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Vor dem Spiel in Paderborn spricht Heidenheims Trainer Frank Schmidt über den SCP, Corona und seinen Job

„Berufung, Hobby, Leidenschaft“

Frank Schmidt coacht seit fast 14 Jahren den 1. FC Heidenheim und ist mit dem Verein binnen sechs Jahren von der Oberliga bis in die 2. Liga aufgestiegen. Den Sprung in die Bundesliga verpasste der Ex-Profi im vergangenen Jahr, als er erst in der Relegation an Werder Bremen scheiterte.

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Der Dauerbrenner Foto: Thomas F. Starke

Am Sonntag (13.30 Uhr/Sky) will der 47-Jährige Heidenheims Sieglos-Serie gegen den SC Paderborn 07 (drei Remis, zwei Niederlagen) beenden. Zuvor sprach Schmidt mit Matthias Reichstein über die Liga, die Lage und den SCP.

Herr Schmidt, das 3:4 gegen den FC St. Pauli war nach 483 Tagen die erste Heimpartie ohne Punkt. Schmerzt das Ende einer Serie besonders?

Schmidt: Es tut weh. Noch immer. So eine Serie gibt man nicht gerne auf. Es war aber auch ein Spiel mit offenem Visier, das in beide Richtungen hätte gehen können.

Das Zwei-Tore-Comeback von Leihspieler Tim Kleindienst wird Ihnen gut gefallen haben. Sie haben Ihn zum dritten Mal zum FCH geholt. Warum will der Junge immer wieder weg?

Schmidt: Ich bin grundsätzlich überhaupt kein Freund von Ausleihgeschäften. Ich will Spieler, die mit Haut und Haaren bei uns sind, denn nur wenn sie sich total identifizieren, funktioniert unser Fußball. Aber bei Tim weiß man, was man bekommt. Da passen Charakter und Einstellung. Er hatte im Sommer in Gent die Chance, die Qualifikation zur Champions League zu spielen. Wenn ein Spieler dann den Ehrgeiz hat, diesen Schritt zu gehen, muss man das verstehen. Jetzt ist es für ihn nicht gut gelaufen, deshalb lag es nahe, es wieder dort zu versuchen, wo es bis zum Sommer wiederholt gut funktioniert hat.

Spieler und Verein bilden also beim FCH keine Art Zweckgemeinschaft?

Schmidt: Mit Zweckgemeinschaften kann ich gar nichts anfangen. Ich möchte jeden Tag mit Spaß und Motivation arbeiten. Wobei Trainer zu sein keine Arbeit ist. Das ist Berufung, Hobby und Leidenschaft. Auf der anderen Seite erwarte ich, dass die Spieler jeden Tag Respekt davor haben, was der 1. FC Heidenheim bislang geleistet hat. Diese totale Identifikation ist unser Weg und unsere DNA. Natürlich darf auch bei uns jeder Fehler machen, sie müssen nur von Mut und Leidenschaft geprägt sein.

Im Sommer haben Sie den Erstliga-Aufstieg knapp verpasst, zuletzt holte Ihr Team aus drei Spielen nur einen Punkt. Was geht in dieser Saison noch?

Schmidt: Wir haben in erster Linie diesen Existenzkampf 2. Liga. Nach Platz drei und den Abgängen von Leistungsträgern im Sommer will ich zunächst eine sorgenfreie Saison spielen. Ich spreche da gerne von einem komfortablen Klassenerhalt. Das bedeutet für mich, in den letzten zwei, drei Saisonspielen nicht mehr von irgendwelchen Ergebnissen abhängig zu sein.

Sie haben gegen Werder Bremen ungeschlagen die Relegation verloren: Viele Teams fallen, wenn man so knapp scheitert, zunächst in ein Leistungsloch, Ihre Mannschaft nicht. Wie haben Sie das hinbekommen?

Schmidt: Für mich war klar, dass ich ganz schnell den Schalter umlegen muss. So nach dem Motto: „Uns hilft jetzt keiner, außer wir uns selbst.“ Mein Naturell ist es, sofort die Ärmel hochzukrempeln und nicht eine Enttäuschung vorzuleben. So haben wir es nach der knapp verpassten Zweitliga-Aufstiegs-Relegation 2013 auch gemacht. Diesmal hatten wir aber eine Lebenschance nicht genutzt, da habe auch ich zur Verarbeitung etwas länger gebraucht. Doch noch in der ersten Woche konnte ich mit sechs Spielern Gespräche führen, von denen am Ende fünf zu uns gekommen sind. Das hat geholfen.

Warum tut sich Ihre Mannschaft eigentlich auswärts so schwer?

Schmidt: Seitdem ich Trainer in Heidenheim bin, sind wir eine Heimmacht. Diese Effizienz und dieses Selbstverständnis fehlen uns auswärts immer mal wieder. Ebenso die konstante Qualität, um die ganz engen Spiele zu gewinnen.

Jetzt geht es nach Paderborn. Erwarten Sie ein Duell auf Augenhöhe?

Schmidt: Absolut, mit 26 Punkten liegen wir auch in der Tabelle gleichauf. Am Sonntag wird es daher um Kleinigkeiten, um Tagesform und Spielglück gehen. Paderborn ist trotzdem Favorit. Wir müssen konstant und konzentriert gegen diese offensiv extrem gut besetzte Mannschaft auftreten, die gradlinig, schnell und unkompliziert nach vorne spielt. Dann könnte es vielleicht zum zweiten Auswärtssieg reichen.

Wie nehmen Sie Ihren Kollegen Steffen Baumgart wahr? Mögen Sie diese emotionalen Typen direkt nebenan?

Schmidt: Mir gefällt es, wenn der Puls mal hochgeht. Für mich ist das Verhalten von Steffen absolut authentisch. Er gibt sich so, wie er ist und spielt keine Rolle. Das mag ich. Zumal auch ich keiner von der Sorte bin, der 90 Minuten auf der Bank sitzt und sich in aller Ruhe das Spiel anschaut.

Wird sich der Profifußball nach der Corona-Pandemie nachhaltig verändern?

Schmidt: Nicht nur der Fußball. Es wird sehr viel nicht mehr so sein, wie es vorher war. Speziell der Fußball hat für mich viel mit Glaubwürdigkeit und Identifikation zu tun. Mir als Trainer war es immer wichtig, so Fußball zu spielen, wie die Menschen hier in Heidenheim leben und arbeiten. Deshalb werden die Fans zu den Vereinen, bei denen auch vor der Corona-Krise der Zusammenhalt groß war, relativ schnell zurückkehren. Zumal sie auch wieder einen Ort brauchen, an dem sie ihre Emotionen ausleben können.

Hat sich eigentlich auch der Sport verändert? Fußball ist immer noch ein Kampf, aber es wirkt auf dem Rasen alles etwas harmonischer.

Schmidt: Dieses Emotionale von außen, von dem man sich auch gerne anstecken lässt, fehlt. Daran möchte ich mich gar nicht erst gewöhnen. Ich bin Trainer geworden, weil ich den Fußball liebe. Diesen Rasen-Schach in aller Stille brauche ich nicht, deshalb hoffe ich auf eine schnelle Rückkehr der Zuschauer.

Sie sind erst 47 Jahre alt, aber schon fast 14 Jahre Trainer in Heidenheim. Warum zieht es Sie nirgendwo anders hin?

Schmidt: Ich war als Spieler ja schon mal weg und habe meine schönsten fünf Jahre als Profi bei Alemannia Aachen verbracht. Richtig ist aber auch, dass ich nur Luftlinie 200 Meter vom Stadion entfernt geboren wurde. Es ist im Berufsfußball fast zu romantisch, dass man da arbeitet, wo man herkommt und die Familie lebt. Aber die Frage kommt oft. Ich habe noch zwei Jahre Vertrag und wer mich kennt, der weiß, dass ich meine Zusagen einhalte. Gegen diesen Stempel „Schmidt will und kann nur Heidenheim“ kann ich mich nicht wehren. Wenn der Zeitpunkt der Veränderung mal kommt, werden wir uns zusammensetzen. Idealerweise in einer guten Phase. Vielleicht gehe ich hier aber auch in Rente. Ich habe keinen Karriereplan, deshalb bleibe ich dabei: Alles zu seiner Zeit.

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