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Im Kreis Paderborn unterstützt die Tafel 4800 Menschen - Aufnahmestopp

Wie ein Postbeamter zum Tafel-Helfer wurde

Paderborn

Die erste Tour zu Bäckereien und Discountern haben sie schon hinter sich, als Werner Hengst (59) und sein Beifahrer Reinhold Herbstreit (63) gegen 10 Uhr mit ihrem Sprinter den Hof der Paderborner Tafel verlassen. Es geht rechts herum, in Richtung Ortsteil Sande, zum Aldi. „Mal sehen, was die heute für uns haben“, sagt Werner Hengst. „Das ist jedes Mal eine Überraschung.“

Von Christian Althoff

An der Laderampe dieses Netto-Marktes stehen Kisten mit unverkäuflichen Lebensmitteln bereit, die Werner Hengst in seinen Sprinter lädt. Wenn sich der 59-Jährige nicht für die Tafel engagiert, fiebert er bei Spielen des SC Paderborn mit und geht seinem Hobby als Sportkegler nach: Der Paderborner kegelt für die TSG Rheda in der Nordrhein-Westfalen-Liga. Foto: Althoff

Mehr über die Weihnachtsspendenaktion des WESTFALEN-BLATTES zugunsten der Tafeln NRW finden Sie auch auf unserer Sonderseite.

Der 59-Jährige ist einer von etwa 150 Ehrenamtlichen, die die Paderborner Tafel am Leben halten. Früher war Hengst Postbeamter. Gleich nach der Schule hatte er mit 15 Jahren seine Ausbildung begonnen – im Zustelldienst. Später wurde er Schalterbeamter, und zum Schluss organisierte er den Personaleinsatz. Da war die Post schon längst keine Behörde mehr, sondern eine AG. Und die wollte ihre letzten Beamten loswerden, so wie die Telekom und die Bahn auch. „Es gab deshalb das Angebot, ab 55 in Pension zu gehen, wenn der Arbeitsplatz wegrationalisiert werden kann und man sich zu 1000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit oder einem Jahr Bundesfreiwilligendienst verpflichtete“, erzählt der Paderborner. Das Angebot nutzte er und stieg im Mai 2021 bei der Post aus. „Ich kannte zwei Frauen, die sich bei der Tafel engagierten, und deshalb habe ich mich da gemeldet.“

1000 Stunden Arbeit

Drei Jahre Zeit hätte der Pensionär gehabt, um die 1000 Stunden nachzuweisen, aber Werner Hengst hatte sie bereits nach einem Jahr abgeleistet. „Es gibt so viel zu tun bei der Tafel, und die Arbeit macht ja auch Spaß“, sagt er. Deshalb blieb der alleinstehende Paderborner bei der gemeinnützigen Einrichtung und arbeitet dort als Fahrer – drei oder vier Mal in der Woche, von 7.30 bis 13.30 Uhr.

Obst noch gut

Die beiden Männer haben den Aldi erreicht, und Werner Hengst steuert den Transporter rückwärts an die Laderampe. Dort stehen die Lebensmittelspenden in schwarzen Kunststoffkisten bereit. Orangen, Spitzpaprika, Bananen, Brokkoli und ein großer Plastiksack mit Brot und Brötchen. Das Obst sieht sehr gut aus, aber wenn in einem Beutel Orangen eine faule Frucht steckt, ist die ganze Packung unverkäuflich. In zwei Stunden werden andere Ehrenamtler in der Zentrale der Paderborner Tafel am Bayernweg das schlechte Obst aussortieren und so die unbeschädigte Ware retten.

Reinhold Herbstreit packt die Lebensmittelspenden in Kisten der Tafel um und lädt sie in den Sprinter. „Die Ausbeute ist gut“, sagt er und erklärt, die Märkte gäben inzwischen viel weniger ab als früher. „Wegen der hohen Preise kaufen sie vorsichtiger ein, und dann bleibt natürlich auch weniger für die Tafeln übrig.“

Wolfgang Hildesheim ist Geschäftsführer der Tafel in Paderborn Foto: Althoff

Weiter geht‘s zum Supermarkt der britischen Streitkräfte in Paderborn, der NAAFI. Schon aus der Entfernung erkennt Werner Hengst, dass heute nichts am Hintereingang bereitsteht, und dreht ab. Jetzt geht es nach Hövelhof, zu Lidl, Aldi und Netto. Die Route führt an einem Edeka-Markt vorbei, den Werner Hengst aber links liegen lässt. „Der spendet seine Lebensmittel an die Hilfseinrichtung der Kolpingfamilie“, sagt der 59-Jährige.

4800 Tafelkunden

4800 bedürftige Menschen unterstützt die Paderborner Tafel jede Woche. An zwölf Ausgabestellen im Kreisgebiet bekommen die Kunden Lebensmittel, für die sie pauschal 2,50 Euro pro erwachsenem Haushaltsmitglied bezahlen müssen. „Die Nachfrage ist so groß, dass wir einen Aufnahmestopp verhängen mussten“, sagt Tafel-Geschäftsführer Wolfgang Hildesheim (68). „Erst im Februar können sich wieder neue Bedürftige bei uns melden.“

Hier können Sie spenden:

Noch ein Stopp bei Penny – dann sind Werner Hengst und Reinhold Herbstreit auf dem Rückweg von ihrer 30 Kilometer langen Tour. Sie erzählen, dass sie gehbehinderten alten Menschen manchmal auch die Lebensmittel nach Hause brächten. „Die freuen sich richtig. Man hat fast den Eindruck, die haben sonst keine sozialen Kontakte“, sagt Werner Hengst, und Reinhold Herbstreit ergänzt, dass viele dieser alten Menschen die 2,50 Euro in kleinen Münzen bezahlten. „Geld wechseln mussten wir noch nie. Die haben wirklich nicht viel zum Leben. Da kommt man schon ins Grübeln.“

Die letzte Tour

Kurz vor 12 Uhr rollt der Sprinter wieder auf den Hof der Tafel. Drei Ehrenamtler stehen mit Sackkarren bereit, um die vielen Kisten zur Sortierung zu bringen. Eine kurze Pause für Werner Hengst und seinen Mitstreiter – dann brechen die beiden Männer zu ihrer dritten und letzten Tour auf.

Mehr über die Weihnachtsspendenaktion des WESTFALEN-BLATTES zugunsten der Tafeln NRW finden Sie auch auf unserer Sonderseite.

In einem Beitrag der ARD wird die Arbeit der Tafel in Herford vorgestellt. Hier geht es zu dem Video in der ARD-Mediathek.

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