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Nach Pannen im Fall Lügde gerät geringe Kriminalität aus dem Blick

Lippische Polizisten werden angefeindet

Detmold (WB). Auf der Straße, im privaten Umfeld, am Telefon – im Kreis Lippe werden Polizisten angefeindet, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen.

Christian Althoff

Die Polizei Lippe hatte zuerst den Tatort gesichert. Foto: dpa

Nach Polizeipannen im Missbrauchsfall Lügde sehen sich viele der 391 Beamten unter Generalverdacht. Wenn Polizisten Strafmandate verhängen, müssen sie sich anhören, sie sollten sich lieber um Kinderschänder kümmern. In der Telefonzen­trale in Detmold gehen anonyme Anrufe mit zum Teil obszönen Beschimpfungen ein, und im privaten Umfeld wurde ein Beamter gefragt, ob auch er Pädophile decke.

Aus der Behörde ist zu hören, dass dieses »Bashing« den einen oder anderen Beamten, der nichts mit dem Fall Lügde zu tun habe, psychisch so mitnehme, dass er professionelle Hilfe suche. Marko Börner, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) im Kreis Lippe: »Man kann doch nicht alle Polizisten für die Fehler Einzelner anfeinden.« Trotz der Pannen sollten die Bürger nicht vergessen, dass sie im sichersten Kreis Nordrhein-Westfalens lebten. »Und das ist auch der Arbeit der Polizei zu verdanken.«

Michael Kling, Kreisgruppenvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), kritisiert in diesem Zusammenhang Innenminister Herbert Reul (CDU), der im Februar von Polizeiversagen gesprochen und sinngemäß gesagt hatte, seine Oma hätte das besser gemacht. »Mit solchen Sätzen gießt man Öl ins Feuer. Da legt man den Funken ans Pulverfass.«

»Die personell schwächste Behörde in NRW«

Aktuell richten sich die Pannenvorwürfe im Wesentlichen gegen drei aktive Polizisten aus dem Kreis Lippe: zwei Führungskräfte, die ihre Stühle räumen mussten, und eine Beamtin. Ein vierter Polizist, der in der Kritik steht, ist bereits im Ruhestand. Damit ist nicht einmal ein Prozent der Polizisten betroffen.

Michael Kling von der GdP: »Es gibt in diesem Fall nichts zu beschönigen, und wahrscheinlich hätten wir nicht einmal mit mehr Polizisten den Missbrauch verhindert. Klar ist aber auch: Wären wir nicht die personell schwächste Behörde in NRW, hätten wir anders an den Fall herangehen können.«

Weil die Kriminalität im Kreis Lippe seit dem Jahr 2000 um 18 Prozent gesunken ist, kürzte das Land die Zahl der Beamtenstellen im Laufe der Jahre um 12,5 Prozent – das entspricht 56 Polizisten. Kling: »Viele von uns können ihre Aufgaben nicht mehr so erledigen, wie sie es eigentlich möchten. Der permanenten Überlastung sind dann irgendwann auch Fehler geschuldet.« Dass es solche sein würden wie im Fall Lügde, habe aber auch er nicht erwartet.

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