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„Bericht über eine unbekannte Raumstation“ 55 Mal in Paderborn

Wenn ein Theaterstück dank Corona zum Glücksfall wird

Paderborn (WB). Normalerweise wird Theater auf einer Bühne gespielt und nicht im labyrinthartigen Inneren eines Theatergebäudes. Das Stück „Bericht über eine unbekannte Raumstation“ im Theater Paderborn ist faszinierend anders.

Dietmar Kemper

In der Licht- und Soundinstallation dringt die Besatzung eines havarierten Raumschiffs auf einer unbekannten Raumstation immer weiter in die Unendlichkeit vor. Foto: Tobias Kreft

Hier werden auch der Aufzug, der Bereich oberhalb der Bühne im Großen Haus mit seinen zahlreichen Scheinwerfern und sogar der Raum, in dem die Mülltonnen gelagert werden, zu Schauplätzen. Intendantin und Regisseurin Katharina Kreuzhage bindet die Zuschauer in ihre Mischung aus spannendem Science-Fiction-Abenteuer und unorthodoxer Theaterführung mit ein, lässt sie zwar nicht mitspielen, aber mitlaufen. Es ist ein Beispiel für das „immersive Theater“. Es beteilige die Zuschauer mehr als üblich oder spiele sogar um sie herum, erläuterte die Intendantin am Freitag diese Form des Theaters, bevor sie die Probe des „Berichts über eine unbekannte Raumstation“ mitverfolgte.

Drei Aufführungen an einem Tag

Weil dieses Stück im Juni und Juli nur wenige Male gezeigt werden konnte, die Reaktion der wenigen Zuschauer aber teilweise euphorisch ausfiel, wird es in der neuen Spielzeit wieder aufgenommen und 55 Mal gespielt. Im August, September und Oktober sind an den Wochenenden in der Regel jeweils drei Aufführungen täglich um 17, 18.30 und 20.30 Uhr vorgesehen. Die Mischung aus Licht- und Toninstallation sowie szenischer Lesung nach einer Kurzgeschichte von James Graham Ballard (1930-2009) dauert gut 35 Minuten, und coronabedingt dürfen weiterhin nur wenige Zuschauer dabei sein – künftig aber immerhin sieben.

Zuschauer müssen sich Westen anziehen

Die ziehen sich zu Beginn des Theaterabenteuers eine Weste an und merken sich die darauf angebrachte Nummer. Denn um den Mindestabstand einzuhalten, müssen sie an den verschiedenen Stationen exakt auf den Plätzen stehen und sitzen, die mit ihrer Nummer markiert sind. Zwei Guides begleiten das Publikum, neonfarbene Streifen auf dem Boden weisen den Weg. Die Zuschauer erleben, wie die Besatzung eines havarierten Raumschiffs auf einer unbekannten Station notlandet, sie erkundet und dabei bemerkt, dass sie scheinbar unendlich groß und menschenleer ist. Räume öffnen sich, Vorhänge senken und heben sich, der Boden fährt nach unten, Nebel wabert, mal dringen schrille, mal sphärische, mal opernhafte Töne ans Ohr. Die Lichteffekte tun ihr Übriges, dass sich die Zuschauer ins All versetzt fühlen.

Ohne das Coronavirus würde es den „Bericht über eine unbekannte Raumstation“ in dieser Form im Theater Paderborn nicht geben. Ursprünglich sei das Stück für das Studio geplant gewesen, sagte Katharina Kreuzhage am Freitag. Die Corona-Pandemie habe dann aber die Chance eröffnet, solche Theaterformen in Paderborn auszuprobieren.

Auch das Theater war entvölkert

Die Parallele zur Kurzgeschichte von James Graham Ballard stand der Intendantin im Frühjahr jeden Tag vor Augen. Als Folge von Kurzarbeit waren die Räume des Theaters „leer und entvölkert“ – so wie die Decks auf der Raumstation, über die im Stück die Schauspieler Alexander Wilß und David Lukowczyk in Entdeckermanier schreiten, regelmäßig Lageberichte abgeben und sich dabei genauso orientierungslos fühlen wie so mancher aktuell in der Corona-Zeit. „Es wird in fast allen Räumlichkeiten gespielt, die sonst nicht zu sehen sind“, erläuterte Katharina Kreuzhage und machte gleichzeitig deutlich, dass solche Stücke nur die Ausnahme sein können: „Wir legen das komplette Haus lahm, bringen Beleuchtung und Ton dorthin, wo wir es normalerweise nicht müssen. Der Arbeitsaufwand ist enorm, unter Volllast ist das gar nicht möglich.“

Karten gibt es ausschließlich online ( www.theater-paderborn.de ).

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