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Der Druck von Banken und Inkassobüros sorgt oft für falsche Prioritäten

So hilft die Schuldnerberatung Paderborn – Zahl der Privatinsolvenzen steigt

Paderborn

Die offenen Sprechstunden der Schuldnerberatung in Paderborn sind schon heute voll – immer wieder müssen Menschen weggeschickt werden. „Ein großes Problem der Schuldner sind falsche Prioritäten“, sagt Jennifer Engelmann.

Von Franz Purucker

Im ersten Quartal dieses Jahr wurden im Kreis Paderborn 108 Privatinsolvenz-Verfahren eröffnet, ein Plus von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Foto: Jörn Hannemann

Weinend stand die junge Mutter in der Filiale der Bank für Kirche und Caritas in Paderborn, weil durch steigende Preise für Lebensmittel und Energie das Geld nicht mehr zum Leben reicht. Holger Freitag, Leiter des Privatkundengeschäfts der Bank, konnte helfen und passte die Kreditrate an. „Wir können bei Bedarf auch Raten aussetzen.“ So kulant sind die wenigsten Banken, sagt Jennifer Engelmann von der Schuldnerberatung der Caritas in Paderborn.

Die offenen Sprechstunden der Schuldnerberatung in Paderborn sind schon heute voll – immer wieder müssen Menschen weggeschickt werden. Schuld daran sind auch Banken und Inkassobüros, die massiv Druck auf ihre Schuldner ausüben, um Kreditraten und Bestellungen bezahlt zu bekommen. Häufig wird mit Lohnpfändung, einer Meldung bei der Schufa oder mit Pfändung von Eigentum gedroht.

Miete, Strom und Heizung zuerst bezahlen

„Das wichtigste sind Miete, Strom und Heizung“, so Isabel Schulz, ebenfalls Schuldnerberaterin der Caritas. Andernfalls drohen Energiesperren – und die gibt es auch in Paderborn immer öfter. „Im laufenden Jahr hat die Anzahl der Sperrungen im Bereich der Wohnungswärmeversorgung gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum erkennbar zugenommen“, wie Maria Pottmeier-Rath von Westfalen Weser Energie auf WV-Anfrage mitteilt. Genaue Zahlen will das Unternehmen nicht nennen. Beim Strom führt Westfalen-Netz die Sperrungen nur im Auftrag der Stromversorger durch und will mit Rücksicht auf die Marktpartner keine Angaben machen. Bereits ab einem Rückstand von 100 Euro dürfen die Versorger die Sperrung einleiten, die weitere Gebühren verursachen.

„Nehmen Sie Briefe ernst und suchen Sie uns so schnell wie möglich auf, wenn eine Sperre droht“, so Engelmann. Mit den größten lokalen Energieversorgern EON, Paderenergy und Stadtwerke Paderborn gibt es einen direkten Draht, sodass bei einer entsprechenden Ratenzahlungsvereinbarung häufig eine Sperre verhindert werden kann. „Wir hatten schon Klienten hier, die seit vier Monaten weder Strom noch Heizung haben“, so Isabel Schulz.

Dispokredit wird zur Überbrückung genutzt

Viele Klienten sind sich ihrer misslichen Lage gar nicht bewusst und nutzen zur Überbrückung ihren Dispokredit.

Trotz beständig niedriger Zinsen der Zentralbanken, verlangen die Banken im Kreis Paderborn noch immer bis zu 11,7 Prozent (siehe Infobox) und für vorher nicht eingeräumte Überziehungen sogar bis zu 15,4 Prozent. Kunden der Verbundvolksbank OWL müssen erst in ihren Unterlagen schauen, wie hoch der Dispo-Zins ist. Die Bank macht weder auf ihrer Internetseite noch auf Anfrage dieser Zeitung Angaben dazu.

Auf die hohen Zinsen angesprochen, versichert die Sparkasse Paderborn-Detmold, ihren Kunden entgegenzukommen: „Wenn ein Kunde dauerhaft seinen Dispo in Anspruch nimmt, dann kann der Privatkredit eine günstigere Alternative sein“, so Sprecher Oliver Bekiersch. Thorsten Heggen, Pressesprecher der Verbundvolksbank OWL, sagt: „Wir können für unsere Kunden eine Erhöhung der Inanspruchnahmen von Dispositionskrediten nicht feststellen.“ Sollte sich die Lage ändern, würden individuelle Lösungen erarbeitet.

„Viele Banken beharren auf Rückzahlung“

„Viele Banken beharren auf der Rückzahlung trotz aller Krisen“, so Jennifer Engelmann: „Es kann durchaus hilfreich sein, wenn der Kredit durch die Bank gekündigt wird. Dann können wir besser verhandeln.“ Das jeweils beste Vorgehen sollte aber im Einzelfall mit der Schuldnerberatung besprochen werden.

Falls das Konto gepfändet wird, kann die Einrichtung eines Pfändungsschutzkontos helfen, um zumindest die notwendigsten Ausgaben bestreiten zu können. Fragen dazu beantworten die Schuldnerberatungsstellen ebenfalls.

Besteht keine Aussicht auf Erfolg, ist die Privatinsolvenz die letzte Lösung. Auch die kommt in der Region immer öfter vor: Im ersten Quartal dieses Jahr wurden im Kreis Paderborn 108 Verfahren eröffnet, ein Plus von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch dazu beraten die Schuldnerberatungen von Caritas und Diakonie.

Arbeitslosigkeit ist häufigster Grund

Der häufigste Grund für Schulden war 2021 mit 19,1 Prozent Arbeitslosigkeit gefolgt von Erkrankung, Sucht und Unfall (16 Prozent) und unwirtschaftlicher Haushaltsführung (15,5 Prozent). Bei mehr als jedem dritten Schuldner haben die Schulden psychosoziale Auswirkungen.

Schuldner und Insolvenzberatung finden Betroffene unter anderem hier: Diakonie Paderborn-Höxter: Riemekestraße 12, Paderborn; Caritas Paderborn: Grube 1, Paderborn.

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