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Einige Obdachlose sind von den Hilfsangeboten überfordert und irren in Paderborn herum

„Systemsprenger“ bereiten Probleme

Paderborn

Corona und Temperaturen von minus 15 Grad: Schlimmer hätte es für die Obdachlosen nicht kommen können. Das Netz der Hilfen hat durch die Pandemie Löcher bekommen, und das Wetter verhindert, dass sich die Menschen draußen für längere Zeit aufhalten können.

Dietmar Kemper

Die Sozialarbeiterinnen Claudia Boras (vorne) und Kathrin Ploß sorgen im B2 des Vereins KIM – Soziale Arbeit für eine warme Mahlzeit für Paderborner Obdachlose, denen die eisigen Temperaturen jetzt besonders zusetzen. Foto: Oliver Schwabe

„Hätten wir nicht Corona, würden wir sagen, wir machen das Kontakt-Café auf, und alle können so lange bleiben, wie sie wollen“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins KIM – Soziale Arbeit, Nicole Wiggers. Statt 80 wie in normalen Zeiten dürften sich jetzt wegen der Kontaktbeschränkungen nur 14 Personen gleichzeitig in dem Raum aufhalten, erzählt sie.

Wie bereits berichtet, kümmert sich der Verein SKM (Katholischer Verein für soziale Dienste in Paderborn) um Obdachlose. Aber auch KIM, die Bahnhofsmission, das Erzbistum und das Ordnungsamt tun alles, um die 50 bis 60 Obdachlosen der Stadt aufzufangen, mit warmen Jacken zu versorgen, ihnen ein warmes Essen und eine Übernachtungsmöglichkeit zu geben. Experten befürchten, dass die Zahl der Kältetoten in Deutschland in den nächsten Tagen massiv ansteigen könnte. Im Winter 2020/21 traf dieses Schicksal bereits mindestens 17 Menschen.

Die Personen, die KIM oder dem SKM bekannt sind, haben deren Mitarbeiter aufgefangen. Sie können sich in den Tagesstätten aufhalten und essen und abends in den Schlafstellen übernachten. Bei KIM ist Platz für 18, beim SKM für 15 Personen.

Sorgen bereiten vor allem die „Systemsprenger“. Damit sind psychisch auffällige Menschen gemeint, „die so viele Probleme in sich tragen, dass sie selbst mit dem niederschwelligen Angebot der Wohnungslosenhilfe nicht umgehen können“, wie es SKM-Geschäftsführer Joachim Veenhof ausdrückt. Weil das Hilfesystem in Corona-Zeiten nicht so schnell und reibungslos arbeitet wie normal und es zum Beispiel länger dauert, einen rechtlichen Betreuer für solche Menschen zu organisieren, taucht diese Gruppe, zu der etwa frisch aus einer Klinik oder JVA entlassene Personen gehören, öfter bei der Wohnungslosenhilfe auf.

Veenhof drückt es so aus: „Wenn die anderen schwächeln, landet alles bei uns.“ Aber weil einige hilfsbedürftige Menschen damit überfordert seien, eine Maske tragen und längere Zeit in einem Raum verbringen zu müssen, verließen sie aus Protest oder im Krankheitswahn die Tagesstätte „und irren herum“. Man könne diese zum Teil orientierungs- und mittellosen Menschen aber nicht zwingen, sich helfen zu lassen, erläutert Veenhof. Er spricht von einer „Mammutaufgabe“ und davon, dass Corona dieses Phänomen verstärkt habe.

Um ihre Klientel unterstützen zu können, freuen sich die Vereine über jede Geld- und Sachspende und auch über einen Topf Suppe am Wochenende. Übrigens ist Obdach- und Wohnungslosigkeit längst nicht mehr nur ein Männerproblem. Der Anteil der Frauen sei massiv gestiegen und betrage etwa 17 Prozent, weiß Joachim Veenhof.

Warme Jacken und Pullover oder Isomatten und Schlafsäcke für diese Menschen gibt es genug. Familien, Geschäftsleute, Privatpersonen und Vereine hätten viel gespendet, berichtet der Verein KIM mit knapp 60 Mitarbeitern, die Menschen in persönlichen Notlagen helfen und sich eben auch um Suchtkranke und Wohnungslose kümmern. Im vom Verein betriebenen B2 am Busdorfwall „ist die Unterkunft voll“, sagt Sozialarbeiter Dirk Wildenberg. Im Kontakt-Café können sich Obdachlose zwischen 12 und 13 Uhr für zwei Euro eine warme Mahlzeit kaufen. Wer kein Geld hat, bekommt trotzdem etwas. 15 bis 20 Essen werden am Tag ausgegeben.

Dirk Wildenberg. Foto: Oliver Schwabe

Streetworker wie Wildenberg gehen die Stellen in der Innenstadt ab, an denen sich Obdachlose regelmäßig aufhalten – so wie am Busbahnhof. „Wer in der Stadt um Geld bittet, kann das zur Zeit nicht, denn dafür ist es zu kalt“, berichtet der Experte. Einige seien aber auf das Geld angewiesen, weil sie zum Beispiel keine Sozialleistungen beantragt hätten. Unabhängig von der Kälte halten sich wegen Corona ohnehin kaum Passanten in der City auf. Wenn das Team des KIM Obdach- und Wohnungslose antrifft, bietet es ihnen Kaffee, Tee, Obst, Brot, Brötchen und Kuchen an. Ein Zeichen der Solidarität in kalten Zeiten.

Wohnen für Obdachlose

Die Stadt Paderborn betreibt in der Kernstadt sowie in Sennelager und Elsen insgesamt sieben Immobilien, um Obdachlose aufzunehmen. Sie alle verfügten über Heizung und Warmwasser sowie Kochgelegenheiten. Nach Auskunft von Udo Olschewski, Leiter des Ordnungsamtes, handelt es sich bei den Bewohnern um Personen, die zum Beispiel durch eine Zwangsräumung ihr Dach über den Kopf verloren haben. Die Wohnungen werden für Familien und Einzelpersonen frei gehalten. Die Betroffenen werden dazu angehalten, innerhalb von sechs Monaten eine neue Wohnung zu finden. Einige der Nutzer seien aber auch schon mehrere Jahre vor Ort. Für das laufende Jahr ist eine Kernsanierung eines Gebäudes in Sennelager geplant. In den kommenden zwei Jahren wird in Elsen saniert. Die Übernachtungsstätte in der Wollmarktstraße sei unlängst saniert worden.

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