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Gewerkschaften, Betriebe und Agentur für Arbeit schlagen Alarm – Zuspitzung des Fachkräftemangels befürchtet

Trotz Corona-Krise: Viele freie Azubi-Stellen im Kreis Paderborn

Paderborn

Viele Betriebe im Kreis Paderborn suchen händeringend nach Azubis. Trotz Pandemie gebe es viele offene Ausbildungsplätze, betonen IG Metall, Arbeitsagentur und Arbeitgeberverband. Mit der Kampagne „Best of the Rest“ wirbt die Gewerkschaft explizit für 30 offene Azubi-Stellen in 15 verschiedenen Berufen.

Von Jörn Hannemann

Justin Samioski (24) ist Auszubildender zum Industriemechaniker bei Diebold Nixdorf – und hat diese Entscheidung nicht bereut. Foto: Jörn Hannemann

„Hier wird tariflich bezahlt, die Aufstiegschancen sind gut: Das sind Plätze, die man eigentlich mit Kusshand nehmen müsste“, sagt Konrad Jablonski, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Paderborn. Doch Bewerber seien Mangelware. Und das läge nicht nur an der Corona-Situation.

Justin Samoiski hat seine Entscheidung nicht bereut. Der 24-Jährige macht eine Ausbildung bei Diebold Nixdorf zum Industriemechaniker. „Nach Abschluss der Schule wusste ich zunächst nichts richtiges anzufangen und arbeitete erst als Montagehelfer einer Leiharbeitsfirma“, erzählt der 24-jährige Mann aus Schloß Neuhaus, der dort auch das Berufskolleg besuchte. So kam er erstmals zu Diebold Nixdorf, wo er zunächst half, Teile von Geldautomaten zu montieren. Als ihm eine Azubi-Stelle angeboten wurde, griff er zu. „Mir gefällt hier die praktische Arbeit. Das liegt mir auch.“ Und solche Bewerber sucht auch das Unternehmen dringend: zehn Azubi-Stellen zum Industriemechaniker sowie zwei zum Verfahrenmechaniker Beschichtungstechnik werden aktuell gesucht. Doch auch hier sind Kandidaten rar.

Hier werden noch Bewerber gesucht

Mit Sorge blickt auch Heinz Thiele, Leiter der Arbeitsagentur Paderborn, auf die Entwicklung: „Seit etwa drei Jahren haben wir mehr Stellen als Bewerber. Früher war das umgekehrt.“ Die Pandemie habe diesen Trend noch mal forciert. „In den nächsten zehn Jahren werden 25 Prozent aller Beschäftigten in den Ruhestand gehen“, sagt Thiele mit Verweis auf den demografischen Wandel. „So viele Jugendliche gibt es gar nicht, um diese alle zu ersetzen.“ Er schätzt, dass dadurch auch der Wettbewerb zwischen Betrieben, Fachhochschulen und Hochschulen um jeden einzelnen Bewerber zunehme.

Melanie Cramer, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Paderborn, betont, dass die Zahl der Stellen konstant geblieben sei, was eine aktuelle Blitzumfrage ergab. „Das liegt auch an dem Trend zur Akademisierung“. Jeder zweite Schulabgänger habe die Befähigung zu Studieren. Dabei müsse eine Ausbildung „keine Einbahnstraße sein“ sein und man könne darauf vielfältig aufbauen.

Aktuell würde ein Info-Truck vor Schulen halten und über Angebote informieren. Gleichzeitig sollen Eltern und Familien gezielt angesprochen werden.

Anke Unger

Laut Anke Unger, Geschäftsführerin des Gewerkschaftsbundes DGB OWL, wären viele Praktika in der Corona-Zeit nicht möglich gewesen – und somit Möglichkeiten, dass Jugendliche Kontakte und Erfahrungen mit Unternehmen sammeln konnten. Dabei seien die künftigen Fachkräfte so immens wichtig: „60 Prozent der Langzeitarbeitslosen haben keine Ausbildung“, warnt die Gewerkschafterin und appelliert an Betriebe, sich noch stärker an Bewerber ohne Abitur zu richten. „Das sind die Fachkräfte, die wir morgen brauchen.“

Sie fordert, Anreize von dualer Ausbildung und Studium gleichwertig zu behandeln: „Wie bei Studentenwohnheimen muss auch für Azubis das Wohnen gefördert werden.“ Es gebe zwar Azubi-Tickets für den ÖPNV, diese seien aber teurer als Semestertickets an Unis.

Werben für für freie Ausbildungsstellen: Konrad Jablonski (IG Metall), Melanie Cramer (Arbeitsgeberverband), Heinz Thiele (Arbeitsagentur) und Anke Unger (DGB). Foto: Jörn Hannemann

Gesellschaftliches Umdenken gefordert

Auch ein gesellschaftliches Umdenken müsse stattfinden, sagt Konrad Jablonski. „Es gibt leider immer noch große Vorbehalte: Der Gedanke, nur mit einem Studium etwas werden zu können, ist noch weit verbreitet.“ Weitere Informationen gibt die IG Metall unter http://paderborn.igmetall.de. Laut Gewerkschaftssekretär Felix Eggersglüß können sich IG Metall-Mitglieder zudem per Video- und Telefonberatung zu Bedingungen, Erfahrungen und Zukunftsperspektiven in den aufgelisteten Betrieben informieren.

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