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Diagnose AVWS: 13-jährigem Mädchen aus Paderborn wird Kostenübernahme für Übertragungsanlage abgelehnt

Wenn die Krankenkasse nicht zahlt

Paderborn

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Mensch spricht Sie an, und alle Umgebungsgeräusche wie zum Beispiel Verkehrslärm werden genauso stark an das Gehirn weiter geleitet, wie die menschliche Stimme. Stellen Sie sich weiter vor, dass diese Reizüberflutung ein Dauerzustand ist.

Ingo Schmitz

3000 Euro kostet die Übertragungsanlage, die Josephine helfen könnte. Mit ihrer Mutter hofft sie auf die Kostenübernahme. Foto: Oliver Schwabe

Genauso geht es Menschen mit einer Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS). Ein technisches Gerät könnte helfen. Doch im Fall der 13-jährigen Josephine Knoop aus Paderborn hat die Krankenkasse die Kostenübernahme zunächst einmal abgelehnt. Das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT hat sich eingeschaltet.

„Wir haben lange nicht gewusst, was Josephine hat“, berichtet ihre Mutter Stefanie Knoop. Im Alter von zwei Jahren sei bei dem Mädchen eine Sprachverzögerung aufgefallen, die zunächst logopädisch behandelt wurde. „Josephine sagte ‚tucken‘ statt ‚gucken‘. Die Logopädin äußerte den Verdacht, dass sie schwerhörig sein könnte. Wir sollten froh sein, wenn sie in Deutsch eine Vier auf dem Zeugnis bekäme“, erzählt die Mutter.

Nach der Einschulung an der Laborschule in Bielefeld verweigerte das Kind zunächst Lesen und Schreiben. Eine Artikulationsstörung (Dyslalie) sowie Sprachentwicklungsstörung (Dysgrammatismus) standen im Raum. Nach einem Schulwechsel an eine Regel-Grundschule sei es besser geworden. Und obwohl Josephine wenig für die Schule tat, sei sie eine recht gute Schülerin gewesen – auch deswegen, weil sie exzellent auswendig lernen könne.

Weitere Untersuchungen an der Uniklinik Münster (UKM) folgten. Dabei wurde der Beobachtung nachgegangen, dass das Kind extrem geräuschempfindlich reagierte. „Ihr waren andere Kinder immer zu laut.“ Wenn sie aus der Schule kam, war sie zudem völlig erschöpft. An der UKM folgte schließlich die Diagnose: AVWS. „Dabei ist die Hörverarbeitung zum Gehirn gestört. Man muss sich das wie ein Telefongespräch vorstellen, in dem ständig Gesprächsbrocken rausgeschnitten werden“, erläutert die Mutter. So könne man unter anderem schwerlich dem Unterricht folgen.

Aus dem Erfahrungsbericht von drei Lehrern

Seit dem vergangenen Jahr nimmt die inzwischen 13-jährige Schülerin, die nun das Gymnasium St. Michael in Paderborn besucht, an einer Studie der Uniklinik Münster teil. Dabei sei herausgekommen, dass Josephine einen Intelligenzquotient von mehr als 120 hat, was als überdurchschnittlich betrachtet wird. Testweise wurde der Schülerin eine Roger-Focus-Anlage (rund 3000 Euro) zur Verfügung gestellt. Das Gerät überträgt die Lehrerstimme drahtlos direkt an das Ohr des Schülers und ermöglicht damit eine Erhöhung der Aufmerksamkeit. Die Folge: Josephine verbesserte in der Testphase ihre Noten deutlich. Im Erfahrungsbericht dreier Lehrer heißt es: „Josephine arbeitet deutlich konzentrierter, zeigt eine höhere Beteiligung und kann dem Unterrichtsgeschehen durchgehend folgen. Die Qualität und Quantität ihrer Beteiligung entspricht mit dem Gerät denen der Mitschüler. Das Gerät gleicht unseres Erachtens die Nachteile durch die Hörschwierigkeiten vollständig aus.“

Auch die Uniklinik bestätigt: „Unter Verwendung der Übertragungsanlage konnte in Testsituationen eine Verbesserung der Sprachdiskrimination nachgewiesen werden. Im Unterricht muss von einem noch deutlicheren Hörgewinn ausgegangen werden.“ Die Siemens Betriebskrankenkasse (SBK) schickte dennoch eine Absage zur Kostenübernahme. Es handele sich nicht um ein medizinisch notwendiges Gerät.

Stefanie Knoop ist verzweifelt, weil die Lebensqualität ihrer Tochter gesteigert und der Leidensdruck erheblich gemindert würde. Auf WV-Anfrage äußerte sich die Krankenkasse so: „Für die Genehmigung des Antrags auf eine Roger- Focus-Anlage fehlen laut Gutachten des medizinischen Dienstes der Krankenkassen noch Unterlagen, weswegen er unsere Leistungspflicht nicht abschließend beurteilen konnte. Sobald uns die Unterlagen vorliegen, werden wir den Fall neu beurteilen.“ Stefanie Knoop hat nun neue Hoffnung. Ob die begründet ist, werden wir berichten.

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