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Dieter Nuhr begeistert mehr als 800 Zuschauer im Paderborner Schützenhof

Über den Irrsinn unserer Zeit

Paderborn

So gut wie es wahrscheinlich noch nie zuvor jemand im Paderborner Schützenhof vollbracht hatte, verband Dieter Nuhr Tiefsinn mit Unterhaltung am letzten Abend der Sommer-Open-Air-Reihe. Mit mehr als 800 Zuschauern konnte der Kabarettist in fantastischer Atmosphäre seinen klaren, kritischen Blick auf die Welt teilen – und sorgte dabei mit scharfen Pointen für Lacher in allen Reihen.

Von Nicole von Prondzinski

„Humor soll desillusionieren!“, meint Dieter Nuhr. Im Schützenhof bewies Nuhr jedoch eindringlich, dass man auch darüber lachen kann. Foto: Nicole von Prondzinski

„Suche noch den Weg nach Paderborn, bin aber zuversichtlich, ihn zu finden“, postete Nuhr wenige Stunden vor seinem Auftritt auf Instagram: den Kopf dabei ganz tief in ein Maisfeld gesteckt. Passend dazu lagen Maiskolben auf der Bühne, als er sie betrat. Diese hätte es dabei gar nicht gebraucht – der Komiker füllt mit seiner Präsenz auch so ganz gut die Bühne.

Nachdem er bereits zehn Minuten viele Lacher geerntet hatte, kündigte Nuhr an, er habe sich der Gegenwart, dem „Zeitalter der Beleidigten“, angepasst und hätte alles aus seinem Programm gestrichen, was beleidigend oder diskriminierend sein könnte – und verabschiedete sich daraufhin.

Natürlich blieb er trotzdem auf der Bühne und gestaltete den Abend getreu seines Mottos: „Humor soll desillusionieren!“. Und so wunderte es nicht, dass Nuhr ohne Angst vor der „Humor-Polizei“ gezielt auf Knackpunkte unserer Gesellschaft hinwies und dafür viel Beifall erhielt.

So wundere er sich sehr darüber, dass ständig alle überrascht seien, wenn etwas, das immer so war, wieder so ist. Zu diesen „Überraschten“ zählten vor allem Wissenschaftler oder aber Experten, wie der Außenminister, der überrascht war vom Vormarsch der Taliban nach dem Abzug des ausländischen Militärs. Er wagte die Prognose, dass Wissenschaftler in Zukunft sicherlich auch überrascht sein werden, wenn dann zehnmal so viel Strom gebraucht wird wie jetzt, bis dahin aber alles, was kontinuierlich Strom erzeugt, abgeschafft sein wird.

Sprachbasierte Online-Dienste wie „Alexa“ verglich er mit Abhöreinrichtungen: „Ich glaube das Land würde es heute noch geben, wenn die in der DDR gewusst hätten, dass die Menschen sich freiwillig Wanzen kaufen, wenn sie nur schick genug aussehen!“ Mit nahezu jeder Pointe landete Nuhr einen Volltreffer beim begeisterten Publikum.

Auch wenn Nuhr nach seinen Abschweifungen mehrmals sagte, sein Programm habe noch gar nicht begonnen und er wolle nun endlich anfangen, so wurde doch deutlich: Sein Programm dreht sich um den „Irrsinn unserer Zeit“ und läuft schon auf Hochtouren. Hinsichtlich der Bundestagswahl beobachtete der Comedian eine Tendenz dazu, dass deutsche Politiker meinen, die Welt retten zu können. Mit einem Raunen fügte er hinzu: „Das mit der ganzen Welt hat bei uns noch nie hingehauen, das ist zu viel für uns!“ Oft musste er gar nicht aussprechen, was er meinte, allein seine Andeutungen waren schon so gut pointiert, dass er vor dem Satzende Beifall erhielt oder vom Lachen unterbrochen wurde.

Ob Größenwahn deutscher Politiker oder unaufhaltbarer Klimawandel: Bei den Themen in Nuhrs Show sollte einem eigentlich das Lachen vergehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Und vielleicht ist es gerade das, was er damit meint, wenn er sagt: „Humor soll desillusionierend sein“.

Dabei macht er auch vor dem Thema „Altern und Tod“ keinen Halt und verabschiedete sich, entgegen der derzeitigen „Bleiben-Sie-gesund“-Etikette, mit dem Zitat eines Buddhisten: „Gesundheit ist lediglich die langsamste Form zu sterben.“

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