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Erinnerung an die Deportation der Juden aus Fürstenau vor acht Jahrzehnten – berührende Szenen und Zeichen der Verbundenheit

Michael Stoltz: „Dieses Mahnmal ruft!“

Kreis Höxter/Fürstenau

Ein starkes Denkmal mit großer Bedeutung für den Höxteraner Ort Fürstenau und ganz Ostwestfalen – und ein kleines Bronze-Modell als Geschenk für Harry Lowen­stein, der früher „Helmut Löwenstein“ hieß und heute in Florida (USA) lebt. Lowenstein ist der letzte (noch lebende) Holocaust-Überlebende aus Höxter. Sein Geburtsort Fürstenau und Höxter haben ihm einen besonderen Herzenswunsch erfüllt.

Von Harald Iding

Sie marschieren mit Sack, Wagen und Gepäck in den Tod – das neue Mahnmal in der Höxteraner Ortschaft berührt. Auf der Rückseite stehen die Namen der Deportierten. Foto: Harald Iding

Harry Lowenstein beteiligte sich auch selbst mit einer größeren Spende an den Kosten. Wenn auch Lowenstein, 1931 als Sohn des jüdischen Viehhändlers David Löwenstein und der Ehefrau Bernhardine geboren, nicht persönlich bei der Einweihungsfeier anwesend sein konnte, so war er doch in den Herzen der Menschen seines Geburtsortes präsent. „Wir haben als Kinder oft miteinander gespielt und waren eine echte Dorfgemeinschaft“, verriet nach der Feierstunde die heute 93-jährige Else Galler dem WESTFALEN-BLATT. „Ich habe fast alle in der Familie gekannt. Die schlimmen Verbrechen – ­davon haben wir doch nichts gewusst. Wir waren doch Kinder.“

Damit das Schicksal der jüdischen Mitbürger aus Fürstenau niemals in Vergessenheit gerät, haben sich Bürger des Ortes und viele Befürworter aus der Region für das Mahnmal, das am Freitagabend enthüllt worden ist, eingesetzt. Auch das Weserberglandorchester und der örtliche Gospelchor beteiligten sich an der Feierstunde.

Dr. Michael Stoltz, Arzt im Ort, leitete die Feier. Er hatte sich im Vorfeld mit viel Herzblut und Ausdauer für diesen großen Moment eingesetzt. Die besondere Beziehung zu Harry Lowen­stein wurde in seiner Ansprache immer wieder deutlich. Zeitweise rang er mit den Tränen – und mit ihm viele andere Gäste dieser bewegenden Stunde.

„Sie waren beliebt“

„Die Juden waren hier in Fürstenau beliebt und geachtet. Sie waren in das Dorfleben voll integriert. Die meisten Fürstenauer waren auch während der Nazi-Zeit den Juden wohlgesonnen“, erinnerte Stoltz. Und man hatte auch bei der Enthüllung des Mahnmals direkt vor der Kirche das Gefühl, dass die Dorfgemeinschaft zusammenhält und Solidarität zeigt. Die Beteiligung war enorm und vor allem die Jugend setzte ein bewegendes Zeichen. Kinder und Jugendliche legten jeder eine weiße Rose ab und erinnerten an die 23 Menschenleben, die so eng mit ihrem Dorf verbunden sind. So las der zehnjährige Joel den Namen von Karoline Böhm (Jahrgang 1873), geborene Kirchheimer, vor.

Die Jüdin wurde 1942 von Fürstenau aus nach Theresienstadt deportiert und am 29. Dezember 1944 ermordet. Karoline Böhm wohnte in der Detmolder Straße 25 (Schlachterei Hartmann).

„Tor des Todes“

Die Gestaltung des Mahnmals übernahm Sabine Hoppe. Stoltz: „Sie ist ein Kind Fürstenaus und als Künstlerin in Braunschweig ansässig. Wir sind glücklich, mit welchem Engagement sie sich dieser Aufgabe gestellt hat. Alle von hier deportierten 21 Menschen sind abgebildet. Gesichter, wie sie ausgesehen haben – fünf davon kennen wir von Fotos, die wir besitzen.“ Hoppe habe sie alle nachempfunden. Die Künstlerin sagte dem WESTFALEN-BLATT, dass es eine Ehre für sie sei, diese Aufgabe übernehmen zu dürfen. „Michael Stoltz hatte mich angerufen und gefragt, ob ich Interesse hätte, das Mahnmal zu erstellen. Ich habe natürlich sofort zugestimmt, wo ich doch in diesem Ort geboren bin.“

Die heute 60-Jährige studierte nach dem Abitur in Bielefeld Bildhauerei und Grafikdesign. Später bekam sie eine Assistenzstelle an der TU Braunschweig. Sie habe immer engen Kontakt zu Fürstenau gehalten. „Ich habe mich auf diese Arbeit für meinen Ort sehr gefreut. Zunächst erhielt ich einige Fotos von den Familien über Fritz Ostkämper, dem Vorsitzenden der Jacob Pins-Gesellschaft in Höxter. Ich bin eine realistisch arbeitende Bildhauerin, das ist mir auch bei der Umsetzung wichtig gewesen.“

Das Mahnmal zeigt die Synagoge auf der linken Seite (als zentrales Symbol für die Juden in Fürstenau) und auf der anderen Seite das „Tor des Todes“, in das die Menschen gehen. „Ich wollte keine Lastwagen modellieren, sondern habe das große Tor als Symbol für den Tod gewählt.“ Das 1:5-Modell, das Sabine Hoppe zunächst zur Anschauung in Bronze hat gießen lassen, soll nun Harry Lowenstein in den USA als Geschenk bekommen. Hoppe: „So hat er das Mahnmal aus seinem Geburtsort auch für sich daheim präsent.“ Sie erhielt für diese Ankündigung viel Beifall.

„Wir werden jetzt ein für uns großes Zeichen setzen, für Fürstenau und alle umgebenden Dörfer, für Höxter und für OWL“, betonte Dr. Stoltz vor der Enthüllung, die er mit Kreisdirektor Klaus Schumacher und Bürgermeister Daniel Hartmann vornahm. Stoltz: „Dieses Mahnmal ruft!“

Stätte der Erinnerung

Schumacher sagte: „Ziemlich genau vor drei Jahren haben wir einen besonderen Moment erlebt: Harry Lowenstein war aus Amerika für einen Besuch in seine alte Heimat zurückgekehrt. Mit seinem bewegenden Besuch wurde für uns das Erinnern zur persönlichen Begegnung. Im Erinnern liegt für uns alle der Auftrag, die Würde und die Rechte eines jeden Menschen jederzeit und überall zu schützen. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Menschenrechte sind nicht selbstverständlich. Sie fordern unser aller Engagement.“

Höxters Bürgermeister Daniel Hartmann: „Wir tun gut daran, Bescheidenheit zu üben und uns vor unserer eigenen Geschichte nicht zu verstecken. Deshalb ist es wichtig, dass wir Stätten der Erinnerung schaffen, die uns mahnen, den Weg der Humanität nicht zu verlassen.“

Weg der Humanität

„Anders sein und Erfolg haben – das nährte schon immer unterschwellig Neid und Hass. Deshalb erfüllen dieses Mahnmal und die Feierstunde erst dann ihren Sinn, wenn wir nicht mehr Fremdes radikal ausgrenzen, nicht mehr Erfolge neiden, nicht mehr gute Absichten verleumden.“

Ferdinand Welling (Vorsitzender des Ortsausschusses Fürstenau) sprach von einem besonderen Mahnmal, das gewollt sei und die Bürger mit Stolz erfülle. Er sagte: „Heimat ist da, wo man sich auf andere verlassen kann. Wo man die Haustüre noch offen lassen kann und wo man sich wohlfühlt. Zur Heimat gehört aber auch eine Erinnerungskultur. Dieses Mahnmal, das es im Kreis Höxter kein zweites Mal gibt, zeugt vom Willen der Menschen hier, auch unangenehme Vergangenheit nicht zu vergessen – sondern die Erinnerung wach zu halten, damit sich solche Ereignisse nicht wiederholen können.“

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