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Die Vorbereitungen für die Einführung eines Hebammenkreißsaals laufen - Start im Oktober

Von Hebammen geleitete Geburten sind bald in Lübbecke möglich

Lübbecke

Nur noch wenige Wochen und dann ist es soweit: Am 7. Oktober, im Rahmen der diesjährigen Weltstillwoche, geht in der Geburtsklinik am Krankenhaus Lübbecke der hebammengeleitete Kreißsaal an den Start. Das ist jetzt mitgeteilt worden. Im Interview erläutern die Verantwortlichen, was die Einführung eines Hebammenkreißsaals für Lübbecke bedeutet.

Klinikdirektor Dr. Albert Neff (v. l.), kommissarischer Geschäftsführer Mario Hartmann, Leitende Hebamme Eva Warneke und Professorin Dr. Nicola H. Bauer freuen sich auf die Einführung des Hebammenkreißsaals in Lübbecke. Foto: MKK

Die ersten Schulungen des gesamten Teams der Geburtsklinik haben bereits stattgefunden – durchgeführt von einer Wissenschaftlerin, die zu den „Müttern“ dieses Konzepts gehört:

Prof. Dr. Nicola H. Bauer ist Professorin für Hebammenwissenschaft an der Universität zu Köln und hat ab 2004 die Einführung des ersten Hebammenkreißsaals sowie weiteren in Deutschland wissenschaftlich begleitet. Gemeinsam mit Dr. Albert Neff, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Krankenhaus Lübbecke, Eva Warneke, Leitende Hebamme, und Mario Hartmann, kommissarischer Geschäftsführer, bezieht sie in einer Pressemitteilung der Mühlenkreiskliniken (MKK) Stellung zu der geplanten Einführung.

Frau Prof. Dr. Bauer, was ist ein hebammengeführter Kreißsaal?

Prof. Dr. Nicola H. Bauer: Der Hebammenkreißsaal ist ein zusätzliches Angebot innerhalb der Klinik, das den ärztlich geleiteten Kreißsaal ergänzen soll. Beim Modell des ärztlich geleiteten Kreißsaals begleiten Hebammen und Ärzte gemeinsam die Frau während Schwangerschaft und Geburt, im Hebammenkreißsaal sind es ausschließlich Hebammen. Aber es sind dieselben Räume, dasselbe Team – und die ärztlichen Kollegen bleiben als „Sicherheitsnetz“ vor Ort.

Der Hebammenkreißsaal ist also eine weitere Wahlmöglichkeit für werdende Mütter, die sich bisher zwischen außerklinischer Geburt und dem üblichen Kreißsaal entscheiden konnten. Trotzdem sind in Deutschland Hebammenkreißsäle immer noch eher eine Seltenheit…

Dr. Albert Neff: In Skandinavien gibt es das Modell bereits seit Jahrzehnten, wir hinken da ein bisschen hinterher. In Deutschland hat Bremerhaven 2003 den Anfang gemacht. In NRW, dem Bundesland mit den meisten Hebammenkreißsälen, gab es bisher neun, Ende des Jahres werden es 29 sein, darunter auch Lübbecke. Und in den anderen Bundesländern wird das Modell auch kopiert.

Was sind die Vorteile dieses Modells?

Prof. Dr. Nicola H. Bauer: International aber auch in Deutschland gibt es bereits viele gute Erfahrungen damit. Es zeigt sich, dass eine Geburt im Hebammenkreißsaal sicher ist - Mutter und Kind geht es während und nach der Geburt gut. Die Kaiserschnittrate ist niedriger, auch der Einsatz von Schmerzmitteln, es werden weniger Dammschnitte gemacht, und es zeigt sich eine größere Zufriedenheit bei den Gebärenden, aber auch bei den betreuenden Hebammen.

Was bedeutet das angesichts eines allgemeinen Hebammenmangels?

Eva Warneke: Wo es eine hohe Arbeitszufriedenheit gibt und wo gut ausgebildete Hebammen Gelegenheit haben, verantwortungsvoll und selbstständig zu arbeiten – anders gesagt: wo sie ihre Kunst anwenden können – gibt es weniger Probleme, Stellen zu besetzen.

Mario Hartmann: Die Einführung des Hebammenkreißsaals dient damit auch der Versorgungssicherheit. Deshalb steht auch die Geschäftsführung voll hinter dem Projekt.

Prof. Dr. Nicola H. Bauer: Zudem gibt es positive Auswirkungen auf die Qualität der Ausbildung von Hebammen. Denn die Studierenden können hier im Rahmen ihrer praktischen Studienphase die ganz „normale“ Hebammentätigkeit bei einer physiologischen Geburt kennenlernen. In Kliniken mit hoher Kaiserschnittrate zum Beispiel ist oft gar nicht möglich.

Nicht jede Frau kann oder möchte sich für eine hebammengeleitete Geburt entscheiden...

Eva Warneke: Wir gehen davon aus, dass 10 bis 20 Prozent der Geburten hebammengeleitet stattfinden können. Risikogeburten kommen dafür nicht infrage, und wenn eine Schwangere das Bedürfnis hat, dass lieber ein Arzt die Geburt mitbegleiten soll, ist das ihr gutes Recht. Die Entscheidung, doch noch einen Arzt oder eine Ärztin hinzuzuholen, ist übrigens auch während der Geburt jederzeit möglich. Und auch die betreuende Hebamme kann, wenn es Probleme während der Geburt gibt, jederzeit den Arzt hinzuziehen.

Prof. Dr. Nicola H. Bauer: Erfahrungsgemäß liegt die Rate der Weiterleitung vom Hebammenkreißsaal zwischen 30 und 40 Prozent. Dabei geht es aber eher selten um dramatische Vorfälle oder Notfälle, sondern meist um medikamentöse Unterstützung – zum Beispiel durch eine PDA.

Welche Voraussetzungen müssen für die Einführung eines Hebammenkreißsaals gegeben sein?

Dr. Albert Neff: Was die Ausstattung des Kreißsaals angeht, gibt es keinen Unterschied. Genutzt werden die vorhandenen Räume – es gibt keinen speziellen „Hebammenkreißsaal“. Aber die Fördermittel, mit denen das Land NRW die Einführung unterstützt, fließen zum Beispiel in den Umbau eines Kursraums, um dort die Hebammensprechstunde durchführen zu können. Dort findet dann die Aufklärung der Schwangeren über den hebammengeleiteten Kreißsaal und die Anmeldung statt. Ganz wichtig sind die Schulungen des gesamten Teams – nicht nur der Hebammen, die zum Beispiel mithilfe spezieller Übungsmodelle auf das Nähen vorbereitet werden, sondern auch der Ärzte und der Pflege.

Prof. Dr. Nicola H. Bauer: Alle Berufsgruppen müssen an einem Strang ziehen. Die Teams rücken viel näher zusammen. Es ist nicht so, dass die Ärztinnen und Ärzte aus dem Kreißsaal „ausgesperrt“ werden. Es geht eher um ein gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe. Insgesamt sind die Voraussetzungen für eine Einführung in Lübbecke bereits sehr gut: Die PDA- und Dammschnittrate ist niedrig und es wird hier schon jetzt eine sehr zurückhaltende, frauenfreundliche Geburtshilfe praktiziert. Und das gesamte geburtshilfliche Team nimmt gemeinsam an den Schulungen teil.

Sind auch positive Effekte für Mutter und Kind nach der Geburt zu erwarten – zum Beispiel auf das Stillverhalten?

Dr. Albert Neff: Lübbecke ist schon jetzt als babyfreundliche Geburtsklinik zertifiziert, die die Bindung zwischen Mutter und Kind, die kindliche Entwicklung und das Stillen fördert. Da kommen wir also schon von einem sehr hohen Niveau.

Wie sieht die Zukunft der Geburtshilfe aus?

Prof. Dr. Nicola H. Bauer: Die Zukunft muss sein, dass jede Frau gut begleitet wird – egal, für welchen Weg sie sich entscheidet. Jede Form der Geburt hat ihre Berechtigung.

Über die Dozentin:

Professorin Dr. Nicola H. Bauer ist selbst Hebamme mit langjähriger Berufserfahrung. Nach Abschluss eines Studiums der Pflege/Pflegemanagement arbeitete sie als Dozentin im Bereich Hebammen- und Pflegeausbildung. Von 2004 an begleitete sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Verbund Hebammenforschung die Einführung des bundesweit ersten Hebammenkreißsaals in Bremerhaven – ihre Ergebnisse hat sie 2011 ihrer Dissertation „Der Hebammenkreißsaal“ veröffentlicht.

Ab 2010 war sie hauptberufliche Professorin für Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit Bochum, die als erste staatliche Hochschule in Deutschland einen Modell-Studiengang „Hebammenkunde“ eingeführt hat. Seit April 2022 lehrt Professorin Dr. Nicola H. Bauer Hebammenwissenschaft an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln und leitet den Studiengang Angewandte Hebammenwissenschaft B.Sc. sowie das Institut für Hebammenwissenschaft. Zu ihren Forschungsgebieten gehört unter anderem die geburtshilfliche Versorgung durch Hebammen im klinischen und außerklinischen Bereich.

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