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Theater Paderborn belebt unbekannte Schiller-Komödie „Der Parasit“ neu

Wenn ein Heuchler überdreht

Paderborn (WB). Er wird als galant, rechtschaffen, tüchtig und geistreich gerühmt. Dabei ist Selicour in Wirklichkeit ein Heuchler, Speichellecker und Lügner. Dieser Antiheld steht im Mittelpunkt der weitgehend unbekannten Komödie „Der Parasit oder die Kunst sein Glück zu machen“, die am Samstag im Großen Haus des Paderborner Theaters ihre Premiere feierte. Der langanhaltende Beifall danach war nicht geheuchelt, sondern echt.

Dietmar Kemper

Selicour (David Lukowczyk, Mitte) ist auf dem besten Weg, auch den Minister Narbonne (Daniel Minetti, links) um den Finger zu wickeln. Der Kammerdiener (Robin Berenz) beobachtet das speichelleckerische Verhalten. Foto: Tobias Kreft

„Der Parasit oder die Kunst sein Glück zu machen“ stammt von Schiller, aber so ganz stimmt das auch wieder nicht. Weil damals Mangel an deutschen Komödien herrschte, übersetzte und überarbeitete Schiller 1803 das Original des Franzosen Louis-Benoît Picard (1769-1828) für die Hofbühne in Weimar und gab dem Stück den Titel, wie er im Spielplan des Paderborner Theaters steht.

Obwohl das Werk schon Jahrhunderte zurückliegt, ist das Thema Selbstinszenierung im Selfie-Zeitalter hoch aktuell. Selicour, dargestellt von David Lukowczyk, will unter dem neuen französischen Minister Narbonne (Daniel Minetti) in Paris Karriere machen, einen Posten als Gesandter bekommen und Narbonnes Tochter Charlotte (Lea Gerstenkorn) heiraten. „Sei immer rechtschaffen und bescheiden – das ist mein einziges Geheimnis“, behauptet er und handelt doch völlig anders. Er sorgt dafür, dass sein alter Schulfreund La Roche (Ogün Derendeli) seinen Job verliert, gibt ein Memorandum des vorbildlichen Beamten Firmin (Alexander Wilß) und ein Gedicht von dessen Sohn Karl (Carsten Faseler) als seine Arbeit aus, intrigiert und redet seinen Gönnern nach dem Munde („So mein ich’s“). Selicour, der sich „geschmeidig“ nennt, verleugnet seinen Vetter vom Lande und lässt seine Mutter im Stich, um mit aller Macht Karriere zu machen. Kurz vor dem Ziel überdreht er die Spirale, und La Roche, der auf Rache sinnt und den „unwissenden wie niederträchtigen Spitzbuben“ entlarven will, triumphiert.

Madame Belmont (Evan Brunner) will ihre Tochter Charlotte (Lea Gerstenkorn) mit dem Hochstapler verkuppeln. Foto: Tobias Kreft

David Lukowczyk spielt den Hochstapler Selicour großartig, souverän wechselt er von einem Moment auf den anderen von der säuselnden Schmeichelei zur barschen Beleidigung. Alle Rollen, auch die kleineren, sind ausgezeichnet besetzt, was nicht zuletzt auch für Robin Berenz als Kammerdiener, Eva Brunner als in Selicourt vernarrte Madame Belmont und Selicours Vetter Robineau (Tim Tölke) gilt.

Regisseur Tim Egloff hält sich weitgehend an Schillers Vorlage, aber nicht sklavisch. Um der Empörung über Selicours Verhalten Ausdruck zu verleihen, greift er auf das berühmte „How dare you?“ („Wie könnt ihr es wagen?“) der Umweltaktivistin Greta Thunberg zurück. In der sehenswerten Fassung des Paderborner Theaters holt er die Komödie in die Gegenwart und Sina Barbra Gentsch setzt bei den Bühnenbildern und Kostümen auf satte Farben. Sie sind grell und bunt; pink, hellgrün und hellblau passen zu den schillernden Charakteren des Stücks. Die Anzüge sind mutig gestreift und kariert und wirken wie das Ergebnis von Modedesignern auf Droge. Es ist ein Vergnügen, das Stück zu sehen, und es hat auch noch ein Happy End. Minister Narbonne entlässt das Publikum mit dem nachdenklichen Spruch in den Abend: „Der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.“

Die Komödie ist noch am 31. Januar, 14., 15., 21., 23., 26., 27. und 29. Februar sowie am 12. März zu sehen.

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