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Familie vor großen Herausforderungen - WESTFALEN-BLATT und Schützenverein rufen zu Spenden auf

Schicksalsschlag: 48-Jährige von Tornado in Paderborn lebensgefährlich verletzt

Paderborn

Eine Frau kämpft sich zurück ins Leben: Die Paderbornerin Kim Tuyen* erlitt vor sieben Wochen beim Tornado in Paderborn lebensgefährliche Verletzungen. Tagelang rang die 48-Jährige mit dem Tod. Neben der Sorge um die Gesundheit der Frau steht die Familie nun auch vor großen finanziellen Herausforderungen.

Von Ingo Schmitz

Sohn Minh (23) und Tochter Linh (21) stehen an der Stelle, wo ihre Mutter lebensgefährlich verletzt wurde. Foto: Oliver Schwabe

Das WESTFALEN-BLATT hat zu den Kindern der Schwerstverletzten Kontakt aufgenommen.

Tochter Linh (21) und Sohn Minh (23) können nicht fassen, was vor sieben Wochen in Paderborn passiert ist. Ein Tornado zog auf einer Breite von 300 Metern quer durch die Stadt eine Schneise der Verwüstung. Dächer wurden abgedeckt, Bäume entwurzelt, Gebäude und Autos zerstört. 43 Menschen wurden verletzt, davon 13 schwer. „Der Tornado kam zu einer Zeit, in der viele Menschen unterwegs waren. Es ist ein Wunder, dass es nicht noch mehr Verletzte oder gar Tote gab“, sagt Bürgermeister Michael Dreier (CDU).

Eine, die besonders schwere Verletzungen erlitten hat, ist Kim Tuyen.   „Unsere Mutter war zur falschen Zeit am falschen Ort“, versucht ihr Sohn Minh Worte für das Schicksal zu finden, das die Frau erlitten hat.

Kim Tuyen hatte am Freitag, 20. Mai, ihre Kinder eindringlich vor dem aufziehenden Unwetter gewarnt. „Sie war immer besonders ängstlich und machte sich Sorgen um uns“, erzählt die 21-jährige Auszubildende Linh, die im Paderborner Ortsteil Marienloh lebt. Am Nachmittag fuhr die 48-Jährige zum Einkaufen. Sie brachte die Lebensmittel zur Oma, die im Paderborner Riemekeviertel  lebt. Zeugen berichteten später, dass es windig wurde. Als es für einen Moment wieder windstill wurde, sei die Mutter nach draußen gegangen, um Pappe in die Mülltonnen zu bringen. In dem Moment sei der Tornado losgebrochen und über das Riemekeviertel hinweg gefegt.

Dachpfanne trifft die Frau an Kopf und Oberkörper

Offenbar traf eine umherfliegende Dachpfanne die Frau vermutlich mit einer Geschwindigkeit von rund 100 Stundenkilometern an Kopf und Oberkörper. Die Schädeldecke wurde zertrümmert. Kim Tuyen erlitt Brüche an Schlüsselbein und Oberarm, brach bewusstlos zusammen. Eine höchst dramatische Situation: Nachbarn sahen die leblose Frau auf dem Parkplatz in ihrem eigenen Blut liegen und eilten herbei. „Zum Glück war sofort ein Sanitäter des britischen Militärs vor Ort. Er hat aus dem Haus Verbandszeug geholt und unsere Mutter versorgt.“

Eine andere Zeugin versuchte den Rettungsdienst zu alarmieren. Doch der Notruf war überlastet. Nach zig Versuchen sei es gelungen, die Leitstelle zu erreichen. Die Einsatzkräfte mussten sich aber erst einmal durch die mit Bäumen versperrten Straßen kämpfen. „Wir sind unsagbar dankbar für den Einsatz aller Helfer, die sich um unsere Mutter gekümmert haben“, betonen die Kinder.

Das folgende Video ist von einem Nachbarn unweit der Unglücksstelle aufgezeichnet worden. Es zeigt, wie Dachpfannen durch die Luft gewirbelt werden. Eine solche Dachpfanne hatte das Opfer an Kopf und Oberkörper getroffen:

Kim Tuyen wurde ins Vincenz-Krankenhaus gebracht. Sie schwebte in Lebensgefahr. Ihre Tochter Linh machte sich zu dem Zeitpunkt bereits die größten Sorgen, weil die Mutter weder ans Telefon ging noch sonst irgendwie zu erreichen war. Sie informierte ihren Bruder in Frankfurt, der einer Intuition folgend sofort im Paderborner Vincenz-Krankenhaus anrief. Treffer.  

„Man sagte mir, dass es um meine Mutter sehr schlecht stehe“, erinnert er sich. Sofort informierte er seine Schwester. „Ich bin mit meinem Freund zum Krankenhaus gefahren. Überall lagen Bäume und Dachpfannen. Als ich dort ankam, konnte ich meine Mutter nur einen ganz kleinen Moment sehen, bevor sie ins Klinikum Bethel verlegt wurde. Niemand machte mir Hoffnung.“

In einer Notoperation wurden Teile der Schädeldecke abgenommen, Knochensplitter mussten aus der Gehirnhaut entfernt werden, berichtet der 23-Jährige.

Kim Tuyen lag im Koma,  rang  tagelang mit dem Tod. Nach 14 Tagen auf der Intensivstation wurde sie zurück nach Paderborn verlegt. Erst nachdem sich der Zustand etwas stabilisiert hatte, konnte der Armbruch versorgt werden.

Zustand für Angehörige schwer zu ertragen

Wochenlang sei die Mutter  völlig teilnahmslos gewesen – selbst ihren jüngsten Sohn, zu dem sie eine sehr innige Beziehung habe, habe sie kaum wahrgenommen. „Er hat darunter sehr gelitten“, berichten die älteren Geschwister. Auch für den Neunjährigen sei es schwer zu ertragen gewesen, seine Mutter in diesem Zustand zu erleben.

Der Tornado hat am 20. Mai in Paderborn den Dom nur knapp verfehlt. Die Sachschäden belaufen sich auf 150 Millionen Euro. 43 Menschen wurden verletzt, eine Frau lebensgefährlich. Foto: Jörn Hannemann

Noch immer ist die Schädeldecke geöffnet. Dafür ist die 48-Jährige mittlerweile wieder auf den Beinen. Sie leide aber unter Gedächtnislücken oder spreche oftmals noch ohne Zusammenhang. An den Unfall selbst kann sie sich nicht erinnern. Auch das Zeitgefühl sei ihr abhanden gekommen. „Manchmal meint sie, der Unfall sei erst vor ein paar Tagen passiert. Dann wieder sagt sie, es sei schon ein Jahr her.“

Zwischenzeitlich musste die Mutter in der geschlossenen Abteilung der LWL-Klinik untergebracht werden, um jede Eigengefährdung zu verhindern. Die Familie setzt nun alle Hoffnungen auf eine Früh-Reha in einer Spezialklinik, die sie in den vergangenen Tagen begonnen hat. „Sie macht bereits erste Fortschritte“, freuen sich die erwachsenen Kinder.

Frau lebt seit 30 Jahren in Paderborn

Minh  setzt sich seit sieben Wochen unentwegt dafür ein, dass die 48-Jährige die beste medizinische Versorgung erhält, um wieder genesen zu können. Gleichzeitig versucht er – trotz seines Jobs in Frankfurt – seine Mutter irgendwie zu ersetzen. „Mein Arbeitgeber ist zum Glück sehr verständnisvoll und durchaus sehr kulant“, sagt er. Und er ist Paderborns Bürgermeister Michael Dreier außerordentlich dankbar, der immer ein offenes Ohr habe und sich kümmere.

Sohn Minh

Die Verunglückte, die als Fünfjährige mit ihren Eltern aus Vietnam floh und dann in Norddeutschland aufwuchs, lebt schon seit 30 Jahren in Paderborn. Hier kamen ihre Kinder zur Welt, hier ist sie als   Nageldesignerin bekannt. Vor ein paar Jahren machte sie sich selbstständig. Bis zu ihrem Schicksalsschlag versorgte sie nicht nur ihren neunjährigen Sohn, sondern auch ihre pflegebedürftige Mutter. Alles zusammen eine Mammut-Aufgabe.

Der Unfall hat alles verändert. Seit sieben Wochen schon kann die Frau nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen, die Einnahmen fallen weg. Gleichzeitig laufen die Kosten für die Miete des Ladenlokals und für die Privatwohnung weiter. „Derzeit versuchen wir die Kosten durch unsere Ersparnisse auszugleichen“, berichten die beiden Kinder. Wie lange das funktionieren kann, ist unklar. Denn derzeit ist ebenso völlig unklar, wann und ob Kim Tuyen wieder selbst arbeiten kann. „Unser Wunsch ist es, dass wir alles so lange erhalten können, bis sie wieder arbeiten kann“, sagen die Kinder. Ohne die Hilfe von außen wird das wohl aber nicht gelingen.

Gemeinsame Spendenaktion

Vor dem Hintergrund starten das WESTFALEN-BLATT und der Unterstützungsverein des Paderborner-Bürger-Schützenvereins eine Spendenaktion zugunsten des Tornado-Opfers. Dazu Paderborns Bürgermeister Michael Dreier: „Der 20. Mai war für unsere Stadt ein schlimmer Tag. Denn der Tornado hat sehr viel zerstört und auch zu dieser lebensbedrohlichen Verletzung geführt. Dieses Schicksal ging mir von Anfang an sehr nahe. Deshalb bin ich jetzt sehr dankbar, dass durch diese Initiative geholfen wird.“

Wir sammeln Spenden

*Der Nachname wird auf Wunsch der Familie nicht veröffentlicht.

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