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Wie der ehemalige Sport-Reporter seine Ersparnisse von 750.000 Euro bei Sportwetten verlor und Schulden machte

Werner Hansch blieben noch 26,75 Euro

Bielefeld

„Sucht hat immer eine Geschichte“ steht als Titel über den Aktionstagen der Drogenberatung Bielefeld – und wohl keiner versteht eine solche Geschichte so fesselnd zu erzählen wie Werner Hansch.

VonGunnar Feicht

Werner Hansch erzählte einem gebannt zuhörenden Publikum im „Sechzehner“ der Schüco-Arena von seiner Spielsucht, die ihn ruinierte und an der Freundschaften zerbrachen. Hansch warnte die Zuhörer vor Sportwetten. Foto: Thomas F. Starke

„Einmal Hölle und zurück“, heißt das Buch über den Absturz des prominenten Sportkommentators in die Spielsucht. Wie er der Droge Pferdewetten verfallen und letztlich doch entkommen ist, das hat Hansch einem gebannt zuhörenden Publikum im „Sechzehner“ der Schüco-Arena in Bielefeld erzählt.

Der „Stimme des Ruhrpotts“, die 30 Jahre lang Fußballfans am Radio und Fernseher begeistert hat, gelingt ein mitreißender Auftritt. Gerade wenn es gilt, die Zuhörer auf den Tiefpunkt der schlimmsten Momente mitzunehmen. „Dies ist eine furchtbare und traurige Geschichte. Von einer Krankheit, die den Verstand, den Willen, die Seele, den Menschen in seiner kompletten Struktur erfasst und gegen die es keine Impfsubstanz gibt“, sagt Hansch. Und es ist besonders die Schilderung einzelner Momente, die seinen Absturz für alle (be-)greifbar macht.

Zum Beispiel die banale Situation, wie alles beginnt. Als er 2008 oder ‘09 nach dem Kauf einer Tüte Hustenbonbons zufällig den Kopf durch die offene Tür in ein Recklinghausener Wettbüro steckt. Als er nach der Einladung „Willse wat mitmachen?“ 20 Euro auf ein Trabrennpferd setzt und 42 Euro gewinnt. „Das war die Einfallstür, die Schneise in die Schlucht, durch die ich ungebremst mit vollem Tempo abgestürzt bin.“ Hansch weiß heute, „welche unglaubliche Kraft eine Sucht ausüben kann“.

Es war die Langeweile

Der 83-Jährige ist sich sicher, warum er damals so anfällig gewesen ist. Es war die Langeweile. 2003 verliert sein TV-Sender SAT 1 die Rechte an den Bundesliga-Zusammenfassungen an die ARD, mit 65 erreicht er das Rentenalter, 2006 haben mit der Endspiel-Reportage Arsenal – FC Barcelona auch die Champions League-Einsätze ein Ende. „Ich wurde aus der vollen Fahrt der Fußball-Kommentierung rausgeworfen – und stürzte in ein Nichts, in eine totale Leere.“

Die wird bald von der zwanghaften Fixierung auf Pferdewetten gefüllt. Der Mann, der 2005 noch 750.000 Euro auf dem Konto hat, verspielt mit den Jahren sein gesamtes Vermögen, wird von der Lebensgefährtin verlassen, weil er deren Hilfe zur Umkehr in den Wind schlägt. „Diese Frau will mich vom Glück abhalten – mir fehlte jedes Verständnis dafür, dass ich süchtig war“, bekennt Hansch. Die Selbsterkenntnis dämmert ihm erst, als 2020 Ruhrgebietszeitungen über seine Schulden beim prominenten CDU-Politiker Wolfgang Bosbach berichten. „Mein Anwalt hat mich dann an die Hand genommen und zum Therapeuten geschleppt.“

„Big Brother“ gewonnen

Der erste Schritt zurück ins normale Leben. Aber nur ein kleiner. Denn der Schuldenberg bei Gläubigern bleibt. Hansch schildert eindringlich, wie viel Überwindung es ihn kostet, bei SAT 1 in den Promi Big Brother-Container einzuziehen – „aber ich musste das machen, wegen der 80.000 Euro Antrittsgeld“. Noch höher ist die mentale Mauer, bis er schonungslos vor Millionen TV-Zuschauern seine Spielsucht öffentlich macht: „Gott sei Dank habe ich dazu die Kraft gefunden und die Hosen runtergelassen – bis auf die Sprunggelenke.“

Dass er die Big Brother-Staffel und damit 100.000 Euro (abzüglich Steuern) gewinnt, hilft ihm finanziell auf die Beine. „Nach Begleichung aller Schulden sind 26,75 Euro davon übrig geblieben“, sagt Hansch.

Unglaubliche Fülle positiver Zuschriften

„Wichtiger war aber die unglaubliche Fülle positiver Zuschriften als Reaktion auf meine Lebensbeichte.“ Die hat den geläuterten Sprachakrobaten motiviert, sein Naturtalent am Mikrofon und im Dialog jetzt als Botschafter des Fachverbandes Glücksspielsucht für Vorbeugung und gegen den überbordenden Werbemarkt der Sportwetten einzusetzen. „Mein Buch ist auch ein Medium für den Kampf gegen die Blutsauger, die jetzt vom neuen Glücksspiel-Staatsvertrag profitieren“, wettert Hansch mit dröhnender Stimmer. Genauso sprachmächtig, wie früher bei seinen Fußball-Reportagen.

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