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Grünhelme leben und arbeiten mit der lokalen Bevölkerung – WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsaktion unterstützt Verein

„Auf dem Bau lernen wir voneinander“

Mansadu

Im westafrikanischen Sierra Leone bauen wir zwei Schulen in Dörfern, die nur schwer zugänglich sind. Heute möchte ich Sie mit dorthin nehmen und beschreiben, wie sich der Alltag der Menschen und das Zusammenleben mit uns gestalten.

Simon Bethlehem, Grünhelm aus Gütersloh

Josef und Karefa helfen beim Bau der Schule in Mansadu. Foto: Grünhelme

„Tubabu, Tubabu-Na“ schallte es aus Dutzenden Kinderhälsen. Für viele der Kleinen ist unsere Ankunft, unser Anblick etwas Besonderes. Manche haben nie zuvor eine weiße Person, einen Tubabu, gesehen. Und so sind sie neugierig, manche etwas schüchtern, andere mutig, uns genauer unter die Lupe zu nehmen.

Eine Krankenschwester zeigt den Geburtsraum in einer der spartanisch eingerichteten Krankenstationen. Foto: Grünhelme

Wenn ich heute, ein Jahr nachdem wir mit dem Bau einer weiterführenden Schule begonnen haben, durchs Dorf laufe, folgen mir immer Kinder auf Schritt und Tritt. Es fühlt sich komisch und schön zugleich an. Einerseits sind sie nur aufgrund meiner anderen Hautfarbe so anhänglich – bei Fremden aus Guinea oder Mauretanien, die hier auch im Ort arbeiten, sind sie es nicht – und das sollte ja nicht der Grund für Zuneigung oder Ablehnung sein. Andererseits wärmt es mein Herz, in die lachenden Gesichter dieser Mädchen und Jungen zu schauen, die sich freuen, wenn ich ihnen zuzwinkere oder wenn sie ihre Witze über mich machen können. Denn genau ihretwegen bin ich ja hier; damit sie durch Bildung bessere Chancen und Lebensperspektiven haben.

Die Erwachsenen im Ort sind zum Glück nicht mehr so von uns Tubabus beeindruckt. Viele grüßen freundlich, aber ansonsten wird wenig Aufsehen darum gemacht, dass wir da sind. Über die Zeit sind wir fast zu normalen Dorfbewohnern geworden, die auf dem Markt einkaufen gehen, sich am Brunnen anstellen, um Wasser zu pumpen oder vor dem örtlichen Café sitzen und mit anderen plauschen und Tee trinken. Wir passen unseren Lebensstil an die Gegebenheiten vor Ort an. Nur so sind Zusammenleben und Zusammenarbeiten auf Augenhöhe möglich.

Auf der Baustelle ist uns das Miteinander besonders wichtig. Wir sind zwar für die Bauleitung verantwortlich. Doch wir möchten die Mitarbeiter einbinden, ihre Kenntnisse nutzen und nicht mit fertigen Plänen alles vorgeben. Stattdessen besprechen wir mit den lokalen Zuständigen, wie wir die Projekte angehen und was wirklich gebraucht wird.

Unser Know-how weiterzugeben und Techniken zu vermitteln ist wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Unsere Mitarbeiter sollen langfristig davon profitieren, was sie bei uns gelernt haben und damit auch ihre Erwerbsmöglichkeiten verbessern.

So sieht ein Patientenzimmer in einer der wenigen Krankenstationen aus. Foto: Grünhelme

Doch das Lernen auf der Baustelle funktioniert nicht nur in eine Richtung: Die lokalen Fachkräfte kennen viele ihrer Baustoffe und deren Eigenschaften sehr viel besser als wir. Sie haben mehr Erfahrung in ihrer Verarbeitung und kennen häufig Tricks und Kniffe, die uns maschinenverwöhnten Europäern abhanden gekommen sind. Und so lerne auch ich auf jeder Baustelle, in jedem Projekt etwas dazu.

Karefa ist einer unserer Maurer. Er hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen und ist für jeden Spaß zu haben. Manchmal stellen er und sein bester Freund, der auch Karefa heißt, sich im Abstand von etwa einem halben Meter gegenüber auf und legen jeweils ein Ende der Wasserwaage auf ihre Schulter, um zu schauen, wer heute der größere von beiden ist. Karefa ist einer der gut Ausgebildeten im Ort. Er ist in der Distrikthauptstadt Kabala auf eine Maurerschule gegangen und hat dort sein Handwerk gelernt. Er hat schon auf vielen Baustellen gearbeitet und bringt deshalb einiges an Erfahrung mit. Außerdem ist er sehr gewissenhaft und fleißig.

Wenn man Karefa begegnet, mit ihm zusammenarbeitet oder am freien Tag eine Runde des traditionellen Brettspiels spielt, das stark an Mühle erinnert, könnte man denken, dass dieses Leben im ländlichen Sierra Leone etwas Reines, Natürliches hat, das uns in unserer mitteleuropäischen Überflussgesellschaft abgeht. Man könnte auf die Idee kommen, dass sich die Menschen glücklich schätzen könnten, vor unserem Stress, unserer Hektik und unseren oft aufgebauschten Problemen in Sicherheit zu sein.

Mit solchen Gedanken würde man allerdings die Härten dieses Lebens komplett unterschätzen. Viel zu häufig romantisieren Menschen aus wohlhabenden Regionen der Welt die Armut in afrikanischen Ländern. Nur, weil jemand lacht oder freundlich ist, bedeutet das nicht, dass er oder sie ein sorgenfreies Leben hat. Karefa zum Beispiel hat mit seinen 27 Jahren schon zwei Kinder verloren. Das erste im Alter von eineinhalb Jahren, das zweite bei der Geburt. Ein guter Freund von ihm, der eine Weile auch bei uns gearbeitet hat, wurde von einer Giftschlange gebissen und überlebte nur, weil wir ihn mit unserem Auto drei Stunden zum nächsten Krankenhaus gefahren und die Behandlung bezahlt haben.

Der Autor: Tischler Simon Bethlehem aus Gütersloh. Foto: Christian Althoff

Die medizinische Grundversorgung in Sierra Leone ist so schlecht, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei 50 Jahren liegt. Die Mütter- und Kindersterblichkeit bei Geburten ist besonders hoch, weil die Frauen nach Einsetzen der Wehen häufig noch kilometerweit bis zur nächsten Geburtenstation laufen müssen. Die Stationen sind äußerst karg eingerichtet, haben keine Gerätschaften, kein fließendes Wasser oder Strom. Jede kleine Infektion kann für die mangelernährten Kinder lebensbedrohlich sein – ganz zu schweigen von den typischen afrikanischen Übeln: Malaria, Typhus, Tuberkulose.

Karefa durfte ich nach dem Tod seines zweiten Kindes kurz in den Arm nehmen. Heute, wenige Monate später, scheint er seinen Witz und seine Lebensfreude wiedergefunden zu haben, doch der Schmerz über den abermaligen Verlust ist noch immer in seinen Augen ergründbar, wenn das Thema Kinder zur Sprache kommt.

Diese hautnahen Erlebnisse haben mich dazu bewogen, dass nach der Fertigstellung der beiden Schulen unser nächstes Projekt im Land eine Gesundheitsstation sein soll. Die Vorbereitungen laufen schon.

Wenn Sie mehr über die Grünhelme oder die Hilfsorganisation Cap Anamur erfahren möchten, die von Christel und Rupert Neudeck gegründet wurden: Auf YouTube finden Sie den Podcast „Romantik reicht nicht“, in dem Christel Neudeck eine Stunde lang aus ihrem bewegten Leben erzählt.

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