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Frederik Hellermann arbeitet als Sportpsychologe im NLZ des SC Paderborn 07

Einfach Freddy

Paderborn (WB)

Talent haben viele, beim Training im Hochleistungsbereich gelten häufig die gleichen Methoden. Aber warum gibt es trotzdem Sportler, die besser sind als andere? Und was unterscheidet die sehr guten von den guten? Fragen, denen Frederik Hellermann auf den Grund geht.

Peter Klute

Ein erfolgreiches Gespann beim SC Paderborn: Sportpsychologe Frederik Hellermann (links) und NLZ-Leiter Christoph Müller. Foto: Michael Bieckmann/SCP

Der 27-Jährige arbeitet als Sportpsychologe im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des SC Paderborn 07.

Als Spieler des SV Dorlar-Sellinghausen brachte es der Sauerländer lediglich bis zur die Bezirksliga, jetzt beschäftigt er sich mit vermeintlichen Stars von morgen. Die Initialzündung für seinen beruflichen Werdegang bekam er 2011 von einem gewissen Steffen Freund. Eine Al Pacino-Motivationsrede des damaligen Trainers der deutschen U17-Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft hatte es Hellermann derartig angetan, dass „ich Gänsehaut bekam“. Heute weiß er: „Sportpsychologie ist weit mehr als Motivation. Die hilft nur kurzfristig.“

Für Deutschland und Freund reichte es vor fast zehn Jahren in Mexiko immerhin zu Bronze, für Hellermann war Freunds Ansprache prägend fürs Leben. Nach dem Abitur in Schmallenberg begann der Schalke-Fan ein Studium in Sportwissenschaften an der Universität Paderborn. „Der Titel des Sportpsychologen hat mich sehr interessiert. Es gibt zwei Wege und ich habe mich für die Sportwissenschaft entschieden, weil das in Paderborn möglich war, ich nicht in die weite Welt wollte und der Studiengang einen großen Anteil Sportpsychologie beinhaltete“, blickt er zurück.

Den Weg zum SCP fand Hellermann über die Kooperation mit der Uni. Einen Weg, den schon sein Vorgänger beim Zweitligisten, Nils Gatzmaga, unter der Leitung von René Müller gegangen war. Als Gatzmaga zu RB Leipzig wechselte, empfahl Uni-Professor Professor Matthias Weigelt dann Frederik Hellermann. Er betreut Spieler der Altersklassen U15 bis U21, steht aber auch Trainern und Mitarbeitern zur Verfügung.

Für beide Seiten war es eine echte Win-win-Situation. „Wir sind verpflichtet, mindestens eine halbe Stelle mit einem Sportpsychologen zu besetzen und hatten mit Nils gute Erfahrungen gemacht. Die positiven Auswirkungen auf Spieler und Trainer wollten wir unbedingt mitnehmen. Deshalb haben wir bei Freddy schnell Nägel mit Köpfen gemacht und sind mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden“, erklärt NLZ-Leiter Christoph Müller.

Hellermann bekam eine Vollzeitstelle, parallel kann er sich um seine Doktorarbeit kümmern. Ein ähnliches Modell wie bei Gatzmaga. „Das war für mich ein Zeichen von Wertschätzung“, sagt Hellermann. Auch bei seinen „Klienten“ kommt er gut an. „Den einen oder anderen Spruch gibt es, aber ich habe noch kein Kopfschütteln gesehen“, sagt er und schmunzelt.

Seit Juli 2018 bildet Hellermann nun die dritte Säule beim SC Paderborn 07, neben Fußball, den die Trainer verantworten, und Bildung, für die Pädagogin Dr. Anne Thissen zuständig ist. Er beschreibt sein Wirken als Pyramide: „Die Trainer kümmern sich um die körperliche Fitness und die Taktik, ich um den Kopf. Der Boden ist die psychische Gesundheit, dann kommt die Persönlichkeitsentwicklung wie Teamfähigkeit und soziale Kompetenz und schließlich die mentale Stärke, bei jeglichen Umständen die bestmögliche Leistung zu bringen und den letzten Prozent herauszuholen.“

Es gehe darum, nicht zurückzublicken, sondern darum: Wo bin ich? Wo will ich hin? Das Ziel: die beste Form zu bringen, wenn es darauf ankommt. Ganz wichtig sei aber auch, die Jungs nicht nur auf den Spieler zu reduzieren. „Wenn sie dann verlieren, könnten sie sich als Versager fühlen. Aber es gibt ja auch noch Familie und Freunde, bei denen sie etwas wert sind.“

Wer an Sportpsychologie denkt, der denkt wohl zuerst an Profis, die unter Depressionen litten. Sebastian Deisler, der seine Karriere beendete. Oder Nationalmannschaftskollege Robert Enke, der sich sogar das Leben nahm. „Das war für die Sportpsychologie ein großer Faktor“, sagt Hellermann, betont aber auch: „So etwas zu verhindern, ist nicht meine Aufgabe. Dafür bin ich gar nicht ausgebildet, da gibt es Experten.“ Hellermanns Aufgabe ist eine andere. Er arbeitet präventiv. In persönlichen Gesprächen oder Workshops.

„Der Austausch erfolgt auf freiwilliger Basis. Im Idealfall geht der Kontakt von den Spielern selbst aus, manchmal aber auch von den Trainern oder Familien. Die Eltern sind häufiger auch bei den Gesprächen dabei, die Inhalte absolut vertraulich“, betont Müller. Am wichtigsten ist Hellermann das Vertrauen. „Das ist meine Lebensversicherung, ohne die könnte ich sofort meine Koffer packen“, sagt er und ergänzt: „Vor jeder Saison stelle ich mich bei den Mannschaften vor. Ich sitze auch nicht den ganzen Tag im Büro, sondern gehe raus auf den Trainingsplatz. Da bin ich einfach Freddy. Das Schönste für mich ist, wenn ich einen Spieler gecoacht habe und er mir nach dem Spiel am Wochenende ein Lächeln schenkt und sagt: Es ist genauso gekommen, wie wir es besprochen haben.“

Die Corona-Pandemie ist auch für Hellermanns Berufssparte eine große Herausforderung: „Die Jungs sind gefrustet und traurig. Vor allem die sozialen Kontakte fehlen ihnen. Die Gespräche in der Kabine können wir mit Zoom-Angeboten nicht ersetzen.“ Wenn es wieder auf den Rasen geht, ist auch Hellermann zufrieden und glücklich. Erfahrungen sammeln und sich etablieren sind seine Ziele für die nächsten Jahre. Und dass die Doktorarbeit bis zu seinem 30. Geburtstag im Herbst 2023 fertig wird. Thema: „Mentales Training im Sport“. Welch ein Zufall.

Im Alltag beschränkt sich Hellermann nicht auf seine Tätigkeit im Verein. Ende des Monats hält er einen Vortrag beim 1. Internationalen Torwart-Kongress über die Rolle des Torwarts. Das ist Theorie, bei den Spielen des SCP kann er sich ein praktische Bild davon machen. So schafft er einen perfekten Mix für seine Arbeit.

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