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Brakels Pfarrer Willi Koch geht nach 30 Jahren in den Ruhestand

Liebe auf den zweiten Blick

Brakel

Wenn am 30. Mai um 10.30 Uhr die Glocke erklingt, die Orgel spielt und Pfarrer Willi Koch in der Pfarrkirche St. Michael das Hochamt feiert, ist dies für ihn ein besonderer Augenblick. Dass er an dem Tag seinen 70. Geburtstag feiert, wird dabei beinahe zur Nebensache, denn: Es ist nach 30 Jahren die letzte Messe, die der Geistliche als Hauptamtlicher zelebriert. Pfarrer Willi Koch geht in den Ruhestand.

Von Frank Spiegelund

Dieses Stahlelement des Warburger Künstlers Alfons Holtgreve will Willi Koch zum Abschied in die Kirchmauer einlassen lassen. Foto: Frank Spiegel

Dass es ihn einmal nach Brakel verschlagen würde, damit hatte er vor 30 Jahren nicht gerechnet – bis er einen Anruf von Prälat Manfred Grothe erhielt, dass er für die Pfarrstelle in der Nethestadt vorgesehen sei.

Willi Koch hatte damals seine zweite Vikarsstelle in Habinghorst bei Castrop Rauxel angetreten.

„Als Paderborner hat man an sich eher das Sauerland als möglichen Einsatzort im Visier. Brakel kannte ich, weil ich in Bad Driburg Abitur gemacht hatte. Aber ich wusste wenig darüber. Ich kannte den Maler Rudolphi und Schloss Corvey in Höxter – das wars“, erinnert sich der 69-Jährige, der dem Prälaten antwortete: „Brakel? Das muss ich mir aber erst mal überlegen.“ Mit der Frage „Was willst Du da denn?“ war ihm auch sein Bruder – ebenfalls Geistlicher – damals keine große Hilfe.

Willi Koch setzte sich kurzerhand ins Auto und fuhr in die Nethestadt. Durch Zufall traf er seinen Vorgänger Pfarrer Franz Hillebrand. „Der erzählte mir, dass es hier allerhand zu tun gebe: die Altenheime in Bökendorf und Brakel, das Krankenhaus und zwei Schulen“, erinnert sich Willi Koch. Er stattete Brakel noch einen zweiten Besuch ab und entschied sich schließlich für die Stelle dort – eine Liebe auf den zweiten Blick. Für den gebürtigen Elsener war aber schnell klar, dass diese Entscheidung goldrichtig war: „Die Menschen waren alle so nett. Ich bin sehr gut aufgenommen worden.“

Pfarrer Willi Koch zählt zu den so genannten Spätberufenen. Gelernt hatte er zunächst den Beruf des Industriekaufmanns bei der Bonifatius-Druckerei in Paderborn. „Ich war schon immer sehr stark in der Jugendarbeit engagiert damals und hatte guten Kontakt zu unseren Priestern. Ein Jahr lang habe ich noch als Industriekaufmann gearbeitet und mich dann entschieden das Abitur zu machen und Seelsorger zu werden“, blickt er zurück. Sein Bruder war diesen Weg schon gegangen. Willi Koch erinnert sich noch genau: „Als ich das Abitur hatte, fragte mich mein Vater bei uns im Garten, was ich den nun machen wollte. Als ich ihm sagte, dass ich Theologie studieren wolle sagte er nur: ‚Einer reicht‘.“ Gleichwohl habe er immer Unterstützung von seiner Familie erfahren.

An Brakel hat ihn schnell begeistert, „dass die Menschen mitmachen, sich begeistern lassen und auch mich haben begeistern können für viele Dinge.“ Er habe die Gläubigen von Anfang an einbezogen. „Wenn ich sehe, wie viele Ehrenamtliche in der Stadt und auch in den Gemeinden auf den Dörfern aktiv sind – das ist spitze“, freut sich Willi Koch sehr.

Dessen große Sorge galt immer auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der kirchlichen Einrichtungen. „Nie vergessen werde ich, als in Erwägung gezogen wurde das Brakeler Krankenhaus zu schließen“, blickt der Pfarrer zurück. Zusammen mit Verwaltungsleiter Werner Schwager sei er damals nach Düsseldorf gereist. Einer Ministerialdirigentin dort haben beide ins Gewissen geredet. Sie haben die Bedeutung des Hauses als Arbeitgeber im ländlichen Raum und den herausragenden Ruf der Orthopädie ins Feld geführt – letztendlich mit Erfolg.

Dies und die Rettung des Seniorenhauses in Bökendorf zählt Willi Koch rückblickend zu den schönsten Momenten seiner Zeit in Brakel. „Das Haus in Bökendorf hat immer rote Zahlen geschrieben, und beim Erzbistum gab es Überlegungen das Haus zu schließen“, berichtet der Pfarrer. Man habe dann von dem gut florierenden Heim in Brakel so viel Geld verschoben, dass die Zahlen wenigstens ausgeglichen gewesen waren. „Da hat dann in Paderborn niemand mehr etwas gesagt“, erinnert sich der Geistliche schmunzelnd. Heute sei das Haus in Bökendorf eines der kleinsten aber auch eines der beliebtesten.

An eine wirklich negative Erfahrung kann sich der scheidende Pfarrer nicht erinnern. „Natürlich gab es auch persönliche Schmerzen und Niederschläge. Und es allen recht zu machen ist eine Kunst, die keiner kann. Ich habe es sicherlich auch nicht allen recht gemacht. Da gibts dann auch mal ordentlich einen vor den Bug. Aber die Freude der anderen, die das mittragen und auch mich mittragen, hat überwogen“, sagt Willi Koch.

Er hatte auch immer den Dialog der Religionen im Sinn und pflegte mit der evangelischen Kirche eine gute ökumenische Zusammenarbeit. Und auch mit den Muslimen verstand er sich bestens.

Seinen Ruhestand verbringt Willi Koch nun in Bad Driburg. An sich hatte er das Fahrradgeschäft in der Ostheimer Straße kaufen wollen, um in den Räumen unten seine zahlreichen Kunstgegenstände ausstellen zu können. „Aber man muss das realistisch sehen: So etwas muss auch unterhalten werden, und das könnte ich nicht“, erklärt der 69-Jährige. Nun wird er künftig in einer Parterrewohnung mit kleinem Rasenstück leben. Aber er hat auch noch Übernachtungsmöglichkeiten in Brakel. Denn als Seelsorger will er weiter in der Nethestadt wirken – nur nicht mehr als Chef. Der wird vom 1. Juni an Andreas Kurte sein.

An sich hätte Willi Koch am kommenden Sonntag nach dem Gottesdienst seinen 70. Geburtstag und seinen Abschied auf dem Kirchplatz feiern wollen. „Mit mindestens einem Bierwagen und Schnittkes“. sagt er. Als Bezirkspräses wollte er auch Abordnungen der Schützen dabei haben. Das ist derzeit nicht möglich. „Aber das holen wir nach“, verspricht Willi Koch.

Der Geistliche hat beim Warburger Künstler Alfons Holtgreve ein Element aus Stahl anfertigen lassen, das stilisierte Musiker zeigt. Das soll in die Kirchenmauer eingelassen werden als Dankeschön an die musiktreibenden Vereine, die 30 Jahre die kirchlichen Feiern und Prozessionen begleitet haben.

„Ich bin glücklich, dass ich hier bin“, zieht Willi Koch eine rundum positive Bilanz seiner Zeit als Pfarrer in Brakel.

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