten das nicht länger ertragen“, blickt Sherwan Veli zurück. In Izmir in der Türkei begann die Flucht über das Mittelmeer nach Griechenland: „Es war 3 Uhr nachts, wir haben nichts gesehen. 50 Personen sollten auf das Schlauchboot gehen, einige haben sich geweigert und sind wieder ausgestiegen, 42 sind dann geblieben.“

Sieben Stunden habe die Fahrt gedauert. „Das war sehr beängstigend, und ich wollte nur ein Stück Erde sehen. Ich hatte lange auf die grüne Farbe gewartet, bis sie endlich kam, und ich floh rennend auf meinen Beinen zur Erde“, erzählt der junge Mann. Seitdem er griechischen Boden betrat, ist Grün seine Lieblingsfarbe.

Über Athen und die Balkanroute durch Serbien, Ungarn und Österreich kam er nach Deutschland, von München nach Unna, dann nach Duisburg und schließlich nach Paderborn. Die Flucht dauerte vom 1. bis 10. September 2015. In Paderborn lebten er und sein Bruder anfangs mit 25 anderen Flüchtlingen in einem zweistöckigen Haus.

„Ich habe gemerkt, wie eifrig Sherwan ist. Sein oberstes Ziel war es, Deutsch zu lernen“, beschreibt Caspar Lahme (79) seinen Schützling, den seine Frau Bettina (58) und er von Anfang an unterstützt haben. Sie zeigten ihm die Stadt, brachten ihn unter die Leute, mit Arbeitgebern in Kontakt und halfen bei Bewerbungen. Sherwan Veli arbeitete bei Stute und Jurgelucks und studiert seit Oktober 2019 an der Katho NRW Soziale Arbeit. Das obligatorische Vorpraktikum absolvierte er bei MiCado, dem Fachdienst für Integration und Migration des Caritasverbandes Paderborn. Als Sprachmittler sind seine Dienste bis heute begehrt; so übersetzt der Syrer bei psychotherapeutischen Sitzungen, in denen es um die Nachwirkungen von Flucht und Folter geht, und hilft bei Behördengängen.

Deutsch spricht Sherwan Veli fließend, die Voraussetzungen für die Sprachstufe C1 erfüllte er schnell. Wenn er mit dem Studium fertig ist, will er als Sozialarbeiter seinen Lebensunterhalt verdienen. Vor zwei Monaten hat er seine tunesische Freundin Laila Guirat geheiratet, die am Brüder-Krankenhaus eine Ausbildung zur Krankenschwester macht. Deutschland sei kein Paradies, aber ein Rechtsstaat, in dem die Menschenwürde geachtet werde, sagt Sherwan Veli. Er betont aber auch: „Man muss selbst etwas leisten, damit man etwas bekommt.“

Caspar Lahme jedenfalls kann das Gerede von den Ausländern, die dem Staat angeblich nur auf der Tasche liegen, nicht mehr hören: „Ich hasse das Negativbild, das von Flüchtlingen gezeichnet wird.“

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