Der Bildhauer Wilfried Hagebölling wird 80 Jahre alt – Der Skulpturengarten in Paderborn ist sein kleines Paradies

Kunst braucht keine edlen Materialien

Paderborn

Seinen Skulpturengarten in Paderborn liebt er sehr. „Das Spiel zwischen Skulptur und Natur ist mir wichtig“, sagt Wilfried Hagebölling und genießt Monate wie den Juni: „Im Winter sind die Skulpturen groß und mächtig und die Natur tritt zurück. Jetzt herrscht eine Balance zwischen dem Rostigen der Skulpturen und dem Grünen der Natur.“

Von Dietmar Kemper

Wilfried Hagebölling blickt in seinem Garten an einer Skulptur hoch, deren Teile schwer, aber gleichzeitig beweglich sind. Foto: Jörn Hannemann

Die Eichen in seinem vor 20 Jahren angelegten Garten mit den 20 Skulpturen sind teilweise 300 Jahre alt, Wilfried Hagebölling selbst wird an diesem Mittwoch 80.

Die Zahl 80 hat für ihn keine Bedeutung. Foto: Jörn Hannemann

Wie viele Skulpturen er in den vergangenen Jahrzehnten gefertigt hat, weiß er nicht, denn er zählt nicht mit. Seine Werke haben meist auch keine Namen. „Ich möchte den Betrachter nicht bevormunden“, lautet seine Begründung. Als er sich für Stahl als Material entschied, brach er mit der traditionellen Vorstellung, dass Kunst etwas Edles sei und nach edlen Stoffen wie Bronze und Marmor verlange. „Ich will den Bezug zum Leben haben, zur Arbeitswelt“, betont er. Und deshalb stehen Hageböllings Skulpturen nicht auf Sockeln, sondern auf dem Boden, sind mit ihm verwachsen. Ein Sockel schaffe Distanz, die Besucher sollten die Skulpturen begehen und erleben können – und das auf dem Boden, auf dem sie und der Künstler stehen.

Stahl lässt sich nicht leicht formen wie Ton. Er leistet dem Künstler Widerstand, und genau deshalb liebt Wilfried Hagebölling dieses Material. Es zu bearbeiten, sei harte körperliche Arbeit, und selbst nach der Fertigstellung einer Skulptur könne man ihren Widerstand noch spüren, wenn man sich zum Beispiel daran den Kopf stoße.

Mit der Isolierzelle protestierte der Künstler gegen Menschenrechtsverletzungen. Foto: Theologische Fakultät Paderborn

An Hageböllings wuchtigen Werken, die Wege einengen und versperren, sich aber gleichzeitig im Inneren öffnen können, hat sich schon so mancher gestoßen. Besonders großes Aufsehen erregte seine Arbeit „Abu Ghureib 2003/2004 – Friedrich von Spee 1631/1632“, mit der er gegen Folter protestierte. Hagebölling platzierte eine Isolierzelle, wie sie die US-Armee für Häftlinge in Bagdad benutzte, auf dem Gelände des ehemaligen Paderborner Jesuitenkollegs, wo Friedrich Spee im Dreißigjährigen Krieg die Hexenverfolgung angeprangert hatte. „Das war das provokanteste Werk im Rahmen meiner politischen Kunst, ich habe es gemacht, ohne die Stadt vorher zu fragen, und ich wollte, dass das Gedächtnis der Stadt angesprochen und aus der Zufälligkeit herausgeholt wird“, blickt er auf den Oktober und November 2004 zurück. Das Gymnasium Theodorianum als Nachfolger des Jesuitenkollegs und die Stadt forderten in der hitzigen Debatte, die sich zwischen den Polen „Unverschämtheit“ und „geniale Aktion“ bewegte, die Entfernung der Isolierzelle vom Schulhof. Hagebölling sperrte sich in ihr ein, schließlich wurde der Standort ein paar Meter weiter auf einen Gehweg verlagert. Der Künstler erreichte sein Ziel, eine öffentliche Diskussion über Folter und Menschenrechtsverletzungen anzustoßen.

Dass das „Keilstück“ in Minden zwischenzeitlich zu einer Müllhalde verkam, ärgerte den Künstler enorm. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Hagebölling weiß, dass er manchmal aneckt, aber was ihn ärgert, ist mangelnder Respekt gegenüber seinem Werk. Wenn zum Beispiel Skulpturen wie das 1987 auf dem Martinikirchhof in Minden aufgestellte „Keilstück“ zu einer Müllhalde und einem öffentlichen Klo verkommen. Mit der Stadt lieferte sich Hagebölling eine jahrelange Auseinandersetzung, die im September 2020 ein gutes Ende nahm, als die Skulptur im Auftrag der Stadt gereinigt wurde. „Es ist ein hartes Brot, dafür zu sorgen, dass die Skulpturen gepflegt werden“, stöhnt der Künstler. Die Skulptur genieße nicht das Renommee der Malerei.

Aber während Bilder oft gekauft werden, um Räume zu verschönern, lehnt Wilfried Hagebölling für sich diese Zweckbestimmung ab: „Kunst muss das Gegenteil von Dekoration sein.“ Die „Aulawand“ der Realschule im sauerländischen Sundern, eine seiner ersten Skulpturen aus Beton Ende der 1960er Jahre, war eigenwillige plastische Architektur. Die Formen stehen so schräg zueinander, dass sie von außen ein Schattenspiel und von innen ein Lichtspiel ergeben. „Zweckbauten und Kunst vertragen sich gut“, ist Hagebölling überzeugt, der von Kirchen und der öffentlichen Hand immer wieder Aufträge erhielt.

Seine Skulpturen wirken so, als wären sie für die Ewigkeit gemacht, massiv und scheinbar unzerstörbar. Sie lassen den Betrachter hinein oder machen ihn manchmal selbst zum Akteur, wenn er die Platten bewegen und damit neue Perspektiven erzeugen kann.

Mit Stahl könne man auch filigran arbeiten, Picasso habe es mit seinen Drahtplastiken aus kleinen Stahlstangen vorgemacht, nennt der in Berlin geborene Künstler ein prominentes Beispiel. Die Bandbreite einer Skulptur könne von einigen wenigen Kilogramm bis zu 20 Tonnen reichen. Sein dänischer Lehrer an der Akademie der Bildenden Künste in München, Robert Jacobsen, nannte Hagebölling einen Provokateur, weil er sich geweigert hatte, Aktzeichnungen anzufertigen. „Ich wollte etwas Neues schaffen, das nicht auf dem menschlichen Körper beruht“, erinnert sich der Künstler kurz vor seinem 80. Geburtstag.

Zahlreiche Museen haben seine Skulpturen erworben, aber darüber wird oft vergessen, dass Hagebölling auch ein leidenschaftlicher Zeichner ist. Ein Querschnitt dieser Arbeiten war zum Beispiel im März und April 2018 im Stadtmuseum Oldenburg zu sehen.

Zurück zum Skulpturengarten in Paderborn-Sennelager, den Hagebölling so sehr liebt und in dem er selbst wie eine feste Eiche wirkt: Auch wenn sich der Garten nicht mit dem Thema Mensch befasst, ist er doch ein Geschenk für ihn.

Geöffnet ist das kleine Paradies von Mai bis Oktober an jedem ersten Sonntag von 15 bis 18 Uhr. Und am „Tag der Gärten & Parks“ am Sonntag, 13. Juni, steht er von 11 bis 18 Uhr offen.

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