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Zeugen Jehovas aus Bad Lippspringe im Dritten Reich ermordet

Streit um Familienarchiv

Bad Lippspringe/Dresden/Koblenz

Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden muss das Archiv einer in der NS-Zeit verfolgten Zeugen-Jehovas-Familie nicht an diese Glaubensgemeinschaft herausgeben.

Von Jens Albes

Solche Armbinden markierten Zeugen Jehovas, Foto: Coreyjo

Das Landgericht Koblenz wies eine entsprechende Klage der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ab.

Ein 20 und ein 26 Jahre alter Sohn der Familie aus Bad Lippspringe (Kreis Paderborn) waren im Nationalsozialismus hingerichtet worden, weil sie aus Glaubensgründen den Kriegsdienst verweigert hatten. Eine Schwester dokumentierte dies in einem Familienarchiv. Sie verfügte, dass das Archiv nach ihrem Tod an ihre Glaubensgemeinschaft gehen sollte. Als sie 2005 starb, befand sich das Ar­chiv im Besitz eines weiteren Bruders, der über das Schicksal seiner Angehörigen das Buch „Der lila Winkel – Die Familie Kusserow“ veröffentlicht hatte. Von ihm erwarb die Bundesrepublik 2009 das Familienarchiv für das Militärhistorische Museum der Bundeswehr für 4000 Euro. Im Kaufvertrag versicherte der inzwischen ebenfalls gestorbene Verkäufer, Eigentümer des Archivs zu sein.

Die klagende Gemeinschaft der Zeugen Jehovas argumentierte dagegen, der Bruder sei nicht zum Verkauf berechtigt gewesen. Der Wille der Schwester, das Familienarchiv den Zeugen Jehovas zu überlassen, sei zu respektieren.

Das Landgericht Koblenz urteilte, die Bundesrepublik habe die Dokumente „gutgläubig“ gekauft und müsse sie daher nicht herausgeben. Der Verkäufer sei als Eigentümer aufgetreten. Nach der Beweisaufnahme des Gerichts sei davon auszugehen, dass er das Familienarchiv mit Zustimmung seiner Schwester aufbewahrt habe. Die Bundesrepublik wird im Streit vom Verteidigungsministerium und dieses vom Zen­trum Innere Führung in Koblenz vertreten – so erklärt sich der Gerichtsstandort.

Die Zeugen Jehovas sind als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Im Nationalsozialismus wurden ihre Mitglieder unter anderem wegen ihrer Weigerung, Kriegsdienst zu leisten, den Hitlergruß zu entbieten oder in anderer Weise am Führerkult teilzunehmen, verfolgt.

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