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Deutsch-iranisches Ehepaar aus Paderborn schreibt autobiografischen Roman über Vorurteile und Toleranz

Zusammenprall der Kulturen

Paderborn

Was erlebt eine Iranerin in Paderborn? Und was ein Paderborner, der sich in sie verliebt, in Teheran? Antworten liefert das Buchprojekt von Nooshin Shahin und Roland Kampffmeyer. „Deutsch-Sein ist Fleißarbeit“ erzählt von fremden Kulturen, Vorurteilen, Sprachhindernissen und Rassismus.

Dietmar Kemper

Roland Kampffmeyer und seine Frau Nooshin blättern im Fotoalbum. Ihre Erfahrungen mit zwei unterschiedlichen Kulturen haben die beiden in dem autobiografischen Roman „Deutsch-Sein ist Fleißarbeit“ zusammengefasst. Foto: Jörn Hannemann

Am 28. Juni 2016 stieg Nooshin Shahin mit einem Studentenvisum in Teheran ins Flugzeug nach Düsseldorf. Ihr Ziel war die Universität Paderborn, um dort Deutsch zu lernen. In ihrer Heimat sah die junge Frau, die Software-Engineering studiert und in einer Bank gearbeitet hatte, keine Zukunft. „Frauen haben dort nicht die gleichen Rechte wie Männer und keine Chance auf eine Karriere, hinzu kommt die schlechte Wirtschaftslage mit der hohen Inflation“, erzählt sie.

Den hektischen Moloch Teheran tauschte sie gegen eine WG im beschaulichen Lichtenau ein. Mitte November lernte sie Roland Kampffmeyer kennen. „Sie hat einen Sprachpartner gesucht, und weil ich sehr offen für andere Kulturen bin, war es für mich spannend, jemanden aus dem Iran kennenzulernen“, berichtet der 37-jährige Finanzberater. Bei der Sprachpartnerschaft blieb es nicht: Nach nur sechs Wochen zog sie bei ihm ein, im Juli 2017 heiraten die beiden in Paderborn nach deutschem Recht. Die Hochzeitsfotos vor der Kulisse des Neuhäuser Schlosses an der Wand erinnern an den besonderen Tag. Ende November 2019 begann das Ehepaar mit dem Buchprojekt; sie erzählte und er schrieb es auf.

So einiges, was die heute 36-jährige berichtete, spiegelt Vorurteile und Rassismus wider. So zum Beispiel, als sie eine Ausbildung in einem Elektronikfachmarkt machte und eine Kundin sie mit den Worten ablehnte „Ich möchte von jemandem beraten werden, der meine Sprache spricht“. Als sie an der Uni Deutsch lernte und darin noch nicht so fit war wie heute, wollte sie über eine Studenten-App wissen, wo sie einen Arzt findet. „Lern erst mal Deutsch“ lautete eine gehässige Antwort.

„Musst du denn kein Kopftuch tragen?“ wurde sie gefragt und auf Schweinefleisch und Alkohol angesprochen. „Solche Fragen sind lästig, die Menschen werden in eine Schublade gesteckt, aber es ist nicht gut, jemanden auf seine Herkunft und Religion zu reduzieren“, betont Roland Kampffmeyer. Seine Frau, die seit Oktober die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und mittlerweile in Paderborn eine Ausbildung zur Bankkauffrau absolviert, sei sofort als Flüchtling abgestempelt worden.

Aber auch im Iran halten sich Vorurteile über Deutschland. Im Frühjahr 2017 verbrachten die beiden drei Wochen dort. Roland Kampffmeyer beeindruckte die herzliche Gastfreundschaft, gleichzeitig irritierte ihn die Verehrung vieler Perser für Hitler. Deutschland werde dort als das „Traumland“ voller herzensguter Menschen angesehen, erzählt seine Frau. Im Iran kursiere die Geschichte, dass während einer Milchknappheit in Deutschland ein Kunde in den Markt zurückgekehrt sei und eine seiner beiden Flaschen wieder abgegeben habe. Umso mehr wunderte sich Nooshin Shahin, dass die Deutschen in der Corona-Pandemie egoistisch Klopapier horteten. Irritationen löst bei ihr nach wie vor die Sprache mit ihrem „er“, „sie“ und „es“ aus. Im Persischen gebe es das nicht.

Roland Kampffmeyer weiß „den Luxus des deutschen Passes“ und die damit verbundene unkomplizierte Reisefreiheit zu schätzen. Es habe sechs Monate gebraucht, um den Besuch der Schwiegermutter in Paderborn zu organisieren, erzählt er. Der autobiografische Roman „Deutsch-Sein ist Fleißarbeit: Im Land der langen Wörter“ soll im Frühjahr erscheinen, das Buch ist bereits lektoriert. Mehrere Verlage seien interessiert, aber die Eigenleistung der Autoren für Dienstleistungen rund ums Buch schwanke zwischen 600 und 10.000 Euro, sagt Roland Kampffmeyer. Über „Kickstarter“ hat er eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen, um die Kosten zu decken (http://bit.ly/deutschsein). Die Hälfte der angestrebten 2000 Euro ist demnach bereits eingesammelt. Wer das Projekt finanziell unterstützen und sich eine Erstausgabe sichern möchte, kann dies noch bis zum 7. Januar 2021 tun.

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