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Unwetter: Fluss-Anwohner in Hagen sollen sich in Sicherheit bringen - Hilfe aus Ostwestfalen

Feuerwehrmann ertrinkt bei Rettungseinsatz

Hagen/Bielefeld/Altena

Bei der Rettung eines anderen Menschen ist am Mittwoch ein Feuerwehrmann im sauerländischen Altena ertrunken. In Hagen wurden nach den schweren Regenfällen Anwohner von Flüssen  aufgerufen, sich wegen steigender Pegel in Sicherheit zu bringen.  Hilfe kommt auch von  Feuerwehren aus Ostwestfalen.  

Von dpa/WB

Ein Mann steht auf einer überfluteten Straße im Hagener Ortsteil Hohenlimburg. Foto: Dieter Menne/dpa

Angesichts weiter steigender Wasserstände hat die Stadtverwaltung von Hagen am Mittwoch die Anwohner von Flüssen aufgefordert, sich in höher liegende Bereiche zu begeben. «Falls das Haus nicht verlassen werden kann, sollten Sie sich in höhere Etagen begeben, sodass Sie gegebenenfalls von dort gerettet werden können», teilte die Stadt am Abend mit.

Grund sei ein gegen 21 Uhr erwartetes Hochwasser, das im Schnitt nur alle 25 Jahre vorkomme. Wer sich nicht in der beschriebenen Weise in Sicherheit bringen kann, soll die Feuerwehr unter 112 rufen. Mit längeren Wartezeiten müsse gerechnet werden. «Legen Sie nicht auf, jeder Anruf wird angenommen», versprach die Stadt. Laut WDR sind am Nachmittag auch Bundeswehrfahrzeuge in Hagen eingetroffen, um die örtlichen Kräfte zu unterstützen.

Ins Wasser gefallen und abgetrieben

In Altena im Sauerland ertrank ein Feuerwehrmann bei der Rettung eines Mannes. Der 46-Jährige war den Angaben der Polizei im Märkischen Kreis zufolge nach der erfolgreichen Bergung beim Einsteigen ins Feuerwehrfahrzeug ins Wasser gefallen und abgetrieben. Kurze Zeit später habe man ihn nur noch tot bergen können. Das tödliche Unglück ereignete sich gegen 17 Uhr.

Dauerregen hatte seit der Nacht zum Mittwoch vor allem im Sauerland, im Rheinland, dem Bergischen Land und der Eifel sowie im Rheinland für Überschwemmungen und über die Ufer tretende Flüsse und Bäche gesorgt. Noch bis Donnerstagmorgen warnt der Deutsche Wetterdienst für den Südwesten vor extremem Regen und weiteren Gewittern.

Seniorenheim unbewohnbar

Ein Altenheim mit 76 Bewohnern wurde am Mittwoch wegen einströmender Wassermassen evakuiert, Kitas blieben geschlossen und Straßen wurden gesperrt. «Das Seniorenheim ist sehr stark betroffen und unbewohnbar geworden» sagte ein Stadt-Sprecher.

Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) besuchte am Donnerstag Hagen. Er wolle sich ein Bild von der besonders betroffenen Region machen, teilte die Staatskanzlei am Mittwoch mit. Er werde sich dazu zunächst mit dem Krisenstab und dem Oberbürgermeister der Stadt, Erik O. Schulz (parteilos) treffen.

Bäche werden zu Strömen

Auch in anderen Teilen des Landes wurden Bäche zu reißenden Strömen. Es kam zu Erdrutschen, Straßen wurden überspült, Keller liefen voll und der Bahn- und Straßenverkehr war gestört.

Eine Mitarbeiterin eines Seniorenheims in Mettmann nahe Düsseldorf wurde von einem umstürzenden Baum schwer verletzt und wäre beinahe ertrunken. Ein Helfer habe den Kopf der Frau über Wasser halten können, bis Feuerwehrleute die eingeklemmte Frau befreit hatten, teilte die Feuerwehr mit.

Anwohner leiten bei Aufräumarbeiten an einer Straße in Hagen das ablaufende Wasser. Foto: Dieter Menne/dpa

In Hagen wurden Eltern gebeten, ihre Kinder nicht in die Kita zu schicken und auch die Ferienbetreuung an den Grundschulen nicht zu nutzen. «Wir wollen so wenig Fahrten durch das Stadtgebiet haben wie möglich», betonte der Sprecher. Es gebe auch Schäden in einigen Kitas nach den starken Regenfällen in der Nacht.

Verschüttete Person gerettet

Eine verschüttete Person sei leicht verletzt gerettet worden. Mehrere Fahrer seien aus ihren von Wassermassen eingeschlossenen Autos befreit worden. An mehreren Stellen seien durch die Wassermassen zum Teil Wände von Gebäuden eingestürzt. Der Krisenstab der Stadt tagte. Es gab mindestens 200 Einsatzorte. 440 Feuerwehrleute und weitere Retter waren im Einsatz.

Besonders stark getroffen war der Süden von Hagen mit vier Stadtteilen, die zum Teil nicht mehr zu erreichen seien. Der Ortsteil Dahl sei praktisch abgeriegelt - außer für Einsatzkräfte, auch Ärzte könnten im Notfall durchkommen. So sei ein Unimog, der auch Geröll überwinden könne, als Rettungswagen ausgerüstet worden, um eine notärztliche Versorgung absichern zu können. Hänge rutschten ab, überflutete Fahrbahnen wurden gesperrt. Hunderte Notrufe gingen bei der Feuerwehr ein. Die Polizei appellierte an die Bevölkerung, Zuhause zu bleiben. Externe sollte nicht in die Stadt einfahren.

Ostwestfalen im Hilfseinsatz

Die Bielefelder Feuerwehr hilft in Hagen aus: Am Nachmittag machten sich 150 Feuerwehrleute aus Bielefeld auf den Weg, um ihre Kollegen zu unterstützen. Und rund 350 Einsatzkräfte der Feuerwehrbereitschaften 2 Herford/Minden und 3 Höxter/Paderborn fuhren am späten Mittwochabend nach Altena im Märkischen Kreis.

In Warburg sorgte der starke Regen dafür, dass einige Gewässer über die Ufer traten. Die L775 musste gesperrt werden.

Viele Einsätze in Köln und Düsseldorf

Die Feuerwehr in Köln meldete 180 unwetterbedingte Einsätze. In Düsseldorf rückte sie zu rund 330 Einsätzen aus. Auch die Tiefgarage des Rheinmetall-Konzerns war betroffen - dort stand das Wasser 40 Zentimeter hoch. Es mussten 1,6 Millionen Liter aus der Tiefgarage des Unternehmens gepumpt werden. Um Kunstwerke im Wert von rund fünf Millionen Euro in einer Galerie zu schützen, waren Feuerwehrleute stundenlang im Einsatz.

In Erkrath nahe der Landeshauptstadt mussten etwa 100 Bewohner eines Wohnheims weichen. Die Unterkunft für Geflüchtete befinde sich in einem alten Schulgebäude, dort sei der Keller und die Sporthalle voll Wasser gelaufen, hieß es bei der Stadt. Anwohner wurden über die Sozialen Medien aufgerufen, möglichst «kein weiteres Abwasser zu produzieren und möglichst nur noch die Toilette zu nutzen». Demnach sollen «Duschen, Waschen und die Nutzung der Spülmaschine» unterlassen werden, «um die Situation nicht zu verschärfen». Die Abwasserkanäle seien stark überfüllt.

Anwohner sollen Wohnungen verlassen

Die Stadt Düsseldorf hat wegen einer drohenden Überschwemmung die Anwohner im Ortsteil Grafenberg zum Verlassen ihrer Wohnungen aufgefordert. Besonders betroffen vom steigenden Hochwasser der Nördlichen Düssel seien etwa 350 Gebäude der Ostparksiedlung, teilte die Stadt am Mittwoch mit. Eine Betreuungsstelle für die Anwohner sei in einer Schule eingerichtet worden.

Am Nachmittag sollte zudem aus Sicherheitsgründen und zum Schutz der dortigen Trafo-Station der Strom abgeschaltet werden. Die Stadt rechnet nach eigenen Angaben damit, dass die Keller der Häuser mit Wasserständen von 1,50 bis zwei Metern Höhe überflutet werden. Erst in den kommenden Tagen könnten die Wassermassen kontrolliert abgepumpt werden.

Helfer evakuieren ein Altenheim im Hagener Ortsteil Hohenlimburg. Hier hatte Starkregen für teilweise chaotische Zustände gesorgt Foto: dpa

Wer sich in dem betroffenen Gebiet aufhalte, solle Heiz- und Kochgeräte abschalten und die Gebäude anschließend sofort verlassen, warnte die Stadt über die App Nina. Zudem forderte sie die Menschen auf, geparkte Fahrzeuge aus dem Überflutungsbereich wegzubringen. Nach starken Regenfällen sei es in der Düssel zu einem «historischen Hochwasser» gekommen.

Autobahnen gesperrt

Vollgelaufene Keller und verstopfte Gullys riefen die Feuerwehr in Wuppertal und Solingen auf den Plan. Von einer Baustelle auf der Autobahn 46 in Richtung Wuppertal wurde Kies weggespült, was zeitweise Vollsperrung bedeutete. In Altena im Sauerland kämpften Einsatzkräfte gegen Wasser-, Erd- und Geröllmassen, wie ein Feuerwehrsprecher berichtete. Von den umliegenden Hängen seien an mehreren Stellen größere Wassermengen auf die Stadt herabgestürzt, es sei zu «massiven Abrutschen» gekommen. Bisher habe es keine Verletzten gegeben.

Blick auf eine überflutete Bahnstrecke bei Hagen. Foto: Alex Talash/dpa

Der Starkregen sorgte bei der Bahn im Regionalverkehr rund um Hagen für Beeinträchtigungen. In Essen wurde die Weiße Flotte durch den Regen ausgebremst. Auf dem Baldeneysee und der Ruhr sei aufgrund des hohen Pegelstandes in Hattingen die Schifffahrt komplett untersagt worden, teilte die Weiße Flotte Baldeney-GmbH mit.

Wegen eines überfluteten Tunnels nach dem heftigen Starkregen ist auch die A44 bei Düsseldorf am Mittwoch auf einem Abschnitt in beide Fahrtrichtungen gesperrt. Wie die Autobahn GmbH mitteilte, soll die Sperrung bis zum Donnerstag bestehen bleiben. Der Verkehr werde im Autobahnkreuz Düsseldorf-Nord abgeleitet und könne über den Flughafentunnel ausweichen, hieß es. In beide Richtungen bildeten sich mehrere Kilometer Stau.

Auch auf weiteren Autobahnabschnitten sorgten nach den unwetterartigen Regenfällen überschwemmte Fahrbahnen für Verkehrsbehinderungen. So war es nach Angaben der Autobahnniederlassung Rheinland am Mittag nicht möglich im Kreuz Köln-Süd von der A555 auf die A4 nach Aachen zu fahren. Auf einer überfluteten Fahrbahn der A4 zwischen Weisweiler und Langerwehe konnte das Wasser nach dem Einsatz der Autobahnmeistereien dagegen schnell wieder abfließen.

Starkregen bis in die Nacht hinein

Trockenere Zeiten sind vorerst nicht in Sicht. Für weite Teile des Landes galt am Mittwoch die höchste Warnstufe, wie der Deutsche Wetterdienst mitteilte. Bis in die Nacht soll gebietsweise Starkregen fallen. In der Nacht zum Donnerstag verlagert sich der Starkregen dann auf die Westhälfte.

Die anhaltenden starken Regenfälle haben nach Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) zu einer «außerordentlich schwierigen Lage» in einigen Regionen des Landes geführt. «Die weitere Entwicklung ist derzeit nicht mit Sicherheit absehbar», sagte Reul am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

Seit Dienstag hätten landesweit rund 3900 Kräfte fast 2100 Einsätze bewältigt. «Viele von ihnen sind ehrenamtlich tätig und arbeiten gerade unermüdlich, um die Wassermassen zu bewältigen», so der Minister. Ihnen und allen anderen Helfern und Einsatzkräften in den betroffenen Regionen sei er sehr dankbar, sagte Reul.

Bahnverkehr stark beeinträchtigt

Das Regen-Unwetter in Nordrhein-Westfalen hat den Bahnverkehr am Mittwoch massiv beeinträchtigt. Im Tagesverlauf wurde auf zahlreichen Linien der Betrieb eingestellt. Die Deutsche Bahn berichtete unter anderem von Verspätungen und Ausfällen von Zügen zwischen Köln und Düsseldorf sowie zwischen Köln und Wuppertal.

Die Strecken Köln - Koblenz waren auf beiden Seiten des Rheins nicht befahrbar. Auch auf der Strecke Köln - Aachen war kein Zugverkehr möglich. Am Abend stellte außerdem der vom Bahnunternehmen National Express betriebene RE6 zwischen Köln/Bonn Flughafen und Minden nach mehreren Unwetterschäden seinen Betrieb für den Rest des Tages ein.

ICE-Züge zwischen Frankfurt und Brüssel fuhren nur zwischen Frankfurt und Köln. Die Deutsche Bahn riet allen Bahnreisenden, den Bereich Nordrhein-Westfalen weiträumig zu umfahren. «Bitte verschieben Sie Reisen von und nach NRW nach Möglichkeit auf die kommenden Tage», hieß es in einer Mitteilung.

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