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Den Helfern helfen: Lions-Club Rahden-Espelkamp unterstützt Notfallseelsorge – Aktive berichten aus Arbeit

Manche Fälle gehen extrem nahe

Rahden

Sie sind mit teils schwer zu verarbeitenden Situationen konfrontiert.

Von Julian Gülker

Bei der Übergabe der Spende: (v.l.): Hartmut Jork (Schatzmeister Lions-Club), Hartmut Gebauer (Synodalbeauftragter für Notfallseelsorge), Dietmar Heßlau (Past-Präsident Lions-Club) und Wilfried Windhorst (Vizepräsident Lions-Club). Foto: Julian Gülker

Schlimmste Verkehrsunfälle, plötzlicher Kindstod oder Suizid gehören dazu – und sie geraten dabei manchmal an ihre Grenzen: Im Kirchenkreis Lübbecke stehen 30 Notfallseelsorger 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag zur Verfügung.

„13 Pfarrer und 17 Ehrenamtliche kommen immer dann zum Einsatz, wenn eine akute Notfallsituation seelischen Beistand notwendig macht“, sagt Hartmut Gebauer, Beauftragter für die Notfallseelsorge im Kirchenkreis. „Die Notfallseelsorge ist elementarer Bestandteil seelsorgerischen Handelns.“

Um der auf ehrenamtliche Mithilfe angewiesenen Organisation finanziell unter die Arme zu greifen, hat der Lions-Club Rahden-Espelkamp jetzt 1000 Euro gespendet und sich über das Wirken der Aktiven informiert. Er hat schon viele Projekte in Rahden und Espelkamp unterstützt.

„Das Hilfsangebot richtet sich nicht an die Verletzten und direkten Opfer eines Notfalls, sondern an die Betroffenen – Familienmitglieder, Freunde oder Augenzeugen“, erläutert Gebauer. „Wir kümmern uns um die geschockten Hinterbliebenen, denn auch ein Schock kann lebensbedrohlich sein. Wer geschockt ist, ist orientierungslos. Wir sind da, um verbal und nonverbal zu begleiten und Orientierung zu geben.“

Hartmut Gebauer

Um diese anspruchsvolle Aufgabe bewältigen zu können, müssen die Seelsorger einen zwölf Module umfassenden Kursus absolvieren. Dort werden sie professionell auf die Situationen vorbereitet, denen sie bei ihrer Arbeit gegenüberstehen. Die Inhalte reichen von der Umgangsweise mit verschiedenen Alters- und Personengruppen über die Grundlagen der Psychologie bis zur Einführung in die Suizidologie. Die Absolventen verbringen ein Jahr an der Seite eines Paten, um an ihre Aufgabe herangeführt zu werden.

Die Notfallseelsorge besteht nicht nur aus der Arbeit am Notfallort. Zwar agieren die übrigen Pfarrer im Kirchenkreis nicht am Ort des Geschehens, sie sind jedoch fest in die Organisation der Einsätze eingebunden: Sie werden per Melder benachrichtigt, wenn Notfallseelsorge benötigt wird.

Nach Rücksprache über den Notfall mit der Leitstelle werden die nächstgelegenen Seelsorger informiert. „Auch die Ehrenamtlichen lassen ihre eigene Arbeit dann liegen. So sind wir in der Regel innerhalb von 20 Minuten am Einsatzort“, sagt Gebauer.

Gerade in den vergangenen Monaten sei es vermehrt zu Einsätzen gekommen: etwa bei den Schüssen in Espelkamp oder dem Unfall eines Bullis der Lebenshilfe. Manche Ereignisse sind selbst für qualifiziert ausgebildete Seelsorger nicht leicht zu verarbeiten – Kommunikation ist auch unter den Pfarrern und Ehrenamtlichen selbst entscheidend für die mentale Gesundheit und eine gelungene Zusammenarbeit.

Regelmäßige Teambesprechungen sind wie einzelne Nachbesprechung Teil des Konzepts: „Wenn ich bei der Nachbesprechung merke, dass ein Einsatz der Person besonders nahegeht, kommt es zu längeren Gesprächen. Bei besonders schweren Fällen empfehle ich schon mal eine professionelle Supervision“, erläutert Gebauer.

Und die ist – wie die Ausbildung der Seelsorger – nicht billig. Hier setzt der Lions-Club an: Als weltweit vertretene Organisation, die auf vielgestaltige Weise gesellschaftliche Hilfe leisten möchte, hat sich der Club Rahden-Espelkamp für die Notfallseelsorge Lübbecke als Spendenziel entschieden. Ideengeber war Past-Präsident Dietmar Heßlau, der während seiner Zeit als Präsident den Fokus auf das Ehrenamt in der Gesellschaft gelegt hat.

„Natürlich haben alle ehrenamtlichen Organisationen Nachwuchsprobleme – finanzielle Engpässe gibt es überall“, weiß Heßlau. Der Club verfolge nicht den Ansatz, selbst festzulegen, wofür das Geld letztendlich eingesetzt wird, wie Schatzmeister Hartmut Jork herausstellt: „Die Spende ist ein zusätzliches Mittel, das nach eigenem Wunsch genutzt werden soll.“

Die 1000 Euro sind nicht nur in Ausbildung und Nachsorge geflossen, sondern werden auch zur Finanzierung anderer Zwecke verwendet – zum Beispiel zum Kauf von Schokonikoläusen, die Gebauer am Nikolaustag an alle Notfallseelsorgern verteilt hat. „In der Notfallseelsorge leistet man nicht nur nach außen Beziehungsarbeit, sondern muss auch untereinander die Beziehungen pflegen, was wegen Corona besonders schwer war. Darum ist die Spende eine riesige Hilfe, da so auch auf unbürokratischem Weg Geld eingesetzt werden kann.“

Notfallseelsorge und Lions-Club

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