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60 Jahre altes Rathaus soll saniert oder abgerissen werden – Grund für damaligen Neubau ist wieder aktuell:

„Unzulängliche Diensträume“

Vlotho

Mit den aktuellen Planungen, das Vlothoer Rathaus nach 60 Jahren umfangreich zu sanieren oder gleich durch einen Neubau zu ersetzen, könnte auch ein Gebäude in den Blick geraten, das schon einmal zumindest teilweise Diensträume beherbergte: das ehemalige Hotel Ratsstuben auf der anderen Seite der Straße. Grundsätzlich sollen die weit außerhalb dieser Stadt wohnenden Eigentümer wohl bereit sein, die ziemlich verfallene Immobilie zu verkaufen – es dürfte eine Preisfrage sein. Allerdings gibt es auch einige andere innerstädtische Flächen, die möglicherweise für eine neue Nutzung infrage kommen könnten.

Von Jürgen Gebhard

Eine alte Aufnahme des Vlothoer Rathauses mit der Weserbrücke und dem damals angrenzenden Kaufhaus Eisenreich (rechts). Ganz links ein Wahlplakat, das für Ministerpräsidenten Heinz Kühn (ab Dezember 1966 im Amt) wirbt. Das Foto könnte vor seiner Wiederwahl im Frühsommer 1970 entstanden sein. Foto: Archiv Schölzel

Verwaltung im Hotel

Einige Jahre vor der Einweihung des heutigen Rathauses im Jahr 1963 wurden zusätzlich zum damaligen Rathaus weitere Diensträume für die Abteilungen gesucht, die bis dahin im ehemaligen Loebschen Geschäftshaus Lange Straße 104 (heute Piano Nobile/Zurheide) untergebracht waren. „Als dieses Haus geräumt werden musste, kaufte die Stadt Vlotho das dem Rathaus gegenüberliegende Hotel an und überließ deren oberen Räume der Amtsverwaltung.“ So steht es in der anlässlich der Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes am 28. Oktober 1963 von Dr. Karl Gr0ssmann veröffentlichten Festschrift mit dem Titel „Geschichte des Amtes Vlotho 1246 bis 1963“.

Die Vorgänger

Diese kleine Broschüre beschreibt die Entwicklung des damaligen Amtes Vlotho bis zum Jahr 1963. Der Stadtchronist beginnt bei der Verleihung des Stadtrechts im 13. Jahrhundert und erwähnt auch die verschiedenen Rathäuser. Das erste sei 1658 bezogen worden, nachdem der Große Kurfürst dem Flecken, „dessen Einwohnerzahl trotz des Dreißigjährigen Krieges sich seit 1550 vervierfacht hatte“, erneut Marktrecht und Stadtsiegel verliehen habe.

Ein 1963 noch als „altes Rathaus“ bekannte Gebäude sei seit 1816 Sitz des neues Amtes Vlotho gewesen. Das „zweite Rathaus“ sei 1867 der Amtsverwaltung, „bestehend aus dem Amtmann und seinem Sekretär“ zur Verfügung gestellt worden. Weiter heißt es im Vorwort der Festschrift: „In Fortsetzung dieser alten Tradition hat 1961 wiederum die Stadtvertretung den notwendig gewordenen Bau des neuen Rathauses beschlossen.“

Enge Brückenauffahrt

Wegen der „unzulänglichen Unterbringung der Diensträume“ habe man zunächst einen Anbau im Garten des Verwaltungsgebäudes geplant. „Unzulängliche Diensträume“, weil für zwei Beschäftigte teilweise zu klein und auch sonst nicht den Anforderungen des Arbeits-, Brand- und Klimaschutzes entsprechend, werden übrigens auch im Jahr 2021 beklagt.

Grossmann schreibt in der Festschrift: „Ein neuer Gesichtspunkt trat auf, als der Landschaftsverband Westfalen für die Brückenauffahrt eine bessere Übersicht forderte und vorschlug, das Rathaus anzukaufen und abzureißen. Damit war die Stadtverwaltung vor die Aufgabe gestellt, einen Neubau auszuführen. Da aber im Stadtkern kein anderer Platz vorhanden war, blieb nur der Rathausgarten als Bauplatz übrig. Nach längeren Vorverhandlungen fasste die Stadtvertretung am 27. Oktober 1961 den entsprechenden Beschluss.“

56 Betonpfähle

Die Grundsteinlegung des auf 56 Betonpfählen stehenden Neubaus erfolgte am 27. November 1961, das Richtfest nach Fertigstellung des des Rohbaus am 7. September 1962. Der folgende strenge und lange Winter erzwang eine zweimonatige Pause beim Innenausbau.

Vereinigte Wappen

Drei Monate vor der offiziellen Einweihung wurde das von den „Sommerfelder Heimattreuen“ gestiftete Fenster für den großen Sitzungssaal übergeben, das der Vlothoer Künstler Heinrich Berges aus Vlotho gestaltet hatte. Ein anderes Kunstwerk im Sitzungssaal ist eine Darstellung der vereinigten Wappen von Vlotho und Sommerfeld (heute Lubsko), gestaltet von Alf Welski aus Vlotho. Ein „Sommerfelder Zimmer“ befindet sich im obersten Geschoss. Es solle den Patengästen der Stadt bei ihren Besuchen in Vlotho helfen, die Erinnerung an die verlorene Heimat zu erhalten, schreibt Grossmann.

Fahrstuhl mit Mangel

Zum Gebäude selbst heißt es in der Festschrift: „Das neue Rathaus ist ein 25 Meter hohes Gebäude mit 7358 Kubikmetern umbautem Raum und 8 Stockwerken, von denen zwei unter der Straßenoberkante liegen. Dem Bau vorgelagert wird der Eingang von der Langen Straßen aus, über dem sich der Sitzungssaal befindet. Der Entwurf für den Neubau stammt von dem Architekten Hans Holzapfel aus Bünde. Ausgeführt wurde der Bau von der Firma W.A. Pörtner in Exter.“

Nicht erwähnt wird, dass dieses erste und einzige Hochhaus der Weserstadt sogar einen Fahrstuhl besitzt – der allerdings nicht ganz bis nach oben fährt. Das Obergeschoss ist damit nicht barrierefrei zu erreichen. Aus heutiger Zeit Sicht ein erheblicher Mangel, der auch mit einer Gebäudesanierung kaum behoben werden kann.

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