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Johannes Grothoff bringt den Hochwasseropfern Geld und Hilfsgüter

Weitere 35.000 Euro Spenden aus Delbrück ins Ahrtal

Delbrück/Ahrweiler

„Da kommt ihr aus Ostwestfalen hierher, drückt mir Geld in die Hand und seid wieder weg. Ihr seid verrückt! Wenn ich das erzähle, wer soll mir das glauben?“, schlägt sich Sigrid Jäger die Hände vors Gesicht. Sie lächelt. Ihre Augen werden feucht.

Von Axel Langer

Vor einem halben Jahr riss eine gigantische Flutwelle alles mit, was im Weg stand. Ganze Häuser und tausende Autos wurden weggeschwemmt. Brücken wurden einfach mitgespült, so wie in Ahrweiler die Brücke der B 267. Die Straße endet im Nichts, und der Verkehr fließt inzwischen einspurig über eine Behelfsbrücke (links). Foto: Axel Langer

Nach der Berichterstattung im WESTFÄLISCHEN VOLKSBLATT über die private Hilfsaktion von Johannes Grothoff zu Gunsten der Hochwasseropfer in der Eifel und im Ahrtal haben viele Menschen in der Region gespendet. Gut 35.000 Euro kamen zusammen und konnten nun übergeben werden. Insgesamt hat der Leiter der Feuerwehr Delbrück bei zehn Fahrten bereits 190.000 Euro an Sach- und Geldspenden ins Katastrophengebiet gebracht.

Mit Erleichterung und auch ein bisschen Stolz erzählt Sigrid Jäger, dass ihr in den vergangenen Tagen Helfer aus Span- und OSB-Platten eine provisorische Küche eingebaut haben. „Zum Spülen und Kochen muss ich nun nicht mehr in die erste Etage laufen“, freut sie sich über ein kleines Spülbecken und eine zweiflammige Elektroplatte. Jäger lebt im zu Ahrweiler gehörenden 600-Einwohner-Dorf Kreuzberg. Die Flutwelle ist bis unter die Decke des Erdgeschosses in das Gebäude vorgedrungen und hat alles zerstört.

Ulrich Stuckenberg (links) und Josef Schulte aus Lippling haben in einem Haus Heizung, Heizkörper, Elektrik und ein Bad eingebaut. Foto: Axel Langer

Wie viele Menschen im Ahrtal lebt Sigrid Jäger auch ein halbes Jahr nach dem furchtbaren Hochwasser in der ersten Etage oder unter dem Dach. Keller und Erdgeschoss waren unbewohnbar. In einigen Häusern riecht es immer noch nach Heizöl. In ihrem kleinen Häuschen in der Nähe der Ahr ist bereits neuer Estrich verlegt, und die Wände sind schon wieder verputzt. Ein geschenktes Sofa steht im Wohnzimmer, und nun hat sie auch eine provisorische Küche. Immer wieder geht Sigrid Jäger von Haus zu Haus, fragt, ob sie beim Ausfüllen von Formularen und dem Beantragen von Hilfsgeldern in „ihrer“ Straße helfen kann. Als Johannes Grothoff und Andreas Kemper, Kassierer der Delbrücker Schützenbruderschaft, die die Spendenaktion unterstützen, die Seniorin aufsuchen möchten, ist sie wieder in der Nachbarschaft unterwegs und bietet anderen ihre Hilfe an.

Petra Kassner

„Der Zusammenhalt der Menschen ist toll. Jeder packt an und achtet auch auf seine Nachbarn. Viel ist schon geschafft, aber es ist noch ein weiter Weg, bis alles wieder fertig ist“, sagt Petra Kassner. Die 54-Jährige lebt in Kreuzberg und koordiniert die Hilfe aus dem Delbrücker Land. Sie bleibt kaum mal einen Moment sitzen, hat das Handy am Ohr und telefoniert immer wieder. Anfragen nach Hilfsmaterialien landen bei ihr, aber auch Helfer werden vermittelt. Und vor allem weiß sie, wo im Dorf der Schuh nach der gigantischen Flutwelle am meisten drückt. „Wir unterstützen nur Menschen, die keine Elementarversicherung haben und den Schaden aus eigener Tasche bezahlen müssen.“

Bei Petra Kassner laufen viele Drähte zusammen. Sie koordiniert die Hilfe vor Ort. Foto: Axel Langer

Dabei hätten Petra Kassner und ihr Mann Roger allen Grund, niedergeschlagen zu sein: Ihr schmuckes Häuschen in Kreuzberg war gerade fertig saniert, als das Wasser kam und alles wieder zerstörte. Alles war dahin und musste raus. Das Ehepaar zog in die erste Etage und fing von vorne an. „Als das Wasser kam, war ich bei einer Freundin und mein Mann allein zu Hause. Das Wasser kam über den Bahnsteig geschossen, und wir mussten flüchten, zur Burg hinauf. Von dort aus habe ich gesehen, wie mein Mann sich immer weiter nach oben im Haus zurückzog. Wir konnten reden und uns Zeichen geben, aber der Sahrbach war zu einem reißenden Strom geworden und trennte uns. Nach Hause zu kommen, war undenkbar. Die Brücke über den Sahrbach, einem kleinen Zufluss der Ahr, war weg, und das Wasser stand Meter hoch. Erst am nächsten Nachmittag konnte ich über die mitgeschwemmten und zwischen den Häusern verkeilten Baumstämme und Trümmerteile klettern und nach Hause kommen. Die Menschen auf der anderen Seite riefen mir zu, nicht nach unten zu schauen. Später wurden aus dem Bereich mehrere Todesopfer geborgen“, erzählt Petra Kassner bedrückt.

Fast alle Menschen, die Johannes Grothoff an diesem Tag aufsucht, beginnen sofort zu erzählen und freuen sich umso mehr über die Spenden. An einem zentralen Lager für Hilfsgüter wurden Badkeramiken und Badewannen aus dem Delbrücker Land ausgeladen und abgegeben. Hier können sich die Flutopfer Baustoffe für den Neuaufbau kostenlos abholen. „Wir kennen uns und wissen genau, wer welche Baustoffe braucht“, so Paul Schäfer, der das Lager mitorganisiert und sich gerade über eine Lkw-Ladung Parkettboden freut.

An einer der engsten Stellen im Ahrtal, dem Dörfchen Mayschoß, stand das Wasser bis in die erste Wohnetage. Die Schäden an der Fassade am Gebäude links wurden durch Treibgut im Wasser verursacht. Foto: Axel Langer

So konnten die Menschen in Kreuzberg schon viel wiederaufbauen, aber noch immer ist viel zu tun. Im Dorf stehen noch öffentliche Duschkabinen, weil noch nicht alle Menschen wieder ans Trinkwassernetz angeschlossen sind oder es noch kein warmes Wasser im Haus gibt. Vor vielen Häusern stehen noch IBC-Container mit einem Fassungsvermögen von 1000-Litern, worüber die Trinkwasserversorgung sichergestellt wird. Überall im Ahrtal gibt es große Haufen Scheitholz. Die Flutopfer können an einer Telefonnummer anrufen, dann bekommen sie Brennholz für ihre kleinen Kanonenöfen geliefert, oft die einzige Heizmöglichkeit.

Über die Ahr führen nach wie vor Behelfsbrücken. Viele Häuser sind verlassen oder die Fenster im Erdgeschoss sind vernagelt. Die Flutkatastrophe hat dem Ahrtal seinen Stempel aufgedrückt. „Dabei ist hier schon viel passiert. Die defekten Öltanks, die weggeschwemmten Autos und die ganzen Trümmer sind alle abgefahren. Es geht voran. Die Menschen sind unglaublich fleißig“, sagt Johannes Grothoff. Auch die Bundesstraße 267, die parallel zur Ahr verläuft, ist wieder befahrbar, wenn auch teilweise nur einspurig und ganz langsam.

„Richten Sie bitte allen Spendern meinen Dank aus. Ich würde sie am liebsten alle in den Arm nehmen“, sagt Sigrid Jäger. Wer die Menschen im Ahrtal unterstützen möchte, kann auf das Spendenkonto der Schützenbruderschaft Delbrück bei der Stadtsparkasse Delbrück unter der IBAN DE20 4725 1740 0000 0037 15 und dem Stichwort Flutopfer spenden. Denn weitere Hilfstransporte sollen folgen.

Johannes Grothoff (links) und Andreas Kemper überreichen Sigrid Jäger einen Spendenscheck. Im Hintergrund ist die gerade erst errichtete provisorische Küche zu sehen. Foto: Axel Langer
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