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Allein in OWL wurden bisher 832.000 Euro für Zäune an Weidetier-Halter ausgezahlt

Teurer Schutz vor Wolfs-Attacken

Detmold/Düsseldorf

Der Schutz von Weidetieren vor den meist tödlichen Wolfs-Attacken hat allein in Ostwestfalen-Lippe bisher annähernd eine Million Euro an Steuergeldern verschlungen, NRW-weit rund 1,5 Millionen Euro – vorwiegend für den Bau von Zäunen.

Von Rolf Schraa und Paul Edgar Fels

Streitthema Wolf: Tierschützer begrüßen die Ansiedlung auch in OWL, viele Tierhalter aber beklagen Angriffe etwa auf Schafe. Foto: dpa

Wie Peter Westphal, Sprecher der Bezirksregierung Detmold, am Montag auf Anfrage mitteilte, habe die Behörde für die Förderung von mobilen und stationären Zäunen insgesamt 831.932 Euro ausgezahlt. Bislang seien 299 Förderanträge gestellt worden, 265 seien bewilligt worden. Die Förderung von Herdenschutzhunden sei bisher aber nicht beantragt worden, sagte Westphal.

40 Attacken auf Nutztiere

Zudem habe die Bezirksregierung Detmold seit dem Jahr 2019 neun Anträge auf Entschädigungsleistungen wegen Schäden durch Wolfsrisse bewilligt. Die ausgezahlte Summe beträgt demnach 4335 Euro.

40 Attacken von Wölfen auf Nutztiere, meist Schafe, gab es 2021 in NRW – allein die Hälfte im Wolfsgebiet am Niederrhein. Nachdem viele Schafhalter inzwischen ihre Tiere in Ställen schützen oder Hütehunde angeschafft haben, suchen die Wölfe sich offensichtlich andere Beutetiere.

Am 10. Oktober wurde in Petershagen im Kreis Minden-Lübbecke erstmals ein vom Wolf gerissenes Kalb entdeckt. Zudem begann in dem Weseler Wolfsgebiet eine Serie von Attacken auf Ponys und Kleinpferde.

Die Bilder der mit Kehlbiss getöteten und teils stark angefressenen Tiere fachten die Debatten um einen Abschuss von Wölfen noch einmal deutlich an. Kurz vor Weihnachten reagierte NRW-Ministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) und kündigte für Anfang 2022 eine Wolfsverordnung nach niedersächsischem Vorbild an, die Abschussmöglichkeiten für die im Naturschutzrecht streng geschützten Wölfe klarer fassen und möglicherweise ausweiten soll.

Abschuss in Niedersachsen erlaubt

Die niedersächsische Verordnung erlaubt Entnahmen unter anderem dann, wenn Wölfe sich Menschen gegenüber aggressiv zeigen, sich ihnen auf unter 30 Metern nähern und sich nicht „vergrämen“, also etwa durch Beschuss mit Gummigeschossen vertreiben lassen, oder wenn sie Wolf­schutzzäune mindestens zweimal überwunden und ein Tier gerissen haben. Allerdings müssten solche Übersprünge eines 1,20-Meter-Elektrozaunes mehrfach in einem engen zeitlichen Zusammenhang passieren, um eine Verhaltensauffälligkeit des Wolfes anzunehmen, sagte die Ministerin.

Folgt die NRW-Verordnung dem niedersächsischen Vorbild, könnte es bald eng werden für die Wölfe am Niederrhein oder in OWL. Im Nachbarbundesland wurden bereits vier Wölfe auf der Grundlage von „artenschutzrechtlichen Ausnahmegenehmigungen“ geschossen – in zwei Fällen, weil ein Wolfsrudel wiederholt auch Rinder und Pferde gerissen hatte und in einem anderen Fall, weil ein erheblicher Schaden von rund 70.000 Euro durch Wolfs-Attacken entstanden war.

Der Nabu Niedersachsen hat Klage gegen die dortige Verordnung eingereicht, weil sie aus Sicht der Naturschützer gegen Europarecht verstößt. Wirksamer Herdenschutz sei das einzige Mittel für ein Zusammenleben mit dem Wolf, argumentiert der dortige Nabu. Bei den vier niedersächsischen Abschüssen seien außerdem nicht die angeblich auffälligen Wölfe entnommen, sondern jeweils ein Nachkomme stellvertretend geschossen worden.

Aufstockung von Schutzmaßnahmen

„Wir hoffen, dass die NRW-Verordnung nicht 1:1 in Niedersachsen abgeschrieben wird“, sagt der Sprecher des Landesfachausschusses Wolf beim Nabu NRW, Thomas Pusch. Vor Entnahmen von Wölfen müssten wirklich alle Alternativen ausgeschöpft sein. Natürlich werde sich auch der Nabu NRW anschauen, ob die Verordnung EU-konform sei. „Es kommt auf die genaue Formulierung an. Hoffentlich werden die Verbände auch gehört.“

Auch der Landwirtschaftsfachmann in der oppositionellen Landtags-SPD, René Schneider, zeigt sich skeptisch angesichts der Pläne. Für einen gerichtsfesten Abschuss müsste man die Übergriffe einzelnen Tieren zuordnen. Das sei aber äußerst schwierig. Und selbst wenn ein einzelner Wolf dann geschossen werden dürfe: Wie soll man ihn im Wald identifizieren?, gibt Schneider zu bedenken.

Solange Entnahmen von Wölfen nicht erlaubt sind, bleibt die Aufstockung von Schutzmaßnahmen mit Landeshilfe als einziges probates Mittel. 2022 soll im Schermbecker Wolfsgebiet auch der Schutz von Ponys, Klein- und Jungpferden gefördert werden. Das könne sich auf bis zu sieben Millionen Euro addieren, falls dort alle Pferdehaltungen gefördert würden, so das Ministerium. Dabei ist der NRW-Naturschutzhaushalt, aus dem das Geld stammt, mit 37 Millionen Euro pro Jahr nicht übermäßig üppig dotiert. Denn auch die Förderung der bedrohten Artenvielfalt ist ein wichtiges Thema. Viel Geld für Zäune – das stößt im Ministerium nicht auf Begeisterung.

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