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Präses Kurschus besucht Paderborner Perthes-Haus, dessen Bewohner und Beschäftigte unter Corona gelitten haben

„Niemand musste alleine sterben“

Paderborn

Präses Annette Kurschus hat im Rahmen ihrer Sommerreise auch das Perthes-Haus in Paderborn besucht. Dabei schilderten Bewohner der leitenden Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen in bewegenden Worten, wie Corona das Leben in der Einrichtung auf dramatische Weise beeinflusst hat und immer noch beeinflusst.

Von und

Freuten sich über den Besuch von Präses Annette Kurschus (3. von links) und ihrem Büroleiter Wilfried Arning (rechts) im Paderborner Perthes-Haus: Einrichtungsleiterin Heidemarie Hellwig, Geschäftsbereichsleiter Felix Staffehl (Altenhilfe Mitte), Pastor Dr. Jens Beckmann, stellvertretender Vorsitzender der Ev. Perthes-Stiftung sowie der Vorsitzende Wilfried Koopmann, Superintendent Volker Neuhoff und Pflegedienstleiterin Ulrike Müller (von links). Foto:

An den 21. März 2020 erinnert sich Heidemarie Hellwig noch ganz genau. Es war ein Samstagnachmittag, als das Gesundheitsamt der Stadt Paderborn die Einrichtungsleiterin über den ersten Corona-Infektionsfall im Perthes-Haus informierte. Die Wochen und Monate, die dann folgten, seien die härtesten, die sie und ihre Kolleginnen und Kollegen bislang erlebt hätten: 39 von 60 Bewohnerinnen und Bewohnern erkrankten an Covid 19, neun von ihnen starben. Und da zeitweise auch ein Großteil der Mitarbeitenden krankheitsbedingt ausfiel oder in Quarantäne musste, arbeiteten alle an der Belastungsgrenze. Oft auch darüber hinaus. Immer bemüht, dafür zu sorgen, dass Menschlichkeit und Nähe trotz enormer Arbeitsbelastung und notwendiger Distanz erhalten bleiben. Und irgendwie haben sie es gemeinsam geschafft.

Dafür sind sie dankbar. Für das gute Miteinander auf allen Leitungsebenen. Für die Kooperation mit den städtischen Behörden. Für das Wir-Gefühl unter den Mitarbeitenden. Für die vielen großen und kleinen Zeichen der Solidarität aus der Bevölkerung – die gespendete Schutzkleidung, als Masken und Kittel noch knapp waren, die Briefe und Bilder aus dem Kindergarten, das kleine Posaunenkonzert des Bläserkreises der Abdinghofkirche im Innenhof und vieles mehr. Davon berichteten sie Präses Annette Kurschus.

Die Theologin war im Rahmen ihrer „Sommergespräche 2021“ ins Perthes-Haus nach Paderborn gekommen, weil sie hören wollte, was die Zeit mit den Menschen gemacht hat, wie sie die Krise erlebt haben, und wie es jetzt weitergeht: „Mein Besuch ist Ausdruck des Respekts, weil Sie sich in dieser schweren Zeit einer fast schier unlösbaren Aufgabe gestellt haben – für die Menschen, die Ihnen anvertraut sind, da zu sein.“

„Schön, dass Sie bei uns sind“, begrüßte Wilfried Koopmann, Vorsitzender der Ev. Perthes-Stiftung, die Präses. Auch bei ihm hat die Corona-Pandemie mit insgesamt 140 Todesfällen in Einrichtungen der Ev. Perthes-Stiftung. Spuren hinterlassen. Vieles muss noch verarbeitet werden. Vor dem, was die Mitarbeitenden über Wochen und Monate hinweg geleistet haben, habe Koopmann hohen Respekt. Als von jetzt auf gleich 19 Mitarbeitende in Quarantäne mussten, seien zur Unterstützung sofort Pflegekräfte aus anderen Häusern und der Tagespflege eingesprungen. Für deren „Bereitschaft, ein persönliches Risiko auf sich zu nehmen und eine andere Einrichtung zu unterstützen“, sei er unglaublich dankbar. „So heftig die ersten zwei Monate auch waren, sie haben gezeigt, dass die Teams vor Ort hervorragend arbeiten.“ Das zeige auch die Tatsache, dass der Ruf der Einrichtung nicht gelitten habe und kein Makel zurückgeblieben sei.

Als Pflegedienstleitung weiß Ulrike Müller auch von den Ängsten und Sorgen ihrer Kolleginnen und Kollegen: „Manchmal konnten sie wegen der hohen Belastung eigentlich nicht mehr und hatten auch Sorge um die eigene Gesundheit, aber sie haben trotzdem durchgehalten. Der Zusammenhalt im Team war einfach toll.“ Umso mehr freut sie sich deshalb auch über die gesellschaftliche Anerkennung: „Unser Beruf ist in ein anderes, ein besseres Licht gerückt.“ Auch im Freundes- und Bekanntenkreis habe sie immer wieder aufrichtige Wertschätzung für ihr berufliches Engagement erfahren. Manche Kolleginnen hatten aber auch mit Problemen zu kämpfen, wie in einer abschließenden Gesprächsrunde mit einigen Pflegekräften sowie Bewohnern deutlich wurde.

Einfach nur da sein: In Phasen des Abschiednehmens und Sterbens war das allerdings immer möglich. Auch in Corona-Zeiten. Das ist Heidemarie Hellwig wichtig, weil es das diakonische Selbstverständnis des Hauses und auch ihr eigenes betrifft: „Niemand musste bei uns allein hinter verschlossenen Türen sterben. Angehörige konnten kommen, sich verabschieden und wurden auch begleitet. Wenn auch anders als sonst…“ Wilfried Koopmann: „Palliativbegleitung war und ist immer möglich. Uns als diakonischem Träger ist es ganz besonders wichtig, zu sagen: Niemand musste und muss alleine sterben.“

Am Ende ihres Besuches zeigte sich Präses Annette Kurschus beeindruckt. Es sei deutlich geworden, wie sehr das solidarische Miteinander alle Beteiligten durch die Krise getragen habe.

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