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Für einen Moment wird die Welt des missbrauchten Pflegekindes von Lügde sichtbar – mit Video

Blick ins Innerste

Lügde (WB). Nur einen Moment steht die Tür zum Tatort offen. Ein Moment, der für ein Foto reicht – und der einen kleinen Blick in die Welt eines missbrauchten Kindes freigibt.

Christian Althoff

Blick in die Hütte des Hauptbeschuldigten Andreas V.: An der Wand hängen Kinderbilder, die von seiner Pflegetochter gemalt wurden. Foto: Christian Althoff

30 Jahre lang soll Andreas V. auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde gelebt haben . Zuletzt besaß er zwei Wohnwagen, von denen er einen mit mehreren Holzverschlägen umgebaut hatte. Längst hängen die Dächer schief. Alte Leitern, vergammelte Zaunelemente und verrottete Gartenmöbel lehnen draußen an der Behausung, als wollten sie die Wände stützen.

Von rechts: Oberstaatsanwältin Katja Erfurt, Oberstaatsanwalt Ralf Vetter, Staatsanwältin Jacqueline Kleine-Flaßbeck und Polizisten. Foto: Althoff

Die drei Beamten der Staatsanwaltschaft Detmold , die in dem Missbrauchsfall mit seinen mutmaßlich 31 Opfern ermitteln, sind an diesem sonnigen Februartag gekommen, um sich ein eigenes Bild vom Tatort zu machen.

Um tief ins Innere der verwinkelten Behausung zu gelangen, müssen Oberstaatsanwältin Katja Erfurt, Staatsanwältin Jacqueline Kleine-Flaßbeck und Staatsanwalt Ralf Vetter durch einen Vorbau gehen. Er erinnert an eine überdachte Terrasse. Rechterhand steht ein runder Gartentisch, auf dem ein offener, blauer Koffer mit Kinderspielzeug liegt – neben einem Bierglas, einer Astschere, Einwegplastikbechern und einer Pferdebürste. Leere Cola- und Eisteeflaschen liegen auf einem Regal, daneben stehen ein Stapel Plastikgartenstühle, ein Holzkohlengrill, eine Sackkarre und ein Wäscheständer. Auf dem Boden sind neben vielen anderen Dingen ein Eimer mit Briketts und Einweg-Gaskartuschen zu erkennen, wie sie für Campingherde verwendet werden.

Polizisten der Spurensicherung packen Gegenstände aus der Hütte und den Wohnwagen in Umzugskartons. Foto: Althoff

Geradeaus geht es in die eigentliche Hütte, deren Außenwände schwedenrot gestrichen sind. Von der Decke baumelt eine Lampe. Darunter ist ein Tisch mit schweren, dunklen Holzstühlen zu erkennen. Auf der grau-weiß-gestreiften Tischdecke liegen Unterlagen kreuz und quer. Eine Sprudelflasche ist zu sehen, ein Schutzhelm und eine Büroleuchte, an der ein kleines Holzherz baumelt. Hat die Pflegetochter hier ihre Schularbeiten machen müssen?

An der Holzwand hinter dem Tisch hängt ein Abreißkalender an einer Schraube . Montag, 19. Februar steht auf dem obersten Blatt. Das muss 2018 gewesen sein. Daneben hält Tesafilm et­liche bunte Bilder an der Wand, die von dem Pflegekind zu stammen scheinen. Sie sind mit Wasserfarben gemalt, mit Buntstiften und Filzschreibern. Sie zeigen Blumen, Pferde, Regenbögen und Herzen. Und immer wieder auch zwei Namen in kindlicher Schrift: Den des Mädchens und den Spitznamen des Pflegevaters – »Addy«. Auf einem Bild steht »Liebe ist...« – und daneben die Namen der jetzt Neunjährigen und des 56-Jährigen.

Zwischen den Bildern ist eine Urkunde zu erkennen. »Sponsorenlauf der Grundschule Lügde« steht oben auf dem grünen Blatt, darunter der Name des Mädchens und seine Platzierung. Das Pflegekind habe sich unerwartet gut gemacht in der Schule, hatte das Jugendamt Hameln-Pyrmont vor einigen Wochen erklärt. Ja, die Wohnsituation sei nicht optimal gewesen. Aber das Pflegekind habe sich hier wohlgefühlt. Das habe es ja auch selbst gesagt.

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