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72-Jährige Ordensschwester hilft seit 25 Jahren blinden Mädchen in den Philippinen

Trotz Herz-OP zurück nach Manila

Paderborn (WB). Erst vor wenigen Wochen hat Schwester Theresia Barkey (72) aus Paderborn eine Herzoperation überstanden. Doch weder das noch der seit Tagen brodelnde philippinische Vulkan Taal kann sie davon abhalten, heute nach Manila zurückzufliegen – zu „ihren” blinden Mädchen, um die sie sich dort seit 25 Jahren kümmert.

Christian Althoff

Die Zeit im Paderborner Mutterhaus ist vorbei: Schwester Theresia Barkey reist wieder nach Manila zurück. Foto: Althoff

1849 hatte die Mindenerin Pauline von Mallinckrodt mit drei weiteren Frauen in Paderborn die „Kongregation der Schwestern der christlichen Liebe“ gegründet, die sich um bedürftige Kinder kümmern sollte – vor allem auch um blinde. „Denn wer blind war, galt als dumm. Niemand hat sich dieser Kinder angenommen“, sagt Schwester Theresia.

Heute nehmen die Paderborner Ordensschwestern viele Aufgaben wahr, aber die Blindenarbeit ist geblieben. „Mit der Eröffnung des Blindenheims in Manila sind wir 1995 zu unseren Wurzeln zurückgekehrt. Denn blinde Kinder gelten wie vor 200 Jahren in Westfalen oft als Aussätzige. Sie werden vernachlässigt und vor der Umwelt versteckt.“ Als sie kürzlich mit einem blinden Mädchen zum Flughafen Manila gefahren sei, um jemanden abzuholen, habe das Sicherheitspersonal die Behinderung des Mädchens bezweifelt: „Der Mann sagte: Das Kind kann nicht blind sein, das ist ja nicht dreckig.“

Kinderheim am Rande eines großen Slums

Theresia Barkey, die aus Gütersloh-Avenwedde stammt, hatte fast 20 Jahre als Blindenlehrerin gearbeitet, als sie im Januar 1995 in Manila ankam. „Wir fanden ein leeres Haus vor. Dort war nur ein Tisch, auf den jemand zu unserer Begrüßung eine

kleine Paulinen-Statue gestellt hatte.“ Aus dem Nichts bauten die Ordensschwestern hier, am Rande eines großen Slums, ein Kinderheim für blinde Mädchen auf, die in der Region Manila mit ihren 13 Millionen Menschen kaum eine Chance gehabt hätten. „Viele blinde Frauen prostituieren sich dort, um zu überleben“, sagt Schwester Theresia.

Das Blindenheim liegt im Stadtteil Escopa an der Calderon Street, nur wenige hundert Meter von einem Elendsviertel entfernt. Eine hohe Mauer mit einzementierten Glasscherben auf der Krone schützt das Haus, denn Blinde sind für Kriminelle wehrlose Opfer, die leicht ausgeraubt werden können. Deshalb gibt es auch kein Schild, das auf die Funktion des Gebäudes hinweist.

Einige blinde Mädchen finden die Schwestern selbst im Slum, manche werden ihnen von Angehörigen anderer Orden gebracht. Aber auch Mütter, die von dem Heim erfahren, geben ihre Kinder in die Obhut der Schwestern. In 25 Jahren hat Schwester Theresia viele Schicksale kennengelernt. Daisy wurde von ihrer Mutter mit einem Bügeleisen gequält, Abigale bekam nur das zu essen, was ihre Schwester auf der Straße erbettelt, und ein anderes Mädchen wurde wie Moses in einer Kiste auf einem Fluss ausgesetzt. „Im Moment betreuen wir auch eine junge blinde Frau, die mehr als 20 Jahre eingesperrt war.“

Kleine Behindertenwerkstatt angeschlossen

Die philippinischen Mädchen leben in dem Heim und lernen die Blindenschrift. Wenn sie älter sind, werden sie morgens in eine Schule gebracht. „Es gibt nicht viele Berufe, die für sie in Frage kommen“, sagt Schwester Theresia. „Masseurin oder Lehrerin zum Beispiel.“ Blinde Mädchen, die geistig behindert sind, können die Ordensschwestern dagegen nicht in ein selbständiges Leben entlassen. „Wir beschäftigen sie in unserer kleinen Behindertenwerkstatt.“

Schwester Maria Dolores, Schwester Theresia und eine Novizin. Foto: Althoff

Im Moment arbeiten zwei Ordensfrauen in dem Blindenheim – Schwester Theresia und Schwester Maria Dolores (70) aus den USA. Unterstützt werden sie von Sozialarbeitern, Hauswirtschaftskräften, einem Hausmeister und einem Fahrer. „Wir sind auch Arbeitgeber und helfen damit armen Familien“, erklärt Schwester Theresia.

Im November dann der Rückschlag: „Wenn ich eine Straße bergauf gehen musste, war ich schnell aus der Puste.“ Ärzte diagnostizierten eine defekte Herzklappe, und die Ordensfrau flog nach Deutschland zur OP in Bad Rothenfelde. Alles verlief gut. Die Reha ist vorbei, und der Koffer für Manila gepackt. „Der Gedanke, nicht zu den blinden Mädchen zurückzukehren, ist mir nie gekommen“, sagt die 72-Jährige Ordensschwester. Sie möchte ihre Aufgabe weiter erfüllen, auch wenn die Zukunft des Blindenheims auf den Philippinen ungewiss ist: „Wie alle anderen Ordensgemeinschaften haben auch wir Nachwuchssorgen. Es gibt keine junge Schwester, die sich darum reißt, nach Manila zu gehen.“

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