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25 Jahre Artego Schmuck: Thomas Gerken erfüllt gerne ganz besondere Wünsche

Wo das Glück noch geschmiedet wird

Salzkotten (WB). Das Schaufenster ist eher unscheinbar. Pinkfarbene Aufkleber darauf künden von einem Jubiläum – 25 Jahre. Im kleinen Verkaufsraum des Schmuckgeschäftes findet der Kunde Vitrinen mit Ringen, Ketten und Armbändern. Bis hierher alles ganz normal. Doch wer noch einen Schritt weiter, durch den Fadenvorhang hinein in die Werkstatt geht, der unternimmt eine kleine Zeitreise.

Marion Neesen

Wenn gelötet werden muss, greift Goldschmied Thomas Gerken zum Gottesfinger und zum Mundschlotrohr Marke Eigenkonstruktion. Per Atemluft reguliert er damit die Flamme. Bei Artego gibt es noch echte Handarbeit. Foto: Jörn Hannemann

Hier trifft er Thomas Gerken an seinem Arbeitsplatz und möchte ihm am liebsten gleich fünf Aufträge auf einmal geben.

Thomas Gerken (56) ist Goldschmied, einer, der noch mit Gottesfinger und Mundschlotrohr arbeitet. Mit seiner Chirurgenbrille auf der Nasenspitze erweckt er den Eindruck, gerade einen schwierigen operativen Eingriff vorzunehmen. Tatsächlich platziert er aber mit Hilfe einer Pinzette winzige Brillanten auf einem silbernen Ring. Dabei hält er nicht irgendeinen Herrenring zwischen den Fingern. Goldschmied Thomas Gerken erfüllt ganz persönliche, manchmal kuriose, oft außergewöhnliche Kundenwünsche.

Vor 25 Jahren hat sich der Salzkottener selbstständig gemacht. Dabei war das Goldschmiedehandwerk gar nicht seine erste Wahl. »Ich war Tischler. Aufgrund eines Unfalls musste ich umschulen. Heute möchte ich die Arbeit nicht mehr missen«, erzählt Thomas Gerken.

Namens-Herleitung

Das Geschäft haben er und seine Frau Dagmar Artego genannt: Art steht dabei für Kunst und ego für ich. Dagmar Gerken bringt als Kunsttherapeutin Ideen und Kreativität, ihr Mann Thomas das handwerkliche Geschick und die Leidenschaft für seinen Beruf mit. »Meine Frau hat als ›artfremde‹ einen anderen Blick auf die Dinge, ich denke zu kompliziert«, sagt Thomas Gerken zum fruchtbaren Zusammenspiel. Perfekt zum Team passt Schmuckfachverkäuferin Claudia Brüning.

»Mit eigens entworfenem Schmuck die Persönlichkeit unterstreichen, so habe ich meinen Beruf gelernt und genau das machen wir hier«, sagt Claudia Brüning. Schmuck sei oft eine sehr emotionale Sache, wenn es gelte, lieb gewonnene Familienstücke zu reparieren oder Stücke anzufertigen, die Erinnerung bewahren sollen.

So ist es auch bei dem Herrenring, den Thomas Gerken gerade umarbeitet. Er gehörte dem gestorbenen Freund einer Kundin, die dieses Erinnerungsstück nun selbst tragen möchte. »Die Gespräche vorher haben mehrere Wochen gedauert. Der Ring sollte modern werden, aber nicht kitschig wirken. In einem solchen Prozess sind Offenheit und Vertrauen das Wichtigste«, erzählt Thomas Gerken. Denn Gefühle spielen beim Schmuck oft eine große Rolle. So hat Thomas Gerken auch schon eine Halskette mit Phiole gefertigt, in der eine Witwe die Asche ihres Liebsten immer bei sich tragen wollte. Gerken respektiert auch, wenn ihm anvertraute Dinge besonders behandelt werden müssen, etwa aus Glaubensgründen nicht mit anderen Materialien in Berührung kommen dürfen.

Das Glück des Kunden im Vordergrund

Für den Goldschmied ist die größte Freude an seiner Arbeit, wenn der Kunde glücklich ist. Deshalb wird bei Artego auch fast nie ein Wunsch abgelehnt. »Was eben geht, versuchen wir«, weiß auch Claudia Brüning um den Ehrgeiz ihres Chefs, der in jedem Auftrag eine Herausforderung sieht. Dabei muss es nicht immer um Gold und Silber, Rubine und Brillanten gehen. »Kunden können mit den Dingen, die ihnen am Herzen liegen, zu uns kommen«, erklärt Claudia Brüning. Ob Steine, Muscheln, die Milchzähne des Nachwuchses oder auch Grandeln (Hirschzähne), Thomas Gerken fasst sie in tragbaren, handgemachten und ganz persönlichen Schmuck ein. Der Goldschmied freut sich über einen Wandel im Verbraucherverhalten hin zur Wertschätzung. »Handarbeit ist wieder gefragt. Der Kunde hat das immer Gleiche satt und wir können ganz individuell auf seine Wünsche eingehen«, ist seine Erfahrung. Auch die für eine Wegwerfgesellschaft typischen Worte »lohnt sich nicht« hört der Kunde bei Artego nicht. Doch allein von den Sonderwünschen seiner Kunden leben zu können, sei eine Illusion, das gebe der Markt nicht her.

Zentrum des Schaffens bei Artego ist ein uralter riesiger Arbeitsplatz mit Werkzeugen, die schon um die 100 Jahre alt oder selbst gemacht sind. Ungezählte kleine und große Bohrer, Feilen, Zangen, Pinzetten und natürlich der Gottesfinger, der bei Lötarbeiten als letztes Hilfsmittel gilt, kommen zum Einsatz.

Auf den ersten Blick herrscht Unordnung auf der Arbeitsplatte. »Ich brauche das Chaos, aber ich finde alles«, sagt der Handwerker. Ebenso, wie ihn seine ganz speziellen Kunden finden. »Werbung machen wir nicht, uns muss man entdecken«, sagt Thomas Gerken, wie eben auch den fast unscheinbaren Laden mit den pinkfarbenen Aufklebern auf dem Schaufenster in der Lange Straße.

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