1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. OWL
  4. >
  5. Kreis Paderborn
  6. >
  7. Ukraine: Welle der Hilfsbereitschaft im Kreis Paderborn

  8. >

Unternehmer sammelt Erste-Hilfe-Kästen – Händler starten Spendenaktion – Aufruf zum Friedensgebet

Ukraine: Welle der Hilfsbereitschaft im Kreis Paderborn

Paderborn

„Jeder kann einen Erste-Hilfe-Kasten besorgen“, sagt Maik Menke. Die würden in der Ukraine jetzt händeringend gebraucht, sagt der Paderborner Unternehmer. Er wird am Donnerstagmorgen von Paderborn aus in die Westukraine aufbrechen, um dort das Krankenhaus Sokal zu unterstützen.

Von Dietmar Kemper

In der Ukraine kämpft nicht nur die eigene Armee. Frauen beteiligen sich an Zivilstreifen und versuchen, ihre Heimat gegen die russischen Invasoren zu verteidigen. Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa

Menke bittet die Paderborner Bevölkerung, ihm folgende Hilfsgüter zu spenden: Decken, Kochsalzlösung (auch mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum), Wunddesinfektionsmittel, Erste-Hilfe-Kästen, Thermofolien (Rettungsdecke), Schmerzmittel wie Ibuprofen, Verbandsmaterial, Splitterschutzwesten, Schutzhelme (auch Feuerwehrhelme) sowie Visiere, und Gelenkschoner. Die Gegenstände sollten bis Mittwoch, 2. März, um 15 Uhr an der Abtsbrede 123 in Paderborn vorliegen, per Paket oder nach Absprache mit Maik Menke (Tel. 0151/64310896).

Der 37-Jährige hatte bei seiner Hilfe für die Opfer der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal Bundes- und Landtagsabgeordnete kennengelernt, und die wiederum machten die ukrainische Botschaft auf ihn aufmerksam. Von dort habe er, sagte Menke dem WESTFALEN-BLATT, einen Anruf mit folgendem Inhalt bekommen: „Zivile Menschen sterben, zivile Menschen können nicht richtig versorgt werden, Autos werden angesteckt.“

Gesichtsverletzungen

Das Krankenhaus sei nahezu handlungsunfähig. Über Kontaktleute habe er vereinbart, dass der Bürgermeister der westukrainischen Stadt ihn an der Grenze zu Polen abholt und mit ihm die etwa einstündige Fahrt zum Krankenhaus antritt, erzählt Menke. „Das Krankenhaus hat große Probleme mit der Wundversorgung von Verletzten“, hat er erfahren. Viele Menschen seien von Splittern im Gesicht getroffen worden. „Ich hoffe, dass wir 500 Schutzwesten zusammenbekommen“, nennt er ein Ziel für seine Hilfsaktion, bei der er von der Aktion Stützpfeiler aus dem Münsterland, einem seiner Mitarbeiter, seiner Frau und Ukrainern in Bonn unterstützt wird. Dem Bürgermeister will Menke außerdem ein älteres Firmenfahrzeug übergeben.

Medikamente fehlen

Eine humanitäre Aktion plant auch Maryna Schmidt, die aus der Geburtsstadt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi (Krywyi Rih) stammt, aber inzwischen in Hövelhof lebt. In der Ukraine herrsche Mangel an Medikamenten und Hygieneartikeln und bald auch an Lebensmitteln. „Als die Menschen gesehen haben, dass sich russische Soldaten an der Grenze sammeln, haben sie für eine Woche Lebensmittel gekauft“, erzählt Maryna Schmidt: „Im Moment ist es noch o.k., noch reicht es an Essen.“ Die 46-Jährige arbeitet bei Cappuccino in Hövelhof und hat auch schon mit ihrem Chef über mögliche Hilfen gesprochen.

Von einer Freundin in Berdjansk hat Maryna Schmidt Videos zur Situation in der Stadt bekommen. Sie zeigen angeblich, wie hungrige russische Soldaten die Einheimischen nach Essen fragen. Auf einem anderen Video sind demnach russische Panzer vor dem Rathaus zu sehen, während gegenüber Einheimische die ukrainische Nationalhymne singen. Maryna Schmidt bescheinigt ihren Landsleuten „einen Riesenmut“.

„Das ist mein Haus“

Sie bangt um ihre Eltern. Der Vater wolle weiter in seiner Heimatstadt bleiben und habe kämpferisch gesagt: „Das ist mein Haus, mein Baum, mein Busch, mein Land. Wenn ich gehe, möchte ich nicht, dass andere hier leben“.

Die Mutter wohnt 220 Kilometer von der Hauptstadt Kiew entfernt, um die heftige Kämpfe entbrannt sind. Dass es dort Krieg geben könnte, war für Maryna Schmidt, ihre Tochter Katharina und ihren Mann im Sommer unvorstellbar. Als sie dort im Juli und August Urlaub machten, „war alles ruhig und friedlich“. Es sei eine Lüge, dass Menschen wegen ihrer russischen Sprache in der Ukraine bedroht gewesen seien, betont die 46-Jährige. Sie selbst habe in der Ostukraine völlig unbehelligt Russisch gesprochen.

Kiew 2021: Marina und Katharina Schmidt auf dem Maidan.  Foto: privat

CDU näht Fahnen

Die CDU im Kreis Paderborn hat sich solidarisch mit den Menschen in der Ukraine erklärt und ihre Bereitschaft betont, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Hilfsbereitschaft sei groß, berichten die Kreisvorsitzende Corinna Rotte und die Mitgliederbeauftragte und stellvertretende Landrätin Verena Haese. Die Vorschläge der CDU-Mitglieder reichten von der Unterstützung der verschiedenen Spendensammelaktionen über das Nähen von blau-gelben Fahnen bis hin zur Organisation von Transporten zum Beispiel nach Polen.

Der SPD-Kreisverband hält es für erforderlich, dass der Kreis und die Stadt Paderborn „mit vorbereitenden und unterstützenden Maßnahmen für Geflüchtete beginnen“. Diese Menschen bräuchten einen sicheren Hafen.

Unterdessen hat auch die Werbegemeinschaft eine Spendenaktion initiiert. Sie stellt die Restbestände der „Weihnachtstaler“-Aktion aus dem vergangenen Jahr zur Unterstützung des Einzelhandels den Mitgliedern zur Verfügung, die sie an ihre Kunden für eine Spende von einem Euro weitergeben sollen. Weihnachtstaler würden so zu Hilfstalern, betont der Vorsitzende Uwe Seibel: „Ich habe gesagt, wir müssen jetzt sofort reagieren, und dann haben wir die Aktion am Samstagabend beschlossen.“ Der Erlös der Spendenaktion werde zu 100 Prozent den Leidtragenden des Krieges zugute kommen. Die Mitgliedsbetriebe, die mitmachen wollen, melden sich unter der E-Mail-Adresse info@werbegemeinschaft-paderborn.de.

Friedensgebet

Für Dienstag, 1. März,  haben Bürgermeister Michael Dreier und Landrat Christoph Rüther zum Friedensgebet vor dem historischen Rathaus aufgerufen. Beginn ist um 18 Uhr. Der Bürgermeister der polnischen Partnerstadt Przemyśl, Wojciech Bakun, wird sich telefonisch zuschalten, um die aktuelle Situation zu beschreiben. Der Präsident des Freundeskreises Paderborn–Przemyśl, Janusz Bugaj, wird übersetzen.

Über die aktuelle Entwicklung durch den russischen Angriff auf die Ukraine halten wir Sie in unserem Liveticker auf dem Laufenden.

Startseite
ANZEIGE