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Weihnachten im Provisorium: Viele Flüchtlinge haben Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt

Zuhause dringend gesucht

Lichtenau-Atteln/Büren

Wenn Adama Makalo sich ihre Traumwohnung ausmalt, ist sie hell und geräumig, mit großen Fenstern, blitzblank und chic dekoriert, und sie hat strahlend weiße Wände. Weiße Wände hat ihre jetzige Bleibe ebenfalls, und sauber und ordentlich ist sie auch, sogar die Küche, obwohl sie sie sich mit drei weiteren Familien teilen muss. Doch ein richtiges Zuhause hat die 30-Jährige für sich und ihre Kinder Abdou (8) und Fatoumata (6) mit der städtischen Übergangswohnung in Atteln nicht gefunden.

Von Hanne Hagelgans

Adama Makalos größter Weihnachtswunsch ist eine eigene Wohnung für sich und ihre beiden Kinder. Wie viele Flüchtlinge im Altkreis Büren hat es auch die 30-Jährige, die in einer städtischen Unterkunft wohnt, schwer, ein dauerhaftes Zuhause zu finden. Foto: Oliver Schwabe

So wie Adama Makalo, die 2016 aus Gambia nach Deutschland gekommen ist, geht es vielen Flüchtlingen im Einzugsbereich des Caritasverbandes im Dekanat Büren. Sie haben eine dauerhafte Bleibeperspektive und könnten damit aus der (meist kommunalen) Übergangsbleibe in eine auf dem freien Markt gemietete Wohnung umziehen. Und genau das sollten sie nach dem mal mehr, mal weniger energisch geäußerten Wunsch der Behörden auch tun. „Denn die Kommunen brauchen die Übergangswohnungen eigentlich für neu ankommende Flüchtlinge“, erläutert Claudia Grass, Mitarbeiterin des Caritas-Beratungsteams.

Das Problem: Selbst finanzieren können die Betroffenen, oft alleinstehende Mütter mit kleinen Kindern wie Adama Makalo, ihre Wohnung in aller Regel noch nicht. Und die Sätze, die das Amt übernehmen würde, seien von der Realität auf dem Wohnungsmarkt meilenweit entfernt und viel zu niedrig angesetzt, wissen Claudia Grass und ihre Kolleginnen.

Hinzu komme leider, bedauert die Beraterin, dass viele Vermieter schon auf Abstand gehen, wenn sie am Telefon hören, dass Deutsch nicht die Muttersprache des Wohnungsbewerbers ist. „Viele wollen auch keine Kinder im Haus oder haben Vorbehalte, weil die Miete vom Amt kommt“, weiß die Claudia Grass.

Mit dem Projekt „Rund um die eigene Wohnung“ will der Caritasverband Büren den Geflüchteten bei der Suche nach einem neuen Zuhause helfen. Die Menschen bekommen Informationen über ihre Rechte und Pflichten als Mieter, zugleich wird versucht, geeignete Wohnungen für sie zu finden – bislang (auch wegen der Erschwernis durch die Pandemie) mit mäßigem Erfolg.

Zwei Zimmer stehen der kleinen Familie Makalo in dem Übergangsheim in Atteln, einer von der Stadt Lichtenau gemieteten Immobilie, zur Verfügung: Eines dient als Wohn- und Esszimmer und zum Spielen und Hausaufgabenmachen für Fatoumata und ihren Bruder Abdou, die in die erste und zweite Klasse der Grundschule Altenautal gehen. Im zweiten Zimmer schlafen alle gemeinsam.

Es gibt das Nötigste an einfachen Möbeln, außerdem ein bisschen Lego für die Kinder. Man sieht, dass ihre Mutter sich bemüht hat, die Räume mit ein paar wenigen Deko-Stücken ein bisschen hübsch zu gestalten. Doch ein gemütliches Heim ist es nicht und kann es auch kaum sein.

Denn Küche und Bad nutzen die Bewohner gemeinsam. Irgendwer ist da immer auf den Beinen, nutzt das Badezimmer, kocht, putzt oder wäscht ab – auch nachts. Und wenn einer der Bewohner Besuch bekommt, schellt die Türklingel im ganzen Haus. Richtige Freundschaften gebe es unter den Hausbewohnerinnen – alles Frauen, die meisten mit kleinen Kindern – nicht, erzählt Adama Makalo in gut verständlichem Deutsch. Man lebe eher nebeneinander her, manchmal gebe es auch Streit.

Die 30-Jährige ist Muslima und nimmt ihren Glauben ernst. Jeden Morgen betet sie gemeinsam mit ihren Kindern. Doch das christliche Fest Weihnachten wird sie trotzdem feiern. Das sei auch schon in Gambia so gewesen, erzählt sie: „Da gab es immer eine große Party, draußen mit der ganzen Familie und viel Essen, und alle haben sich verkleidet.“

Ob sie in diesem Jahr in Atteln feiert oder bei ihrem Bruder, der ebenfalls nach Deutschland geflohen ist und in Niedersachsen lebt, weiß Adama Makalo noch nicht. Doch etwas Besonderes zu essen soll es auf jeden Fall geben, Hühnchen vielleicht und frittierte, scharf gewürzte Krapfen, deren Rezept sie noch aus Gambia kennt.

Und die Kinder werden auch ein Geschenk bekommen, ermöglicht durch die Aktion „Sterne erfüllen Wünsche“, die das Rote Kreuz organisiert und der Caritasverband unterstützt hat. Fatoumata bekommt eine Barbiepuppe, für Abdou wird es eine neue Winterjacke geben.

Ob sie nicht auch einen Weihnachtsbaum aufstellen könnten, habe der Achtjährige seine Mutter in der Vorweihnachtszeit immer wieder gefragt. „Aber ich habe ihm gesagt: Das hier ist keine Wohnung für einen Weihnachtsbaum“, erzählt Adama Makalo. „Wenn wir eine eigene Wohnung haben, dann werden wir auch einen Weihnachtsbaum haben.“

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