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Jahresausstellung der Fächer Kunst und Textil der Universität Paderborn

Wenn ein Mensch sich häutet und Korken ein Kleid zieren

Paderborn (WB). Ein in ein Emoji verwandelter Totenschädel, ein Kleid mit Flaschenkorken, ein Stück Brokkoli im 3D-Druck mit Ladekabel und der Videospieleheld Super Mario als Stick­arbeit: Die Kreativität der 727 Studentinnen und Studenten der Fächer Kunst und Textil der Universität ist beeindruckend.

Dietmar Kemper        

Quang Tran hat die Entwicklung eines Menschen in seinem Bild „Changes“ umgesetzt. Es ist Teil einer Fülle von Werken, die sich mit dem Thema Selbstporträt befassen. Foto:

Wer sich davon überzeugen möchte, hat jetzt die beste Gelegenheit dazu. Am Dienstagabend wurde die Jahresausstellung im Silo eröffnet; die zumeist in Seminaren entstandenen Werke sind bis zum 3. Februar täglich von 10 bis 19 Uhr zu sehen.

Nachdenken über Selbstporträts

Selbstporträts gibt es seit etwa 500 Jahren. Moderne sind im Silo zu sehen. „Was kann ein Selbstporträt im 21. Jahrhundert, im Zeitalter des digitalen Selfiewahns, sein?“ Diese Frage stellte Max Schulze, Professor für Malerei, seinen Studentinnen und Studenten. Deren Antworten schmücken ganze Wände. Quang Tran aus Schwaben malte eine Figur, die aus einem blütenartigen Gebilde herausragt. „Changes“ heißt das Bild, es versinnbildliche Entpuppung und Häutung, Entwicklung und Weiterentwicklung eines Menschen, sagte der 26-Jährige, der im fünften Semester Kunst und Kunstvermittlung sowie Mode, Textil und Design studiert.

Neun von zehn Kunststudentinnen und Kunststudenten werden später Lehrer. „Es ist total wichtig, dass sie vor dem Schuldienst noch einmal sehen, dass in der Kunst echt viel möglich ist“, wies Max Schulze auf eine Funktion der Jahresausstellung hin.

Wie viel möglich ist, zeigen die Vexierbilder, in denen sich Bilder und Bedeutungsebenen überlagern. Student Sebastian Vogt nutzte das 1892 entstandene Totenschädelbild „All is Vanity“ von Charles Allan Gilbert dazu, um daraus ein gelbes Emoji und einen digitalen Arbeitsplatz zu machen. In ihren Seminaren befassten sich die Studentinnen und Studenten auch mit der Natur in Katastrophenbildern und der Stenciltechnik, bei der mit Schablonen gearbeitet wird.

Nachhaltige Mode ein wichtiges Thema

Bei den Kommilitoninnen und Kommilitonen im Fach Mode, Textil und Design ist Nachhaltigkeit gerade ein wichtiges Thema. „Slow Fashion“ und „Zero Waste“ sind hier die zentralen Stichworte. Bei der „Slow Fashion“ wird der Wert von guter Qualität, sauberer Umwelt und Fairness gegenüber Produzenten und Verbrauchern betont. Bei „Zero Waste“ gehe es darum, Mode „mit so wenig Verschnitt wie möglich“ zu schaffen, erläuterte die künstlerische Mitarbeiterin im Bereich Mode, Textil und Design Franziska Friese und ergänzte: „Das Thema ‚Zero Waste‘ wird seit Jahren intensiv in der Lehre aufgegriffen.“

Banale Alltagsgegenstände hat die Studentin Carina Koch für Modezwecke recycelt. Sie ergänzte den Tüll ihres Kleides durch gürtelartige Dekorationen aus Kronkorken von Getränken, die sie und ihr Freund am liebsten haben. Textilstudenten erlernen die Technik des Färbens, sie sticken und klöppeln und fotografieren.

Ein Hingucker in der Jahresausstellung ist der gestickte TV-Bildschirm, auf dem Super Mario zum Sprung ansetzt. Im Erdgeschoss erwarten die Betrachter Arbeiten aus dem Bereich Bildhauerei: zum Beispiel Gesichter und Fratzen von Tieren aus Keramik oder ein Stück Brokkoli im 3D-Druck mit Ladekabel. „Ich möchte die Studenten puschen, die Chancen der Digitalisierung voll zu nutzen, experimentell mit ihr umzugehen und Übergänge zu klassischen Formen der Bildhauerei zu schaffen“, sagte Dozent Alfons Kogl.

Malen statt Wischen

Bildhauerei ist etwas Handfestes, etwas zum Anpacken, zum Erleben von Material mit allen Sinnen. Eva Weinert, Lehrkraft im Bereich Druckgrafik, hält es für enorm wichtig, dass Studenten solche Erfahrungen machen. „Sie sind es nicht mehr gewöhnt, richtig zuzupacken. Die künstlerische Arbeit ist ein Gegengewicht und ein Ausgleich zur Digitalisierung, zum Wischen auf dem Smartphone, das ihren Alltag bereits bestimmt“, betonte Weinert. Durch den praktischen Kontakt mit Kunst könnten die jungen Leute „Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft bekommen“.

Übrigens findet am Montag, 3. Februar, im Silo eine Führung im Bereich Textil statt. Beginn ist um 12 Uhr, Treffpunkt der Raum S4.106 des Silos.

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