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Komödie über einen Antihelden hat am Samstag Premiere in Paderborn

Wenn Menschen zu Parasiten werden

Paderborn (WB). Es müssen nicht immer die „Räuber“ oder „Kabale und Liebe“ sein. Der Freiheitsdichter Schiller hat auch zwei Komödien des Franzosen Louis-Benoît Picard (1769-1828) übersetzt und ihnen einen besonderen Pfiff verliehen. Eine davon ist am kommenden Samstag um 19.30 Uhr zum ersten Mal im Theater Paderborn zu sehen.

Dietmar Kemper

David Lukowczyk (links) wird im Großen Haus den Hochstapler spielen, Daniel Minetti verkörpert den Minister Narbonne. Foto: Tobias Kreft

Ein Egoist reinsten Wassers

In „Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen“ pflegt Selicour sein Ego bis zum Exzess. Der Hochstapler gehe mit „großer Wendigkeit durchs Leben“, sagte Regisseur Tim Egloff am Dienstag bei der Vorstellung des Stücks. Das Publikum erwartet ein Kriecher, Speichellecker, rücksichtsloser Karrierist, kurz der totale Antiheld. In seinem Arbeitsumfeld, der Bürokratie, erschleicht sich der Mistkerl das Vertrauen seines vorgesetzten Ministers und betätigt sich als „Kollegenschwein“, wie man heute sagen würde. „Da ist ‚House of Cards‘ mit drin“, zog Egloff eine Parallele zu der amerikanischen Fernsehserie, in der ein US-Präsident über Leichen geht, um an der Macht zu bleiben.

Picard schrieb die Komödie im 18. Jahrhundert, Schiller übersetzte „Médiocre et rampant“ 1803 für die Hofbühne in Weimar, und 2020 in Paderborn ist das Thema weiterhin aktuell. „Sich an die Macht zu tricksen, ist allgegenwärtig“, sagte Regisseur Tim Egloff und glaubt, dass einige im Publikum sich und ihre Umgebung wiedererkennen. Selbst wenn jemand kein Intrigant sei, bräuchten Intriganten wie Selicour die Verführbarkeit anderer, um zum Zuge zu kommen, erläuterte Egloff.

Weil das Thema zeitlos ist, verzichtet Sina Barbra Gentsch auf historische Kostüme. Das Bühnenbild wird alles andere als mausgrau werden. „Ich hatte große Lust, es farblich zu überhöhen und zu übertreiben, es wird ganz bunt, und die Kostüme erinnern an schlecht gemachte Haute Couture“, kündigte die Bühnenbildnerin an.

Ist das Publikum offen für Neues?

Für die Premiere am Samstag im Großen Haus gibt es noch Karten. Sie und die weiteren Aufführungen werden zeigen, ob das Theaterpublikum nur Schillers Klassiker wie seine Dramen sehen will oder offen für Neues ist. Ein weitgehend unbekanntes Stück und obendrein noch eine Komödie, diese Konstellation müsse doch auf Interesse stoßen, ist Egloff optimistisch. Zumal Schiller bei seiner Übersetzung dem altbackenen Stil Süffigkeit verliehen habe: „Er hat die sprachliche Form aufgebrochen und lockerer gemacht.“

Während Friedrich Schiller (1759-1805) heute jeder kennt, der sich für Literatur und Schauspiel interessiert, trifft auf Louis-Benoît Picard das Gegenteil zu. Dabei hatte er sich zeitlebens durchaus Renommee erworben, gehörte er doch der Académie francaise an. Er schrieb Charakter- und Sittenkomödien. Und die Unsitte, sich aufzuplustern und schamlos selbst zu inszenieren, haben bei Selicour, dem Parasiten, bis heute viele Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur nachgeäfft.

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