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Paderborner Stadtgeschichten, Teil 16 – wie man vor mehr als 100 Jahren Grüße verschickte

Von Postkarten und Fußgängerzonen

Paderborn

„Viele Grüße aus Paderborn, schön hier…!“ – wann haben Sie zuletzt eine Postkarte verschickt? Das waren noch Zeiten, sage ich mir dann immer, aus den vielen angebotenen Ansichtskarten am Urlaubsort die eine richtige mit einem schönen Motiv suchen, sich Zeit nehmen, einen möglichst herzlichen oder informativen Gruß handschriftlich zu verfassen, eine Briefmarke kleben und zum Briefkasten bringen und wissen, dass der Gruß in ein paar Tagen beim Empfänger ankommen wird… alles mit Zeit und Ruhe.

Von Markus Runte

Alt und Neu, Vergangenheit und Moderne: Zwischen historischen Gebäuden findet sich das 1928 eröffnete Kaufhaus Klingenthal mit seiner modernen Fassade, die auch heute im Stadtbild noch sichtbar ist. Foto: Sammlung Ulrich Brinkmann

Heute können wir in Sekundenschnelle per Smartphone aus der ganzen Welt Grüße verschicken, aber vor mehr als 100 Jahren war so etwas noch gar nicht denkbar. Die Erfindung der Postkarte im 19. Jahrhundert war daher revolutionär und machte es erstmals möglich, kurze Mitteilungen wie Lebenszeichen oder Grüße zu verschicken. Wie aber hat die Geschichte der Post- und Ansichtskarte eigentlich begonnen?

Zunächst galt sie als „unanständige Form der Mitteilung auf offenem Postblatt“, von vielen Seiten wurde sie kritisiert, traf aber den Nerv der Zeit. Sie erfüllte das Bedürfnis nach vereinfachtem und schnellerem Informationsaustausch. Kritiker äußerten sich zunächst besorgt um das Briefgeheimnis, die Wahrung der guten Sitten und befürchteten sinkende Einnahmen gegenüber dem herkömmlichen Brief. Aber es kam ganz anders. Damals, im Jahr 1865, hatte Heinrich von Stephan (1831-1897), Postreformer und Gründer des Reichspostmuseums in Berlin, die Idee, ein „offenes Postblatt“ als einfache und kostengünstige Alternative zum Brief einzuführen. Der Absender sollte dem Empfänger durch das Markieren aufgedruckter Phrasen eine kurze und persönliche Nachricht übermitteln.

Die Westernstraße zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese Postkarte ist datiert auf den 24. November 1905. Foto: Sammlung Ulrich Brinkmann

Die Idee entsprach dem Zeitgeist, am 1. Oktober 1869 hatte die österreich-ungarische Post eine „Correspondenz-Karte“ eingeführt. In Deutschland konnte von Stephan seine Idee im Juni 1870 auf den Markt bringen. Die Erfindung kam hervorragend an: Am ersten Tag wurden mehr als 45.000 Exemplare verkauft und zeitnah verschickt. Bereits 1900 waren eine Milliarde Exemplare versendet worden, die Hälfte davon Ansichtskarten, im Ersten Weltkrieg sogar zehnmal so viele.

In heutigen Zeiten der „Messenger Dienste“ werden weniger Postkarten versendet, dafür dient sie mit ihren zahlreichen Motiven der Forschung, wie die umfangreiche Ansichtskartensammlung des Sammlers Ulrich Brinkmann zeigt. Einen kleinen Teil seiner mehr als 35.000 Exemplare zählenden Postkartensammlung können wir derzeit im Stadtmuseum zeigen. Neben vielen Motiven deutscher Städte aus Ost und West bilden Motive der Paderborner Westernstraße, die die Entwicklung und Veränderung der Fußgängerzone von Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die nahe Gegenwart zeigen, einen Schwerpunkt. Viel hat sich von der Wegeführung der alten Handelsstraße auf den ersten Blick nicht verändert, schaut man jedoch näher hin, ging Paderborn stets mit der Zeit, auch nach dem Wiederaufbau durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg.

Autor Markus Runte arbeitet für das Stadtmuseum Paderborn. Foto:

Bei der Betrachtung der Paderborner Postkartenmotive reisen wir durch ein ganzes Jahrhundert. Der Lebens- und Wohnbereich in der Westernstraße um 1905 mit Blickrichtung vom Rathaus zum Marienplatz wirkt gemütlich und einladend. Neben giebelständigen Altbauten am Rathausplatz, die mit ihrem Krüppelwalmdach die charakteristische Form des typischen Paderborner Ackerbürgerhauses prägen, finden sich prächtige Wohn- und Geschäftshäuser. Fast alle Erdgeschosse dienen als Geschäftsräume, heruntergelassene Stoffmarkisen schützen an einem Sommertag vor der Sonne. Die Gehwege sind belebt, Menschen mit Taschen und Körben gehen ihren Besorgungen nach. Vor dem Rathaus findet sich der damals noch eingezäunte Kump, der die Menschen in der Stadt lange Zeit mit Wasser versorgte.

Mit den Jahren dann wird das Verkehrsaufkommen größer, die Postkarten farbiger, immer mehr bewegen sich Fahrzeuge aller Art vom Westerntor bis zum Rathaus. Auch die Straßenbahn ist ein beliebtes Motiv, manchmal nur angedeutet durch die im Asphalt verlegten Schienen. Die Straßenbeleuchtung verändert sich und sorgt in den Abendstunden für ein ausgewogenes Lichtbild, großflächige Schaufensterfronten prägen die Geschäftshäuser und laden beim Bummel und dem sonntäglichen Flanieren zum Betrachten der angebotenen Ware ein. Aufenthaltsorte wie Sitzgelegenheiten oder kleine Mäuerchen werden geschaffen, mit der Baumbepflanzung wird die Einkaufsstraße zunehmend grüner.

Auch heute bleiben bei einem Stadtbummel die Zeugnisse der Vergangenheit sichtbar, wie die Fassade der barocken Franziskanerkirche mit ihrem einladenden Treppenaufgang und dem davor platzierten Kump, das in den 1920er Jahre erbaute Kaufhaus Klingenthal, die neugotische Herz-Jesu-Kirche, das Heising‘sche Haus am Marienplatz und immer wieder das in den Jahren 1613 bis 1620 erbaute Rathaus mit der eindrucksvollen Fassade.

Wieder in 2021 angekommen, möchte ich Sie ermuntern: Es lohnt sich auch heute, Bilder und Impressionen zu versenden, die den Charme unserer „kleinen Großstadt“ deutlich werden lassen, die das Miteinander von Geschichte und Moderne zeigen und die Vielfalt der beruhigten Fußgängerzone mit ihren historischen Bauten zeigen – als Foto via Smartphone oder vielleicht ja auch mal wieder als Postkarte? Probieren Sie es aus, der Empfänger wird sich freuen wenn er liest „Viele Grüße aus Paderborn, schön hier…!“ Zahlreiche Anregungen finden Sie in unserer derzeitigen Sonderausstellung „Blumenkübel – Wendehammer – Wäschespinne. Ansichtskarten von 1949-1989.“ Weitere Informationen und alle gelaufenen Kolumnen unter www.paderborn.de/stadtmuseum.

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