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Kind umgefahren: Polizei kann Autofahrer in Paderborn schnell ermitteln – Strafbefehl beantragt

Unfallflucht mit schlimmen Folgen

Paderborn

Es ist wohl der Albtraum aller Eltern, dass ihr Kind im Straßenverkehr verunglücken könnte. Wie schlimm muss es sein, wenn sich in einem solchen Fall dann auch noch der Autofahrer aus dem Staub macht und sich nicht um das verletzte Kind kümmert?

Ingo Schmitz

Im Kurvenbereich der Sighardstraße wurde der 13-jährige Fußgänger im Sommer von einem Auto umgefahren. Foto: Jörn Hannemann

Für eine Paderborner Familie ist dieser Albtraum im vergangenen Sommer wahr geworden. Zum Glück überlebte der 13-jährige Junge, er erlitt jedoch schwerste Verletzungen. Und zum Glück konnte der Autofahrer ermittelt werden. „Die Polizei hat da wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Es zeigt sich mal wieder, dass sich Unfallflucht nicht lohnt“, betont Rechtsanwalt Tobias Mix aus Paderborn. Er vertritt die Interessen des Unfallopfers, das nach wie vor unter den Folgen massiv leidet – körperlich wie psychisch.

Das Unglück geschah am Sonntag, 2. August 2020, um 14.30 Uhr. Wie die Polizei damals berichtete, überquerte der 13-jährige Fußgänger die Sighardstraße, als ein weißes Auto laut Zeugenaussagen mit stark überhöhter Geschwindigkeit und aufheulendem Motor aus der Mälzerstraße nach rechts in die Sighardstraße abbog und dann den Jungen mit der Fahrzeugfront erfasste. Das Kind flog auf die Motorhaube und wurde mehrere Meter durch die Luft geschleudert.

Der 13-Jährige prallte gegen ein geparktes Auto und blieb dort mit schwersten Verletzungen liegen. Der Fahrer des weißen Wagens flüchtete ohne anzuhalten mit quietschenden Reifen und stark überhöhter Geschwindigkeit über die Wollmarktstraße in Richtung Frankfurter Weg.

„Die Ärzte konnten zunächst eine Lebensgefahr für den verletzten Jungen nicht ausschließen“, hieß es damals im Polizeibericht. Der 13-Jährige wurde daher mit schweren Kopfverletzungen erst nach Kassel und dann in eine Spezialklinik nach Göttingen verlegt. Die Diagnose: Ein Polytrauma mit einer Lungenverletzung sowie einem beidseitigen Kieferbruch. Der Kiefer musste mit Platten verschraubt werden. „Der Junge konnte wochenlang nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. Noch heute hat er Taubheitsgefühle und Lähmungserscheinungen in den Gesichtshälften. Hinzu kommt die psychische Komponente: Er hat Angst die Straße zu überqueren. Der Schulweg ist äußerst problematisch“, berichtet der Anwalt. Die Folgen könnten durchaus langwierig sein.

Weil der Autofahrer nach der Kollision einfach weiter gefahren war, startete die Polizei umfangreiche Fahndungsmaßnahmen. Hilfreich waren zum einen die Zeugen, die einen weißen Kombi, Volvo oder Mitsubishi, gesehen haben wollten. Es gab aber auch zurück gebliebene Fahrzeugteile am Unfallort, die den gesuchten Typ stark eingrenzten, wie der Anwalt erzählt.

Parallel dazu hätten die Ermittler im Umfeld des Unfallortes einige Überwachungskameras von Firmen bemerkt. Durch die Auswertung des Materials sei es gelungen, den Fluchtweg zu rekonstruieren. Innerhalb nur eines einzigen Tages zog sich die Schlinge um den Hals des Autofahrers enger und es gab genügend Hinweise auf den Verdächtigen, der auch noch in Tatortnähe wohnte: Auf einem Firmen-Parkplatz habe eine Polizeistreife schließlich einen weißen Mitsubishi entdeckt und dabei Unfallspuren im Bereich von Blinker und Scheinwerfer registriert, sagt der Anwalt. Der Wagen wurde sichergestellt.

Weil Unfallzeugen auch eine grobe Fahrerbeschreibung abgeliefert hatten, habe schnell festgestanden, dass der Halter des Wagens auch der Fahrer zum Unfallzeitpunkt gewesen sein musste. Mittlerweile liege ein Geständnis des Mannes vor, sagt Rechtsanwalt Mix. Außerdem habe sich der 40-jährige Fahrer über seinen Anwalt bei dem verletzten Kind entschuldigt.

Um dem jungen Opfer eine Gerichtsverhandlung und eine Konfrontation mit dem Autofahrer zu ersparen, beantragte jetzt die Staatsanwaltschaft Paderborn gegen den Mann einen Strafbefehl wegen Straßenverkehrsgefährdung, Körperverletzung und Unfallflucht. Danach soll gegen ihn eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten zur Bewährung verhängt und ihm der seit August 2020 vorläufig eingezogene Führerschein für weitere vier Monate entzogen bleiben. Zusätzlich soll der Mann 2000 Euro an das Kind zahlen.

Das sei kein besonders mildes, aber auch kein übermäßig hohes Strafmaß, wie Tobias Mix betont. Eine Erklärung dafür, warum der Mann einfach vom Unfallort abgehauen ist, gibt es bislang nicht. „Vielleicht war es eine Kurzschlussreaktion“, meint der Verkehrsrechtler, der den Jungen übrigens auch bei den zivilrechtlichen Dingen vertritt. Bislang habe die Haftpflichtversicherung des Fahrers anfallende Kosten übernommen. Der Unfallfahrer werde aber mit Sicherheit von seiner Versicherung in Regress genommen werden, meint der Verkehrsrechtler. Dies sei immer dann möglich, wenn eine Unfallflucht vorliege. Die Polizei wirbt schon seit Jahren mit dem bekannten Slogan: „Unfallflucht lohnt sich nicht.“

Mit Blick auf den vorliegenden Fall bekräftigt Anwalt Tobias Mix diese Erkenntnis noch einmal sehr deutlich: „Wir haben heute ein gläsernes Zeitalter. Es macht also keinen Sinn, vom Unfallort wegzufahren.“

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