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Der in Höxter geborene Wolfgang Beltracchi lebt jetzt in der Schweiz und verdient nach eigenen Worten „fast so viel wie früher“

Nach der Haftstrafe wieder ganz oben

Luzern/Höxter

7,60 Euro hatten Wolfgang und Helene Beltracchi in der Tasche, als sie am 27. Oktober 2011 die Treppen des Kölner Landgerichts hinabgingen. Gerade hatte das Gericht den Kunstfälscher aus Höxter, der den Markt jahrzehntelang mit Fälschungen von Avantgarde-Künstlern wie Heinrich Campendonk, Max Ernst oder Max Pechstein überschwemmt und Millionen kassiert hatte, zu sechs Jahren im offenen Vollzug verurteilt. „Wir hatten keine Wohnung, kein Telefon, kein Konto, kein Auto mehr – und 20 Millionen Schulden“, erinnert sich Beltracchi.

Von Sabine Dobel und Dorothea Hülsmeier

Wolfgang Beltracchi sitzt in seinem Atelier vor einem Bild seines Projekts zu „Salvator Mundi“. Foto: Sabine Dobel/dpa

„Lenken Sie Ihr Talent in legale Bahnen“, gab der Richter Beltracchi mit auf den Weg, der am 4. Februar 1951 als Wolfgang Fischer in Höxter zur Welt gekommen und später mit seinen Eltern nach Geilenkirchen umgezogen war. 1992 lernte er Helene Beltracchi kennen, heiratete sie 1993 und nahm ihren Namen an.

Noch im Knast fingen die Beltracchis neu an. Heute leben sie in der Schweiz, haben ihre Schulden abbezahlt und verdienen mit eigenen Werken „annähernd so viel“ wie früher. Der Maler arbeitet im Schweizer Kanton Luzern in einem Jugendstil-Tanzsaal mit Blick auf den Vierwaldstätter See und die Schweizer Berge. Neuestes Projekt: Beltracchi interpretiert „Salvator Mundi“, das Leonardo da Vinci zugeschriebene und mit Echtheitszweifeln belegte Renaissance-Gemälde, das mit 450 Millionen Dollar einen Rekordpreis erzielte, im Stil von Van Gogh, Dalí oder Warhol. Und er arbeitet nun selbst fälschungssicher: Mit NFT-Werken (non-fungible token), per digitalem Zertifikat geschützt, baut er ein virtuelles Museum auf.

Der Ex-Hippie aus Ostwestfalen mit abgebrochenem Kunststudium ist selbstbewusst: „Ich bin heute einer der teuersten Künstler in Europa“, sagt der 70-Jährige. „Meine Bilder sind teilweise teurer als Baselitz. Der einzige, der mich in Deutschland schlägt, ist Gerhard Richter.“ Dessen Bilder kommen für Millionen unter den Hammer.

Das Gemälde "Zwei rote Pferde in der Landschaft" von Wolfgang Beltracchi (zugeschrieben), gemalt im Stile des Malers Heinrich Campendonk (1889-1957), betrachtet eine Frau am 21.11.2014 im Kunstmuseum Moritzburg. Foto: dpa/Peter Endig

Beltracchi, Sohn eines Kirchenmalers, teilt sein Werk in Bilder „aus dem alten Leben“ und „aus dem neuen“ auf. Neue Werke sind im bayerischen Unterammergau zu sehen, in der Kunsthalle des Unternehmers Christian Zott, der Beltracchi Momente der Geschichte nach Art jeweils passender Künstler malen ließ. In Deutschland stellt Beltracchi sonst praktisch niemand aus. Er hat die Kunstwelt hinters Licht geführt, Experten brüskiert, die seine Werke berühmten Malern zuordneten.

„Er kann nicht rehabilitiert werden, denn er hat einen Großteil seiner Fälschungen nicht offengelegt“, sagt die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler, Birgit Maria Sturm. Beltracchi habe einen „unerhörten Betrug“ begangen. „Es gibt bis heute Geschädigte, die nicht einmal davon wissen.“ Beltracchi gibt unumwunden zu: „Ich sehe ab und zu mal ein Bild von mir, auch im Museum.“ Er werde aber „niemals ein Bild outen“. „Warum sollte ich das tun? Die Bilder sind ja echt. Die haben ein Gutachten und sind in Werkverzeichnissen.“

Markus Eisenbeis, Inhaber des Kölner Auktionshauses Van Ham, glaubt nicht, dass sich noch viele Fälschungen in Museen befinden. „Ich will nicht ausschließen, dass ein, zwei, drei irgendwo hängen. Aber das kann nicht viel sein.“ Er habe einige Fälschungen bei der Polizei gesehen: Die Bilder könnten nicht gegen echte Museumsbilder bestehen. Auch die Kunsthistorikerin Sturm findet: „Er verdient den Namen Künstler nicht.“ Er sei ein „ziemlich guter Handwerker“, habe aber keinen eigenen Stil. Beltracchi winkt ab. Ein eigener Stil bedeute nur, dass man sich reproduziere. „Was ist daran kreativ, wenn man 50 Jahre Bilder auf den Kopf hängt oder Nägel im Kreis irgendwo reinkloppt oder monochrome Leinwände aufschlitzt?“, sagt er und meint Künstler wie Baselitz, Günther Uecker oder Lucio Fontana. „Diesen normalen, traditionellen, elitären Kunstmarkt brauche ich nicht.“

Der ehemalige Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und seine Frau Helene sitzen im Atelier am Vierwaldstätter See am Schreibtisch. Beltracchi löste einen der größten Kunstfälscher-Skandale Deutschlands aus. Vor zehn Jahren wurde der «Fälscherfürst» verurteilt, Anfang 2015 aus der Haft entlassen. Foto: dpa/Sabine Dobel

Beltracchi malt heute 15 bis 20 Bilder im Jahr, und die seien verkauft, „ehe ich die gemalt habe“, sagt er. Dabei seien auch die Bilder „aus der alten Zeit“, also Fälschungen, gefragt. Er habe in vier Jahrzehnten ungefähr 120 verschiedene Maler aus vier Jahrhunderten gemalt, an die 300 Bilder.

Beltracchi schuf Werke, die als verschollen galten, malte sie auf alte Leinwände, fälschte Galerie-Aufkleber auf der Rückseite und versah die Werke mit der Herkunftslegende einer angeblichen Sammlung Jägers. Der Markt saugte die frische Kunstware gierig auf. 2010 flog der Schwindel auf: In dem für einen Rekordpreis von 2,9 Millionen Euro versteigerten Gemälde „Rotes Bild mit Pferden“ wurde das Pigment Titanweiß nachgewiesen, das es zur Zeit der Entstehung des vermeintlichen Campendonks 1914 noch nicht gab.

Jetzt will Beltracchi sein Leben verfilmen lassen. Es solle „ein ganz großer europäischer Kinofilm“ werden – eine Komödie.

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