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WESTFALEN-BLATT-Serie »Bye, Bye Paderborn«: Kündigungen für 700 Zivilkräfte

Soldaten weg, Jobs weg

Paderborn (WB). »Hiermit kündigen wir das mit Ihnen bestehende Arbeitsverhältnis zum 31. Dezember 2019.« Mit diesem einfachen wie folgenreichen Satz geht für 700 zivile Mitarbeiter der britischen Streitkräfte in Paderborn und Sennelager nach mehreren Jahrzehnten eine Ära zu Ende. Über sie berichten wir in unserer zweiten Folge der Serie »Bye, Bye Paderborn«.

Ingo Schmitz

Auch die Normandy-Kaserne in Sennelager wird in Kürze von den britischen Streitkräften geräumt. Das hat Folgen: Die deutschen Zivilkräfte erhalten in diesen Tagen ihre Kündigung. Für viele ist es ein Schock, das Aus nun Schwarz auf Weiß zu haben. Foto: Jörn Hannemann

Als Ernst M. (Name geändert) in dieser Woche den Brief mit der Kündigung erhält, ist er entsetzt. »Ich habe 39 Jahre für die britischen Streitkräfte gearbeitet. Ich hatte gehofft, dass ich bis zur Rente bleiben kann. Ich möchte gerne weiter arbeiten«, sagt der 61-jährige Paderborner. Jahrzehntelang war er als Fahrer für die Normandy-Kaserne tätig. Kurz vor dem Ruhestand holt ihn nun die Realität ein: Bis 2020 werden die Briten die Kasernen in Paderborn und Sennelager komplett verlassen haben. Fahrer werden dann nicht mehr benötigt. Eine Hoffnung hat er aber noch: »Vielleicht bleibt ja der Truppenübungsplatz bestehen, und dann werden auch Fahrer gebraucht.«

Ernst M., 61 Jahre

Wie so häufig im Leben waren es verschiedene Fügungen, wie Ernst M. Ender der 70er Jahre zu den Briten kam. Nach einer Ausbildung zum Elektroin­stallateur gelangte er bei der Bundeswehr an den Lkw-Führerschein. Er entschied sich, die ursprüngliche Ausbildung sausen zu lassen und suchte einen Job als Kraftfahrer. Doch aufgrund mangelnder Fahrpraxis sei das nicht so leicht gewesen. »Ein Bekannter erzählte mir dann, dass die Briten immer Leute suchen. Die haben mich sofort genommen.« Erst saß er auf dem Lastwagen und kutschierte zu den Schießbahnen. Dann wechselte er in die Busabteilung. Zu seinen Aufgaben gehörte es, das »zivile Gefolge« zu transportieren: die Kinder zur Schule, die Frauen zum Einkaufen und die Soldaten zum Truppenübungsplatz.

»Mein erster Bus war eine Zumutung: Der hatte keine Heizung und die Türen mussten per Muskelkraft geöffnet werden«, erzählt Ernst M. mit einem Schmunzeln. Spannend sei es auch gewesen, wenn es nachts ins Manöver ging: »Dann wurden erst die Panzer verladen und wir fuhren im Konvoi. Wir waren die ganze Woche mit den Soldaten unterwegs. Im Manöver konnten wir meist im Bus schlafen, der hatte dann zumindest eine Standheizung«, erzählt Ernst M.

Im Laufe der Jahre wurden die Busse immer größer. Bis 2009 habe er Doppeldecker mit 75 Sitzplätzen durch die teils engen Straßen von Sennelager gesteuert. Doch dann habe es die ersten Kündigungen gegeben. Von den ehemals 40 Fahrern blieben nur 15 übrig. Und: Ernst M. wechselte vom Reisebus auf einen Minibus. Den fährt er noch heute, wenn es darum geht, Soldaten oder deren Angehörige zum Arzt oder auch zum Flughafen nach Frankfurt oder Hannover zu bringen. Und nun? »Ich möchte gerne bleiben«, erklärt Ernst M., der sich bereits anwaltlichen Beistand genommen hat und gegen die Kündigung klagen will. »Mir macht die Arbeit Spaß und ich werde gerne gebraucht«, sagt der Paderborner, der sich zu jung für den Ruhestand fühlt.

Das rät die Arbeitsagentur

Andrea Protte-Neumann, Teamleiterin der Arbeitsvermittlung der Agentur für Arbeit, betreut die Eingliederung der zivilen Kräfte der britischen Streitkräfte seit Beginn im Jahr 2013. Es habe mehrere Informationsveranstaltungen gegeben. Die erste größere Aktion in Sennelager sei im Jahr 2015 gewesen, als eine Woche lang die Vermittler in 100 Einzelgesprächen zum Beispiel über Qualifizierungsmaßnahmen aufgeklärt hätten. Jetzt im Februar sei eine weitere Beratungswoche angeboten worden. »Viele Mitarbeiter haben bis zuletzt gehofft, ihre Jobs behalten zu können. Jetzt, wo die Kündigungen vorliegen, nehmen die Beratungsgespräche zu«, berichtet Andrea Protte-Neumann. In den zurückliegenden Jahren seien mehr als 50 Qualifizierungen durchgeführt worden. Mit dabei waren Feuerwehrleute, Fahrer, Lageristen sowie Mitarbeiter für Schutz und Sicherheit. Das Durchschnittsalter liege bei 50 Jahren. Dennoch sei man optimistisch, möglichst allen einen neuen Job vermitteln zu können

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