1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. OWL
  4. >
  5. Von Empathie und Barmherzigkeit

  6. >

Zum Tag der Deutschen Einheit besucht Sozialpfarrer Franz Meurer den Paderborner Bürgerverein

Von Empathie und Barmherzigkeit

Paderborn

Zur traditionellen Festveranstaltung anlässlich des bevorstehenden Tages der Deutschen Einheit hat der Paderborner Bürgerverein von 1864 am vergangenen Freitagabend in den historischen Rathaussaal zu Paderborn eingeladen. Besonderer Gast war an diesem Abend der Kölner Sozialpfarrer Franz Meurer, der an seinem 70. Geburtstag eine Festrede hielt. Diese drehte sich vor allem um die vier Stichworte Empathie, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Solidarität.

Von Kevin Müller

von links nach rechts Dr. Rudolf Wansleben (Vorsitzender des Bürgervereins und ehemaliger Landrat), Sozialpfarrer Franz Meurer aus Köln und Bürgermeister Michael Dreier bei der Eintragung in das Goldene Buch der Stadt Paderborn Foto: Kevin Müller

Nach der Begrüßung durch den ehemaligen Landrat Dr. Rudolf Wansleben sprach Bürgermeister Michael Dreier beim Empfang Franz Meurers von „einer großen Ehre, einen der anerkannten Sozialethiker in der guten Stube“ begrüßen zu dürfen.

Bevor Pfarrer Franz Meurer, der laut Wansleben seine Berufung im Helfen von hilfsbedürftigen Familien gefunden hat, seine Festtagsrede begann, wurde er zudem noch zur Eintragung in das Goldene Buch der Stadt Paderborn eingeladen und erhielt von Bürgermeister Michael Dreier unter Applaus die Münze der Stadt Paderborn.

„Einer schreit ‚Hilfe‘, doch niemand hört. Wie schön eine Wohnung, wo einer schreit und niemanden stört“ – Mit diesen Worten begann Franz Meurer seine Festtagsrede und eröffnete damit direkt die Fragestellung, ob die heutige Gesellschaft nur aus Individualisten bestehe. Es gebe Beispiele, die dieser Auffassung widersprechen: So sei bei einem Schiffbruch auf einer Insel zu beobachten gewesen, wie die Opfer alle zusammenhielten, sich ihren eigenen Fähigkeiten entsprechend um das Besorgen von Nahrung und Versorgen von Verletzten kümmerten und sich auch bei Streit nach kurzer Auszeit voneinander wieder vertragen und weiter zusammenarbeiten konnten. „Der Mensch ist im Grunde gut“, schlussfolgert Meurer und zitierte dabei auch den Titel des Buches von Rutger Bregman. Meurer sprach aber auch den Aspekt der Eigenverantwortung an: „In uns steckt ein guter und ein böser Wolf – Wer gewinnt? Der, den man füttert.“

Dennoch sei auch die Eusozialität des Menschen ein Faktor: Schon zweijährige Kinder zeigten, dass Menschen die angeborene Fähigkeit besitzen, sich in die Lage anderer zu versetzen – „All das an Gutem, was wir wollen, ist uns genetisch angelegt“, sagte Meurer und verwies auf Heinz Budes Buch „Solidarität“, das die Begriffe Empathie, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Solidarität sortiert.

Die wertneutrale Empathie verkörpere im Kern die erwähnte Fähigkeit, sich in die Lage anderer hineinzuversetzen. Die Barmherzigkeit wiederum spiegele die Macht des einzelnen wider, der selbst bestimmen kann, anderen zu helfen, sollten sie es benötigen. Meurer sprach dabei an, dass man „nicht durch Kerzen anmachen in den Himmel kommt“, sondern dass es auf die Menschen ankomme, die anderen durch schwere Zeiten helfen.

Aufgabe des Staates sei die Gerechtigkeit, die nie voll zu erreichen ist, der man sich aber Schritt für Schritt annähern könne. Meurer verwies in diesem Kontext auch auf die vergangene Bundestagswahl, bei der es nicht wichtig gewesen sei, ob jemand komisch lache oder schlecht abgeschrieben habe: Es komme darauf an, wer sich auch für die einfachen Menschen und die unverzichtbaren Berufe einsetzt.

Solidarität erfahre man laut Bude „dann, wenn man allein ist“. „Wir hängen voneinander ab. Wenn man Kinder in der Schule fragt, ob heute schon jemand etwas für einen gemacht hat, bekommt man direkt zahlreiche Beispiele – von der Mutter beim Frühstück bis zum Busfahrer auf dem Weg zur Schule“, erzählte Meurer und sagte weiter: „Niemand hat unsere Identität erfunden, sie wird uns von unseren Eltern geschenkt. Ebenso ist der Glaube ein Geschenk, er muss vernünftig und frei sein.“

Franz Meurer fuhr damit fort, dass Kirche und Politik das Problem einer fehlenden Resonanz in der Bevölkerung teilen. Es müsse auch den sozial Schwächeren die Möglichkeit gegeben werden, bei der Gestaltung der Gesellschaft teilhaben zu können. Zudem müsse stets ein gesundes Maß an gegenseitigem Respekt existieren. Der Mensch wolle nicht belehrt werden, er wolle verstehen und teilhaben. Der Kölner Sozialethiker teilt abschließend sein Lebensmotto als finalen Denkanstoß: „Ob wir Gott lieben, wissen wir nie ganz genau. Ob wir unseren Nächsten lieben, das erfahren wir jeden Tag.“

Startseite