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Nelly Tomm nach mehr als 38 Jahren als Hebamme im St. Johannisstift verabschiedet

„Mit Hand und Herz zum ersten Atemzug“

Paderborn

Der erste Schrei eines Neugeborenen. Bis zum Schluss ein faszinierender Moment, der Gänsehaut erzeugt: „In der Regel dauert es ungefähr eine Minute, bis der erste Atemzug kommt. Es ist dieser Moment, der Eltern und Geburtshelfer besonders verbindet“, sagt Nelly Tomm.

Nelly Tomm (rechts) hört nach mehr als 38 Jahren als Hebamme im Johannisstift auf. Hier ist sie mit Steffi und deren Baby Ella zu sehen. Foto: St. Joohannisstift

Die Hebamme im Evangelischen Krankenhaus St. Johannisstift hat diesen besonderen Moment jetzt noch einmal erlebt: Am 12. Juni um 11.52 Uhr ist Ella das letzte Baby, das Nelly Tomm bei der Geburt begleiten durfte – nach 38,5 Jahren in der Geburtshilfe.

„Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist. Und das ist es“, sagt die Hebamme mit leuchtenden Augen: „Dabei wollte ich eigentlich Lehrerin werden oder Jura studieren – und bin nur meiner besten Freundin zuliebe Hebamme geworden.“

Ellas Geburt sei richtig schön verlaufen. Im „hebammengeführten Kreißsaal“ lief alles nach Plan – die komplette Geburt nur mit der Betreuung durch Nelly Tomm. In drei Stunden hatte Mutter Steffi dann ihr zweites Kind zur Welt gebracht. „Das erste Kind leistet die Vorarbeit. Das zweite kommt dann meistens schneller“, weiß Nelly Tomm, die viel Erfahrung und Gespür für Frauen und ihre Bedürfnisse ausstrahlt. Das bestätigen Hebammen, die mit ihr gearbeitet und von ihr gelernt haben.

Der „hebammengeführte Kreißsaal“ ist übrigens auf ihr Bestreben hin vor mehr als zehn Jahren im Johannisstift initiiert worden und findet immer mehr Gefallen bei den werdenden Eltern. Bei unproblematischen Schwangerschaften und nach einem klärenden Anmeldegespräch können Frauen ausschließlich mit Betreuung der Hebamme gebären. Auf aufwendige Technik wird verzichtet. Sobald es nötig wird, ist aber ein Arzt zur Stelle.

Viel Wert wird dabei auf eine individuelle Betreuung gelegt. 17 Jahre lang hat Nelly Tomm die Abteilung der Geburtshilfe und Gynäkologie geleitet – und gestaltet: Es wurde viel umgebaut, renoviert und stetig optimiert. Sie entwickelte neue Farbkonzepte und setzte sich ein für neue Kreißsaaleinrichtungen wie eine Sprossenwand, den Einbau einer Gebärwanne, ein Romarad und gestaltete mit ihrem Team das Stillzimmer. Die neue Elternschule wurde ins Leben gerufen – mit vielen verschiedenen Angeboten, Vortragsreihen, Frauen- und Paarkursen (auch als Wochenend-Crashkursus-Format), Säuglingspflege, Vorbereitung auf das Stillen, Rückbildungskurse.

Außerdem hat Nelly Tomm die Geburtshilfe im Johannisstift durch diese Aspekte geprägt: einen Frühstücksraum, in dem sich junge Eltern treffen und austauschen können, ein Wehenzimmer, in dem werdende Eltern vor der Geburt in apartment­ähnlicher Atmosphäre auch übernachten können, und letztlich auch die gern genutzten Familienzimmer.

Nelly Tomm blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. „Und auf meterweise Merci-Schokolade. Dabei freue ich mich am meisten über eine persönlich geschriebene Karte.“ Dass sie viele Kolleginnen bei deren eigenen Geburten unterstützen durfte, macht sie auch lange danach noch besonders stolz: „Eine tolle Anerkennung.“

Die Nachsorge bei den Müttern zu Hause hat Nelly Tomm schon vor fünf Jahren jüngeren Kolleginnen überlassen. Wichtig sei der persönliche Besuch bei den jungen Familien: „Da sieht man erst so richtig, ob die Familie auch wirklich zu Hause angekommen ist. Und es ist eine ganz intime Umgebung für jegliche Fragen.“

Wenn eine Frau keine Hebamme für die Nachsorge zu Hause findet, ist die Wochenbettambulanz im Johannisstift eine gute Alternative. Bei mehr als 4000 Geburten kann Nelly Tomm nicht einzelne hervorheben – aber insbesondere die vielen Geburten ihrer Kolleginnen und Mitarbeiter, die sie persönlich begleitete, werden ihr in schöner Erinnerung bleiben.

Entscheidend ist für sie immer die gute Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Ärzten gewesen. An ihre Mentorinnen Karla Wilhelm, Lore Wolförster und Elke Hartmann-Plaß erinnert sie sich immer noch dankbar. Mit ihrer Kollegin Antonia Schön verbindet sie eine besonders enge Freundschaft. „Wir haben so viele tolle, emphatische Hebammen, mit so viel Wissen und Lust auf die Geburtshilfe“, sagt sie.

Dr. Gregor Haunerland, ehemaliger Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, blickt auf die gemeinsame Arbeit zurück – die auch unter erschwerten Bedingungen stattfand: „Ich erinnere mich gerne an die Geburten mit Frauen im Stehen oder in der Hocke – und ich mit Dir am Boden davor.“ Geborgenheit, Respekt und Geduld – das gehöre zu einer guten Geburt dazu. Nelly Tomm muss es wissen, nach 38,5 Jahren als Hebamme im Johannisstift.

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