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Wissenschaftlerinnen aus Paderborn erforschen historische Kleidung

Warum Frauen Röcke tragen und Männer Hosen

Paderborn (WB). Rock oder Hose, Bluse oder Pullover: Welche Kleidung wir tragen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stets gewandelt. Wie sich Industrialisierung oder Frauenwahlrecht auf die Mode auswirkten, haben jetzt zwei Wissenschaftlerinnen der Uni Paderborn erforscht.

Florian Weyand

Kerstin Kraft, Wissenschaftlerin der Universität Paderborn, untersucht historische Kleidungsstücke, um genaue Rückschlüsse auf frühere Bewegungsformen zu ziehen. Dafür werden sie gemessen und fotografiert. Foto: Universität Paderborn, Besim Mazhiqi

Einen großen Wandel bei der Kleiderwahl gab es in der Zeit zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik, berichten Regina Lösel und Kerstin Kraft von der Universität Paderborn. Die Wissenschaftlerinnen erforschen anhand von historischer Kleidung, was Menschen damals getragen und wie sie sich früher bewegt haben.

Dafür nehmen sie Kleidung aus den Jahren zwischen 1850 und 1930 buchstäblich unter die Lupe. Gestellt werden die alten Kleidungsstücke vom Historischen Museum in Frankfurt. Erforscht wird zum Beispiel, wo die Kleidungsstücke Abnutzungs- und Gebrauchsspuren haben. Durch die genaue Analyse von Nahtverläufen, Schnittformen und des Materials können menschliche Bewegungen nachgebildet werden.

Literatur schreibt Bewegungen vor

Eine interessante Erkenntnis der beiden Forscherinnen: Bewegungen wurden früher unter anderem durch sogenannte Benimmliteratur vorgeschrieben. »Sitz gerade, schlenkere nicht mit den Armen, behalte die Beine bei Dir.« Für Frauen und Mädchen gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts klare Regeln.

Laut den beiden Wissenschaftlerinnen wurde der weibliche Körper als besonders schützenswert empfunden: »Daher war man der Meinung, dass er eine Stütze bräuchte und so gab es das Korsett.« Männer seien dahingegen als stark und dynamisch wahrgenommen worden. Sie mussten sich als »Handelnde« frei bewegen und hatten deshalb Hosen an.

»Einbeinigkeit« bei Frauen

Der Rock, durch den Frauen kaum Bewegungsfreiheit hatten, habe sie zu einbeinigen Wesen. gemacht, teilen die Wissenschaftlerinnen mit. Diese »Einbeinigkeit« habe sich in speziellen Schnittformen wie beispielsweise dem asymmetrischen Reitrock für das Reiten im Damensitz niedergeschlagen, ergänzt Kraft.

Aber auch die Industrialisierung beeinflusste die Mode. Frauen drängten in die Fabriken, waren als Arbeiterinnen oder Sekretärinnen gefragt – und mussten ihre Kleidung ändern. »Es gab zum Beispiel neue Kombinationsmöglichkeiten aus Bluse und Rock und auch die Hose setzte sich zunehmend durch«, sagt Regina Lösel.

Bis 1860 waren der rechte und linke Schuh identisch

Aber nicht nur Kleidungsstücke wie Rock, Hose oder Bluse – auch das historische Schuhwerk offenbart laut der Wissenschaftlerin Erstaunliches: »Bis in die 1860er Jahre waren der rechte und linke Schuh noch identisch. Das hat sich deutlich auf die Art und Weise ausgewirkt, wie Menschen gegangen sind.« Erst später wurde dieser Umstand von den Schuhmachern berücksichtigt und die Schuhe wurden auf den jeweiligen Fuß abgestimmt.

Neben den textilen Zeugnissen ziehen die Wissenschaftlerinnen für ihr Forschungsprojekt auch historische Literatur zurate: »Dokumente, Benimmliteratur, physiologische Schriften aus dem medizinischen Bereich, erste Filme oder auch Karikaturen liefern wichtige Hinweise und Belege für unsere Annahmen und ergänzen sie«, sagt Kerstin Kraft.

Die Forschungsergebnisse der Universität Paderborn sollen im März 2020 im Rahmen einer Ausstellung im Historischen Museum in Frankfurt veröffentlicht werden. Dann werden neben den historischen Kleidungsstücken auch Skizzen, digitale Rekonstruktionen und Fotos präsentiert.

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