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WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion: Bielefelder Björn Zentner leitet die Kita „Arche Noah“ in Bad Neuenahr-Ahrweiler

Plötzlich Krisen-Manager

Bad Neuenahr-Ahrweiler/Bielefeld

Auch wenn viele Kinder in Bad Neuenahr-Ahrweiler schon wieder lachen können, sind die verheerenden Folgen der Flutkatastrophe im Ahrtal aus dem Juli noch lange nicht überwunden. Im Rahmen der traditionellen Weihnachtsspendenaktion hofft das WESTFALEN-BLATT weiter auf die Solidarität und Mithilfe, die die Leserinnen und Leser seit dem Sommer überreichlich zeigen. 268.676 Euro sind bis zum ersten Adventswochenende zusammen gekommen. Doch wir sammeln weiter. Jeder Euro zählt!

Von Gunnar A. Pier

Auch Wochen nach der Flutkatastrophe sah es in den Kindertagesstätten in Bad Neuenahr-Ahrweiler noch verheerend aus.  Foto: Gunnar A. Pier/Collage: Dunja Delker

Wenn Björn Zentner in der ersten Etage aus dem Fenster der Elefanten-Bären-Gruppe schaut, hat er gewissermaßen die Gegenwart und die nahe Zukunft zugleich um sich herum. Die Gegenwart spielt in der ersten Etage des Mehrgenerationenhauses, seit die evangelische Kita „Arche Noah“ im Erdgeschoss Mitte Juli in der Flutkatastrophe versank.

Auf dem Parkplatz vor dem Fenster werden gerade die Container eingerichtet, in der die Kindertagesstätte bald ihr endgültiges Provisorium bezieht und bleibt, bis die eigentlichen Räumlichkeiten wieder hergestellt sind.

Dass Zentner einmal Krisenmanager und unfreiwilliger Mitarbeiter der Bauaufsicht sein würde, hat er wohl nicht erwartet, als er in Bielefeld seine berufliche Laufbahn startete. Dabei zeigte er sich von Beginn an durchaus flexibel: Obwohl sein Faible für soziale Berufe längst erkennbar war, machte der erklärte Arminia-Anhänger zunächst eine Ausbildung zum Schriftsetzer. Wie sein Vater: Der hatte seinerseits von 1965 bis 1968 bei dieser Zeitung Schriftsetzer gelernt.

Später machte er sich selbstständig mit einer kleinen, aber wachsenden Setzerei und Druckerei, verdiente sein Geld anfangs mit gedruckten Gesetzestexten und Loseblatt-Sammlungen. Seit er den Betrieb Kallweit übernahm, gehörten auch Schilder und Werbetafeln zu seinem Angebot. Sohn Björn also stieg beim Vater ein. „Ich habe mal was Vernünftiges gelernt“, sagt er deshalb heute augenzwinkernd.

Vom Fenster der Elefanten-Bären-Gruppe im ersten Stock des Mehrgenerationenhauses in Bad Neuenahr-Ahrweiler kann Björn Zentner die nahe Zukunft sehen: Auf dem Parkplatz werden Container aufgebaut – ein neues Provisorium für seine Einrichtung. Foto: Gunnar A. Pier

Doch das Faible fürs Soziale ließ ihn nicht los. Im Jahr 2000 zog Zentner nach Koblenz und machte eine Ausbildung zum Erzieher. Nach Stationen als Ergänzungskraft und Gruppenleitung wurde er 2010 erstmals Leiter einer Kita. Es ging zurück nach Bielefeld in die Kita „Großer Wiel“ und weiter in die Kita „Arche Noah“ nach Bad Oeynhausen – bevor er 2018 in die nächste „Arche Noah“ wechselte: an die Ahr.

Die evangelische Einrichtung gibt es schon einige Jahrzehnte. Seit dem Jahr 2010 ist sie im Erdgeschoss eines ehemaligen Schulgebäude untergebracht. 115 Kinder, sechs Gruppen – eine große Einrichtung.

Die evangelische Kita "Arche Noah" in Bad Neuenahr-Ahrweiler am 18. August 2021 fünf Wochen nach der Hochwasser-Katastrophe. Von links: Natalia Jesser (stellvertretende Kita-Leiterin)., Elke Eumann (Gemeindeleitung) und Pfarrer Thomas Rheindorf Foto: Gunnar A. Pier

Am Abend des 14. Juli 2021 ging diese „Arche Noah“ in der Jahrhundertflut unter. Das Wasser stand fast bis zu Decke, alles war zerstört. Das Spielzeug war weg – und auch alle Daten. „Das ist jetzt über vier Monate her, aber ich habe noch immer nicht von allen die Telefonnummer. Und wir wissen nicht bis ins Letzte, wer wiederkommt und wer weggezogen ist“, sagt Zentner.

Dabei hat die „Arche Noah“ längst wieder Fahrt aufgenommen – wenn auch in unruhigem Wasser. Zwei Gruppen wurden in Veranstaltungs- und Seminarräumen in der ersten Etage eingerichtet. Die Kleinsten bekamen einen Raum im dritten Obergeschoss, 24 Kinder werden täglich nach Karweiler oberhalb von Bad Neuenahr gebracht. Ein Behelf, das alles – aber es hilft.

Großartige Hilfsbereitschaft

„Die Hilfsbereitschaft ist großartig“, nennt Zentner einen Grund dafür, warum hier kaum jemand den Mut verliert. Er verweist nicht nur auf die Hilfe unserer Leser, die schon knapp 270.000 Euro für seine und sieben weitere Kitas im Ahrtal gespendet haben, sondern nennt auch andere Beispiele aus OWL: „Eine Schuhfirma aus Herford hat Hausschuhe gespendet, der Kirchenkreis Vlotho war sehr großzügig.“ Und aus Herzebrock-Clarholz werden bald 50 Weihnachtsbäume gebracht. Seine ostwestfälische Herkunft hilft dem 46-Jährigen also noch immer. Zentner ist übrigens auch privat betroffen, wenn auch weniger stark als viele in seiner Nachbarschaft. Der Hausrat und die Fahrräder im Keller sind futsch, und die beiden Autos der Familie sind in der Flut davongeschwommen.

Auf dem Parkplatz vor dem Mehrgenerationenhaus wird derweil fleißig gewerkelt. Ein Container-Ensemble wurde erreichtet, in das die „Arche Noah“ nach den Weihnachtsferien einziehen will. Dort ist Platz für alle Kinder – so lange, bis die Kita-Räume renoviert sind. Zwei Jahre werden so wohl vergehen.

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    Empfänger: WESTFALEN-BLATT

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