Thomas Henning ist der Chefscout beim Fußball-Zweitligisten SC Paderborn 07

Er sucht die besonders Begabten

Paderborn

Das Auge. Der Späher. Der Talentsichter. Die Liste der Umschreibungen für einen Scout im Profifußball könnte man noch beliebig verlängern. Beim SC Paderborn 07 muss Thomas Henning den richtigen Riecher für besonders Begabte haben.

Matthias Reichstein

Laptop statt Tribünenplatz: Paderborns Talentsichter Thomas Henning Foto: Oliver Schwabe

Der 35-Jährige ist seit dem 15. Juli 2020 Chefscout bei dem Fußball-Zweitligisten. Sein Dienstantritt mitten in der Corona-Pandemie fiel mit dem Erstliga-Abstieg der Ostwestfalen zusammen – einen schlechteren Zeitpunkt hätte Henning eigentlich gar nicht wählen können, doch der sieht das Positive: „Der SC Paderborn ist ohnehin eine Herausforderung. Die Begleitumstände machen die Aufgabe noch spannender.“

Wobei der Auftrag, den perfekten Spieler für den SCP zu finden, eigentlich schon Herausforderung genug sein müsste. Das Budget der Paderborner ist arg begrenzt. Nur Schlusslicht Würzburger Kickers, der VfL Osnabrück oder Jahn Regensburg dürften noch geringere finanzielle Mittel zur Verfügung haben. Der Rest ist ähnlich oder sehr viel besser aufgestellt – und trotzdem muss sich der Zehnte der 2. Liga auf dem Spielermarkt behaupten. Und das gelingt. „Weil wir gute Argumente haben“, sagt der Sachse und macht gleich Werbung für Profifußball in Paderborn: „Unser Spielstil ist interessant, der Trainer sowieso und das Umfeld ist ruhig. Wer hier als junger Spieler mitzieht, wird nicht nur weiterentwickelt, der bekommt die Chance, 2 . Liga zu spielen.“

Die Profis müssen aber auch passen, und das ist eine der Hauptaufgaben von Henning. Der Kaderplaner glich vor der Corona-Pandemie eher einem rastlosen Fußball-Analytiker, war bis zu 80.000 Kilometer pro Jahr im Auto unterwegs, um Spieler zu sichten. Bevorzugt in Deutschland, aber auch in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden oder Skandinavien: „Der Fußball ist gläsern und ich vertraue den Daten und Statistiken. Aber beim Livescouting entsteht auch ein Gefühl im Bauch, das alles ergibt dann ein Gesamtbild.“

Kopfballspiel, Torabschluss oder Zweikampfquote lassen sich gut erfassen, Henning interessieren aber auch ganz andere Dinge: Wie reagiert ein Spieler, wenn er vor 50.000 Zuschauern einen Fehlpass spielt? Wie verhält er sich bei einem Ballverlust des Mitspielers? Wie spielt er bei Minus zehn Grad? Wie tritt er gegen extrem schwache Gegner auf, wie gegen besonders starke? „Schon beim Warmmachen versuche ich zu erkennen, wie fokussiert der Junge ist. Vieles erkennt man auf dem Bildschirm schlecht bis gar nicht. Am Ende der Sichtung will ich aber ein Gefühl entwickeln, und das kann mir dann auch niemand mehr nehmen“, gibt Henning einen kleinen Einblick in die Anforderungen seines Jobs.

In Paderborn kann sich der Diplom-Betriebswirt für Sportwissenschaft auf ein Team stützen. Stefan Neumann (3. Liga, Regionalliga), Philipp Maier (Österreich, Schweiz) und René Wagner (Niederlande, Polen, Balkan) sammeln ebenfalls Daten aus unterschiedlichen Märkten. „Wir sind ein junges Team. Jeder hat seine eigenen Stärken und wir ergänzen uns gut“, erklärt Henning, der sich außerdem im ständigen Austausch mit dem Sportchef befindet: Fabian Wohlgemuth hält als Geschäftsführer Sport alle Fäden in der Hand und entscheidet am Ende mit Chefcoach Steffen Baumgart, welcher Spieler ein konkretes Angebot bekommt, und wer nicht. „Die Zusammenarbeit ist unglaublich gut“, sagt Henning und betont: „Was der Trainer seit 2017 für Paderborn leistet, ist bekannt. Aber auch Fabian Wohlgemuth ist für diesen Verein ein Glücksfall.“

Ein bewegtes Leben auf der Überholspur – so stellt man sich den Beruf eines Chefscouts vor. Die Pandemie hat aber auch die Talent-Fischer im Fußball ausgebremst. Studio statt Stadion, Daten- und Videosichtung am Bildschirm statt Tribünenplatz: Thomas Henning – der im vergangen Sommer nach acht Jahren seinen unbefristeten Vertrag bei Dynamo Dresden auflöste, um das Angebot aus Paderborn anzunehmen – musste seine Abläufe coronabedingt komplett verändern. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Wobei zumindest die Planungen in Paderborn diesmal etwas einfacher werden dürften: Denn auch wenn bis zur letzten Sicherheit noch drei Siege fehlen, steht nach sieben Jahren Achterbahnfahrt wohl fest, dass der Verein in der Liga bleibt, in der er aktuell um Punkte kämpft.

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