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Was der Paderborner Aktionskünstler Arnd Drossel auf seiner Reise zum Weltklimagipfel in Glasgow erlebt hat

Viel Herzlichkeit, wenige Versprechen

Paderborn/Glasgow

Der Kilt ist typisch schottisch. Als er ihn geschenkt bekam, durfte sich Arnd Drossel wie ein halber Schotte fühlen. Nachdem der Paderborner Aktionskünstler mit Hilfe seiner Drahtkugel die Worte „My Promise Mother Earth“ (Mein Versprechen an Mutter Erde) in den Sand am Strand von Prestwick geschrieben hatte, wollten die Einheimischen wissen, wer der Fremde ist und was er tut. „Rolling Hamster“ nannten sie ihn.

Von Dietmar Kemper

Arnd Drossel (links) traf bei der Weltklimakonferenz Glasgows Oberbürgermeister (Lord Provost) Philip Braat.Arnd Drossel (rechts) beteiligte sich mit seiner Aktion an der Demonstration von „Fridays for Future“. Foto: Simone J Rudolphi

„Ich habe viele hilfsbereite, freundliche Menschen kennengelernt“, blickt Drossel auf seine Reise zum Weltklimagipfel in Glasgow zurück. Seit ein paar Tagen ist er zurück in Elsen und muss „erst wieder Struktur in seinen Alltag bringen“. Seit dem 30. Juli hatte er 60 Städte in sieben Ländern besucht, deren Bürger- und Oberbürgermeister getroffen und für Umwelt- und Klimaschutz geworben.

Nach dem Auftakt in Paderborn ging es unter anderem nach Dortmund, Maastricht, Lüttich, Brüssel, Lille, Canterbury, London, Nottingham, in Paderborns Partnerstadt Bolton und weiter nach Dublin, Belfast, Kilmarnock und schließlich Glasgow, wo die Weltklimakonferenz am 1. November begann. Fast 1900 Kilometer legten Drossel und seine Begleiter zurück, darunter seine Frau Petra Kaiser, sein Sohn Kalin und Mitstreiter David Stolze. Der musste aber schon in Deutschland haltmachen, weil sein Ausweis abgelaufen war. Zum Tross gehörten ein Camper, zwei Lastenräder und natürlich die Drahtkugel, mit der Drossel von Ort zu Ort rollt. Das Geflecht symbolisiert, dass die Menschheit ein Netzwerk bildet und nur gemeinsam Herausforderungen wie den Klimawandel meistern kann.

Bei seiner Kampagne „My Promise Mother Earth“ sammelte der Aktionskünstler Versprechen von ganz normalen Menschen an die Mutter Erde. 838 kamen zusammen. Das ist eine Zahl, mit der Arnd Drossel nicht zufrieden ist: „Für jeden zweiten Kilometer rechnerisch ein Versprechen, das ist längst nicht das, was ich erwartet hatte.“ Über die Ankündigungen der Bürger, ihr Verhalten ändern zu wollen, freute er sich natürlich trotzdem. Die meisten wollen demnach ihre Ernährung umstellen, weniger Fleisch und mehr Bioprodukte essen und auf unverpackte Lebensmittel achten. Andere planen, ihr Haus möglichst klimaneutral umzugestalten, weniger bis gar nicht mehr zu fliegen und öfter das Rad zu benutzen. Wieder andere versprachen, Freunde, Bekannte und Nachbarn zu einem klimafreundlichen Handeln motivieren zu wollen. „Nur wenn jeder aktiv wird, haben wir eine Chance, jeder kann bei sich anfangen“, betont der Paderborner, der auf seiner Reise beobachtet hat, dass die Wünsche und Forderungen an die Politik groß, aber gleichzeitig noch zu wenige Menschen bereit sind, selbst zu handeln.

Arnd Drossel (rechts) beteiligte sich mit seiner Aktion an der Demonstration von „Fridays for Future“. Foto: Simone J Rudolphi

Mag die Zahl der gesammelten Versprechen gering sein, so war die Resonanz auf seine Aktion beträchtlich. „Vor allem ab England habe ich eine große internationale Aufmerksamkeit gefunden“, erzählt Arnd Drossel und verweist auf zahlreiche Interviews mit TV-Sendern nicht nur aus Großbritannien, sondern auch aus Italien, Mexiko oder Norwegen. In Glasgow half ihm die Universität mit einem Standplatz, Essen und der nötigen Internetverbindung. Er traf den Oberbürgermeister und einen Abgeordneten des schottischen Parlaments und nahm an der Demonstration von „Fridays for Future“ auf dem George Square teil. Seine 838 Versprechen konnte er dem Direktor der Weltklimakonferenz aber genauso wenig persönlich übergeben wie ein Dutzend Umweltschutzorganisationen ihre Unterschriften. Ob der Direktor keine Zeit hatte oder ob es mit der Corona-Pandemie zusammenhing, darüber kann Drossel nur spekulieren.

Die Ergebnisse des Klimagipfels bewertet er zurückhaltend. Den Beschluss, schrittweise weniger Kohle zu verbrennen, verbunden mit der Aufforderung, ineffiziente Subventionen für Öl, Gas und Kohle zu streichen, begrüßt er und hofft, dass jetzt mehr Geld in nachhaltige Projekte investiert wird. Trotzdem sei die Zukunft nicht rosig. „Politiker verhandeln mit dem Kopf, nicht mit dem Herzen“, findet der Aktionskünstler und Klimaaktivist.

Auf viel Herzlichkeit stieß er bei den Menschen auf der Insel. „Sie haben uns mit Übernachtungsmöglichkeiten, mit Essen unterstützt, uns bei Regen hereingebeten“, erinnert er sich. Zwei Männer hätten sogar seine Stahlkugel geschweißt. Und ein Kranfahrer habe die Kugel sogar einmal von der einen Seite einer Brücke auf die andere gehievt. Die Kugel befindet sich noch in Glasgow und dient zwei anderen Künstlern für Aktionen.

Auf seiner Tour stellte Drossel fest, dass Deutschland in Sachen Klimabewusstsein durchaus schon weiter ist als andere. Obwohl verboten, laufe in Irland der Motor eines stehenden Autos oft minutenlang vor sich hin, beobachtete er. Der 53-Jährige besuchte acht Schulen, um Heranwachsende für eine gemeinsame Anstrengung für eine klimafreundliche Zukunft zu sensibilisieren. Schüler und ihre Eltern stehen auch im Mittelpunkt der nächsten Kampagne, die Arnd Drossel plant. Im November 2022 will er zum Weltklimagipfel im ägyptischen Scharm El-Sheich reisen und dort Löffel übergeben. Nach dem Motto: Nur gemeinsam kann die Menschheit die Suppe, die sie sich eingebrockt hat, wieder auslöffeln.

Über die Schulen sollen Eltern bundesweit und darüber hinaus motiviert werden, Löffel zu sammeln, die sie mit einem Versprechen und einer Spende verbinden. „Die Hälfte des Geldes geht in einen Aktionstag an der Schule und in die Anschaffung von Bäumen – jeder Schüler soll einen bekommen“, erläutert der Paderborner. Mit der anderen Hälfte des Geldes will er seine Umweltkampagne „My Promise Mother Earth“ weiter finanzieren, zu der ein Verein gehört, der im Bereich Nachhaltigkeit berät. Die Tour nach Glasgow hat Drossels Finanzen nach eigenen Worten schmelzen lassen: „Ich habe viel eigenes Geld reingepumpt, konnte die Kosten aber trotzdem nicht decken. Deshalb kann ich Spenden und Sponsoren gut gebrauchen.“

Weitere Details zu Projekt und Verein gibt es unter www.mypromise.earth.

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