Interview mit Melanie Cramer, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes im Hochstift Paderborn

„Unternehmen brauchen Luft zum Atmen“

Paderborn

Vor zwei Jahren hat Melanie Cramer die Geschäftsführung des Arbeitgeberverbandes im Hochstift Paderborn von Johannes Heß übernommen. Welche Herausforderungen und Ziele sie sieht, das hat sie im Gespräch mit WV-Redakteur Ingo Schmitz verraten.

Melanie Cramer ist Rechtsanwältin und steht seit zwei Jahren an der Spitze des Arbeitgeberverbandes im Hochstift Paderborn. Foto: Ingo Schmitz

Sie sind seit 14 Jahren als Rechtsanwältin im Arbeitgeberverband tätig. Was hat sich für Sie in den vergangenen zwei Jahren durch die Übernahme der Geschäftsführung verändert?

Melanie Cramer: Die Arbeit als solche hat sich nicht wesentlich verändert. Es hat sich einiges verschoben, aber ich hatte ja schon vorher die Beziehungen zu den Mitarbeitern und den Mitgliedsunternehmen. Ich habe aber dennoch 2019 zunächst damit angefangen, alle Mitgliedsunternehmen zu besuchen, weil mir der persönliche Kontakt wichtig ist. Das hilft, um die Firmen noch besser kennen zu lernen und zum Beispiel die Produktion zu erleben. Nur leider kam dann Corona dazwischen. Mit der Krise kamen ganz andere Anforderungen.

Sie sagen: „Und dann kam Corona.“ Was hat die Krise mit Ihnen persönlich gemacht?

Cramer: Ich lebe in Paderborn, habe Kinder und habe all das erlebt, was alle anderen Familien auch getroffen hat. Meine Kinder waren plötzlich zuhause, wir mussten mit Homeschooling klar kommen. Es hat uns aber nicht ansatzweise so hart getroffen, wie andere Familien. Mein Mann und ich konnten abwechselnd im Homeoffice tätig sein. Die Kinder sind in einem Alter, dass sie schon mal selbstständig sein können. Das ist eine völlig andere Situation, als es zum Beispiel Mitarbeiter im Gesundheitswesen erleben, die trotz der fehlenden Betreuung zur Arbeit ins Krankenhaus zur Schicht müssen.

Und mit Blick auf den Arbeitgeberverband?

Cramer: Wir haben uns auch schon vor Corona nicht über Arbeitsmangel beklagen können. Aber die Pandemie hat gerade in den ersten Monaten noch einmal eine ganz neue Dimension eröffnet. Es gab fast täglich neue gesetzliche Vorgaben. Die mussten an die Betriebe transportiert werden – gleichzeitig mussten wir Firmen Lösungen aufzeigen. Beispiel: Wie stellt man einen Hygieneplan auf? Oder: Wie funktioniert das mit der Kurzarbeit oder den Entschädigungsleistungen, wenn eine Quarantäne ansteht? Wir mussten die Flut an Informationen kanalisieren und entsprechend weiter geben. Das war eine große Herausforderung. Die Krise hat gezeigt, wie gut ein solcher Verband funktioniert und welche Vorteile sich für die Mitglieder bieten. Wir haben ein großes Netzwerk, auch zu anderen Verbänden, und wissen, welche Firmen zum Beispiel Desinfektionsmittel herstellen oder Corona-Tests vertreiben und geben diese Hinweise weiter.

Wie sind Sie mit den Firmen ins Gespräch gekommen?

Cramer: Wir haben viel telefoniert und tagesaktuell per Mail informiert. Zusätzlich gab es sehr schnell eine Gesprächsrunde für die Wirtschaft, die von Paderborns Bürgermeister Michael Dreier ins Leben gerufen worden ist. Da wurden auch schwierige Themen angesprochen, um Lösungen zu finden. Das war sehr wertvoll.

Und Firmenberatung auf Distanz – wie kann das funktionieren?

Cramer: Schon vor Corona fand viel über das Telefon statt oder beginnend auch über Videokonferenzen. Das ist ausgebaut worden. Auch der Arbeitgeberverband hat noch mehr digitalisiert, obwohl wir auch vorher schon gut aufgestellt waren.

Und wie steht es mit der Digitalisierung der Betriebe?

Cramer: Ich war überrascht, wie schnell sich die Firmen darauf eingestellt haben und was da alles passiert ist. Daher ärgert es mich, wenn ich lese, dass Bundesarbeitsminister Hubertus Heil fordert, dass die Firmen in dieser Krise nun endlich ihren Beitrag leisten müssten. Was hat eigentlich die Politik zwischen der ersten und zweiten Welle getan, um sich auf die Lage einzustellen?

Zum Thema Homeoffice: Steht es Ihrer Meinung nach der Politik zu, den Firmen das weitere Vorgehen vorzuschreiben?

Cramer: Viele Firmen haben aus purem Eigeninteresse Arbeitsplätze in mobile umgewandelt, um weiter handlungsfähig sein zu können. Es gab im Herbst eine gegenteilige Entwicklung, in der Mitarbeiter vermehrt den Wunsch geäußert haben, in die Unternehmen zurück zu kehren. Das war völlig konträr zu dem, was dann die Politik entschieden hat. Corona hat gezeigt, wie gut Homeoffice funktionieren kann, aber auch, wo die Grenzen sind. Das gilt für Mitarbeiter wie auch für Führungskräfte. Wir werden für die Firmen individuelle Lösungen brauchen. Hier will aber die Politik eine Entscheidung per Gießkanne treffen, ohne zu sehen, wie unterschiedlich die einzelnen Regionen zum Beispiel mit Internet versorgt sind. Unternehmen brauchen Luft zum Atmen und Politik sollte sich da nicht einmischen. Vielmehr sollten starre Rahmenbedingungen – wie zum Beispiel die Vorschriften zu Ruhezeiten – geändert werden, damit es für die Mitarbeiter wirklich einen Mehrwert durch das Homeoffice gibt. Wenn ich als Elternteil mich zwischendurch um die Kinder kümmere und dann abends zuhause Mails schreibe, dürfte ich derzeit nicht morgens um 8 Uhr wieder am Rechner sitzen.

Welche Chancen sehen Sie im Homeoffice?

Cramer: Es ist gerade für unsere Region ein Gewinn, wenn es um das Thema Fachkräftemangel geht. Es ist schwer, für bestimmte Positionen geeignete Leute zu finden. Wenn wir diese für die Stelle gewinnen können, fällt es dann oft schwer, die Familie für die Region zu begeistern, wobei diese so schön und lebenswert ist. Homeoffice bietet die Chance, dass zum Beispiel erfahrene Führungskräfte, die regional gebunden sind, von Hamburg, München oder Berlin aus auf Distanz in den hiesigen Unternehmen arbeiten können und nur an wenigen Tagen im Monat in den Betrieb kommen.

Auch bei der Testpflicht macht die Politik den Firmen Vorschriften. Sinnvoll?

Cramer: Viele Betriebe haben sich frühzeitig selbst verpflichtet, Tests durchzuführen. Dann aber entscheidet die Politik, dass Firmen verpflichtet sind, den Mitarbeitern Tests anbieten zu müssen. Was sie aber nicht macht, ist die Verpflichtung der Mitarbeiter, sich testen zu lassen. Das ist das viel größere Ärgernis. Viele Unternehmen sitzen jetzt auf den Tests, die sie bestellt haben und vorhalten müssen und die viel Geld kosten. Es hilft aber nichts, wenn sich eine Hälfte der Belegschaft testet, die andere nicht. Das ist ärgerlich, bringt uns nicht weiter und würdigt nicht das, was die Wirtschaft in der Krise leistet.

Wie hat sich die Corona-Krise auf die arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzungen ausgewirkt?

Cramer: Weil die Gerichte zum Teil in den Lockdown gegangen sind, kam es zu Zeitverzug. Das Arbeitsgericht Paderborn hat das inzwischen gut aufgearbeitet. Was wir bislang im Kreis Paderborn zum Glück nicht haben, sind Personalabbaumaßnahmen im größeren Umfang. Dazu hat die Kurzarbeit beigetragen. Es gab aber durchaus Einzelfälle, wo Mitarbeiter vom Arbeitgeber eine Entschädigung haben wollten dafür, dass sie im Homeoffice tätig sind und dort mit dem Firmenrechner privaten Strom verbrauchen. Es gab zu Beginn der Krise auch Auseinandersetzungen zwischen Firmenleitungen und Belegschaft oder Betriebsrat, weil Mitarbeiter die Maske nicht getragen haben. Wir haben die Firmen beraten, wie sie Mitarbeiter dahin bewegen können.

Um welche Betriebe machen Sie sich aktuell die meisten Sorgen?

Cramer: Um Betriebe, die sowieso vom Strukturwandel schon vor Corona betroffen waren und die Transformation schaffen müssen. Corona kam für diese Firmen zur Unzeit. Viele halten nun dringende Investitionen zurück, die aber für die Innovationen notwendig sind. Da werden wir eine lange Konsolidierungsphase benötigen.

Wie sieht Ihre Prognose in Sachen Insolvenzen aus?

Cramer: Bei unseren Mitgliedsbetrieben wird da wenig passieren. Ich kenne derzeit keinen Betrieb, der gefährdet ist.

Der Arbeitgeberverband hat sich sehr frühzeitig um das Thema „Impfen in Betrieben“ eingebracht. Wie kam es dazu?

Cramer: Wir haben ein hohes Interesse daran, dass wir in eine gewisse Normalität kommen und wir sehen unsere gesellschaftliche Verantwortung. Die Wirtschaft ist in dieser Krise nicht das Problem, sondern die Lösung, weil wir viele Menschen erreichen können. Wir haben die Strukturen zum Impfen geschaffen, nur leider fehlt der Impfstoff. Das ist das ganz große Ärgernis. Wir wären beim Impfen deutlich weiter, wenn man mit Wirtschaftsverstand an die Impfstoffbeschaffung gegangen wären. Ich bin daher froh über jede Impfung, die wir nun machen können.

Was werden Sie aus der Krise mitnehmen?

Cramer: Ich halte den Gesprächskreis Wirtschaft für wichtig. Es gab und gibt dort einen sehr wertvollen Austausch, der nicht nur in Corona-Zeiten wichtig ist. Wir müssen die Pandemie begreifen – bei allem Leid, was entstanden ist – als eine Zeit des Umbruchs, um daraus das Beste für die Zukunft mitzunehmen. Wir werden sicher Seminare auch künftig virtuell anbieten. Wir werden auch weiterhin daran arbeiten, dass die Unternehmen uns als Gesamtlösung sehen – nicht nur in rechtlicher Beratung, sondern auch wenn es darum geht, sich für die Zukunft aufzustellen, zum Beispiel wenn es darum geht, die starren Arbeitszeitmodelle hinter sich zu lassen.

Zur Person

Melanie Cramer, Jahrgang 1978, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Juristin wuchs in Kaiserslautern auf. Nach dem Abitur studierte sie Rechtswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität in Gießen.

Im Anschluss an das zweite Staatsexamen war sie zunächst als Juristin in der Personalabteilung eines großen Energieversorgungsunternehmens beschäftigt. Seit 2007 ist Melanie Cramer als Rechtsanwältin im Arbeitgeberverband Paderborn, Büren, Warburg und Höxter e.V. tätig, seit 2019 ist sie Geschäftsführerin.

Ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten und sonstigen Funktionen:

• Mitglied Stiftungsrat und Kuratorium des St. Johannisstift Paderborn

• Vorstandsmitglied Zentrum für Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit in Südostwestfalen e.V.

• Alternierende Vorsitzende des Verwaltungsausschusses der Agentur für Arbeit Paderborn.

Außerdem ist sie Mitglied im Rotary Club Paderborn Stadt + Land sowie bei den Managerinnen OWL.

Startseite