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Tierschützer veröffentlichen Bilder und Videos von kranken und verletzten Schweinen

Verdacht auf Tierquälerei auch in OWL: Westfleisch kündigt Maßnahmen an

Paderborn/Höxter/Kalletal/Detmold

Tierschützer haben nach eigenen Angaben in mehreren Westfleisch-Zulieferbetrieben erschreckendes Video- und Fotomaterial aufgenommen. Es zeigt demnach,  wie Schweine gequält und teilweise auch von den Mitarbeitenden misshandelt werden. Betroffen seien auch Betriebe in den Kreisen Paderborn, Höxter und Lippe. Die Unternehmensgruppe Westfleisch hat sich schockiert über Bilder  gezeigt und mehrere Maßnahmen angekündigt. 

Mit Material von dpa

Dem Deutschen Tierschutzbüro liegt nach eigenen Angaben aus sieben Westfleisch-Zulieferbetrieben erschreckendes Bildmaterial vor. Die Aufnahmen zeigen demnach kranke, verletzte und tote Tiere. Foto: Deutsches Tierschutzbüro e.V.

„Die Aufnahmen machen auch uns betroffen“, betonte Westfleisch auf dpa-Anfrage am Mittwoch. Man nehme die Vorwürfe gegen die einzelnen Tierhalter sehr ernst und gehe ihnen „mit aller Entschiedenheit“ nach. Das Deutsche Tierschutzbüro hatte Bilder mit massiven Missständen gezeigt, die aus sieben Westfleisch-Zulieferbetrieben stammen sollen. Sechs seien in Nordrhein-Westfalen ansässig, einer in Niedersachsen.

„Die Tiere leiden massiv und der Betreiber kümmert sich einfach nicht“, so lautet der Vorwurf vom Deutschen Tierschutzbüro mit Sitz in Sankt Augustin. Dem Verein seien die Bildaufnahmen zugespielt worden. Sie zeigen demnach in allen Mastbetrieben katastrophale Zustände und Verstöße gegen das Tierschutzgesetz.

Verstecke Kameras in den Ställen

In den Betrieben hätten versteckte Kameras gefilmt, wie hilfsbedürftige Tiere einfach sich selbst überlassen worden seien. Zu sehen seien unter anderem blutig gebissene Schwänze und Ohren. „Es ist regelrecht ein Horrorstall“, kritisiert Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender vom Deutschen Tierschutzbüro.

„Bis zur endgültigen Klärung aller Vorwürfe behalten wir uns sanktionierende Maßnahmen bis hin zur Kündigung der Lieferverträge vor“, betonte das Unternehmen Westfleisch in Münster. „Für uns steht das Wohlergehen der gehaltenen Tiere immer an erster Stelle.“ Grundsätzlich würden Zulieferbetriebe regelmäßig überprüft. Wer die Qualitätskriterien nicht erfülle, scheide als Zulieferer aus. „Transportunfähige und schlachtunfähige Tiere wurden und werden in Westfleisch-Betrieben definitiv nicht zur Schlachtung angenommen.“

Zustände in allen Betrieben „gravierend“

Die Recherche sei über mehrere Monate in sieben zufällig ausgewählten Westfleisch-Betrieben in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen entstanden, heißt es. Die dokumentierten Zustände seien in ausnahmslos allen Betrieben gravierend. In OWL betrifft das die Kreise Lippe, Höxter, Paderborn. Dazu kommen Warendorf, Steinfurt und Borken in NRW sowie der Landkreis Hameln-Pyrmont in Niedersachsen.

Auch in Detmold wird ermittelt

Auch in Detmold soll die Staatsanwaltschaft ermitteln. Anfang Juli sei Videomaterial bei der Behörde eingegangen, das Tiere mit „nicht oder nicht sachgerecht behandelten Verletzungen“ zeige, berichtete ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Mittwoch.

Bei Westfleisch handelt es sich um einen der größten Fleischproduzenten in Deutschland mit eigenen Schlachthöfen. Der Fleischkonzern beliefert alle bekannten Discounter und Supermarktketten.

Dieses Videomaterial hat der Verein
Deutsches Tierschutzbüro auf Facebook veröffentlicht

In einem Betrieb in Borgentreich im Kreis Höxter wurden bereits 2017 Verstöße gegen das Tierschutzgesetz festgestellt. Damals litten die Tiere an schmerzhaften Augenentzündungen, vermutlich hervorgerufen durch den Ammoniakgehalt in der Stallluft. Bis heute soll sich daran nichts geändert haben. Denn auch aktuelle Aufnahmen zeigen, dass die Tiere fünf Jahre später immer noch an den gleichen Problemen leiden. "Auf dem Videomaterial ist das Ermittlerteam zu sehen, wie es zu seiner eigenen Sicherheit Handmessgeräte für den Gasgehalt trägt - der Alarm löst mehrfach aus", berichtet das Tierschutzbüro. „Einige der Schweine können kaum noch sehen. Die Tiere leiden, doch eine tierärztliche Behandlung scheint nicht zu erfolgen“, so Peifer. 

Auch aus Westfleisch-Zulieferbetrieben in Kalletal (Kreis Lippe) und Salzkotten (Kreis Paderborn) liegt den Tierschützen zufolge Bildmaterial vor. Auch hier sollen verletzte, kranke und tote Tiere vorgefunden worden sein. „Dabei ist die Liste der Vorwürfe sehr lang und reicht über unbehandelte Nabelbrüche bis zum Abstellen vom Trinkwasser in Kastenständen (Käfigen), in denen Sauen gehalten wurden“, heißt es. Peifer: „Die Ergebnisse der Undercover-Recherche sind wirklich sehr schockierend.“

Die Liste der Vorwürfe ist sehr lang. Zum Teil sollen die Sauen ohne Trinkwasser gehalten worden sein. Foto: Deutsches Tierschutzbüro e.V.

In allen sieben Fällen sei das zuständige Veterinäramt direkt informiert worden. Nach Sichtung des Videomaterials und juristischer Aufarbeitung sei dann gegen alle Betriebe Strafanzeige bei der zuständigen Staatsanwaltschaft erstattet worden. „Uns ist es sehr wichtig, dass die Behörden zuerst und schnell informiert werden, damit sie der Tierquälerei nachgehen können. Aus diesem Grund informieren wir die Öffentlichkeit erst jetzt“, sagt Peifer.

Westfleisch will Betriebe kontrollieren

Für Westfleisch stehen nun nach eigenen Angaben vor allem drei Schritte im Fokus: „Erstens kontrollieren wir aktuell jeden betroffenen Betrieb und führen dabei ein umfangreiches Sonder-Monitoring durch.“ Zweitens sollten kurzfristig alle Lieferbetriebe besichtigt werden, dabei werde der Status quo genau dokumentiert. Das sei auch wichtig, damit die „generell hervorragende Arbeit unserer über 3000 Vertragspartner nicht in Misskredit“ gerate. Zudem werde Westfleisch sein Kontrollnetz erweitern.

Westfleisch ist einer der größten Schweineschlachter in Deutschland und schlachtet pro Jahr etwa acht Millionen Schweine und macht damit einen Milliardenumsatz. Auf der Website werbe die Firma mit Fleisch „direkt von Bauern“, Regionalität, hohen Tierschutzstandards und kurzen Transportwegen. Jan Peifer: „Die uns zugespielten Bilder zeigen auf, dass die Realität eine andere ist, es wurden schwere Verstöße gegen Gesetze und Straftaten dokumentiert.“

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