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Eriksen-Zusammenbruch

«Absolute Ausnahmesituation»: ZDF wehrt sich gegen Kritik

Mainz (dpa)

Nach der TV-Berichterstattung des ZDF zum Schock um den Dänen Christian Eriksen bei der EM gibt es scharfe Kritik. Der Sender wehrt sich. Und er erhält Unterstützung.

Von Michael Rossmann, dpa

Für Béla Réthy war die Kommentierung des EM-Spiels Dänemark gegen Finnland die bisher schwierigste Situation seiner Karriere. Foto: Axel Heimken/dpa

Millionen von Fußballfans zitterten mit den Dänen um ihren Spieler Christian Eriksen, sahen am Samstag die dramatischen Szenen aus Kopenhagen live im ZDF.

«Das war auch für uns eine absolute Ausnahmesituation», sagte Sender-Sportchef Thomas Fuhrmann am Tag nach dem Spiel der Deutschen Presse-Agentur: «Es hat uns an die Grenzen geführt, aber die Kollegen haben immer die richtige Tonlage gefunden.» Kritik gab es allerdings auch, etwa vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV), der den öffentlich-rechtlichen TV-Sender scharf angriff und ihm Voyeurismus vorwarf.

Das ZDF zeigte nach dem Zusammenbruch des dänischen Spielers beim EM-Vorrundenspiel gegen Finnland zunächst weiter die Bilder, die über einen TV-Dienstleister von der UEFA angeliefert werden. «Wir mussten auch dem Informationsbedürfnis der Zuschauer gerecht werden», sagte Fuhrmann dazu. Nach einigen Minuten schaltete das ZDF ins Studio und unterbrach nach einer knappen Viertelstunde das EM-Programm.

Der Sportchef wies die Kritik zurück, nicht angemessen berichtet zu haben. «Das ZDF ist mit dem tragischen Zwischenfall beim Spiel Dänemark-Finnland verantwortungsvoll umgegangen», sagte Fuhrmann. «Béla Réthy hat einfühlsam aus dem Stadion reportiert, die Kollegen im Studio die richtigen Worte gefunden. Ich kann auch keine Kritik an der internationalen Regie der UEFA üben. Als sich das Ausmaß der schweren Verletzung abzeichnete, gab es keine Naheinstellungen oder andere unpassende Bilder.»

Zuvor hatte Frank Überall als DJV-Bundesvorsitzender scharfe Kritik geübt. «Ich finde es unerträglich, dass bei der Live-Übertragung im Fernsehen lange Zeit die Reanimation des Fußballers gezeigt wurde. Das ist unverantwortlich und widerspricht der journalistischen Ethik», sagte Überall. Er fügte hinzu: «Journalismus darf nicht derart voyeuristisch sein. Das ZDF ist in der Pflicht, diese eklatante Fehlentscheidung aufzuarbeiten.»

Dem widersprach der Medienwissenschaftler Christoph Bertling. «Ich finde, von Voyeurismus kann man da nicht sprechen», kommentierte der Dozent der Deutschen Sporthochschule Köln. «Das ist ein Schockzustand, auch für die Redaktion, sie muss da aus ihrer Routine raus. Sie muss umschalten vom Unterhaltungsmodus zur Krisenkommunikation.» Bertling pflichtete dem ZDF-Sportchef bei: «Grundsätzlich hat der Sender auch eine Dokumentationspflicht in der Situation. Man will ja wissen, was da passiert.» Kritik übte der Medienwissenschaftler nur an einer späteren Zusammenfassung: «Da war eine Kameraeinstellung zu nah dran, das war handwerklich unsensibel.»

Ähnlich kommentierte Jana Wiske, Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin von der Hochschule Ansbach. «Keiner kann sich auf so eine Schock-Situation vorbereiten. Umso bemerkenswerter ist es, wie empathisch und vor allem zurückhaltend das ZDF direkt nach den Geschehnissen berichtet hat», sagte Wiske der dpa. «Ob nun intuitiv oder gewollt: Das Schweigen von Béla Réthy ist eine große Leistung. Nichts anderes hätte die Betroffenheit mehr zeigen können.»

Auch der Regisseur des internationalen TV-Signals wehrte sich gegen die Kritik an den Aufnahmen. «Wir haben die Trauer und die Verzweiflung der Menschen gezeigt, der Spieler, des Staffs und der Zuschauer», sagte der Franzose Jean-Jacques Amsellem der «L'Equipe»: «Wir haben in diesem Moment größter Beunruhigung auch eine Einheit gespürt. Das musste übermittelt werden. Das nenne ich nicht Voyeurismus.»

Als Schock empfand die Situation auch ZDF-Reporter Béla Réthy. «Das war für mich emotional die bisher härteste Übertragung», sagte der 64 Jahre alte TV-Journalist am Sonntag. Er sei anfangs weniger Reporter gewesen und mehr «ein Mensch, der mitempfindet».

«Das war schon das negativste Gefühl, das ich je bei meiner Arbeit hatte», sagte Réthy. Der seit Jahrzehnten bei großen Turnieren arbeitende Journalist war nach der Unterbrechung des Spiels und der Übertragung beim Wiederanpfiff wieder hinter dem Mikrofon. «Das war eine große Herausforderung, als es weitergehen sollte», berichtete der ZDF-Mann. «Man muss mit jedem Wort aufpassen. Auf solche Situationen kann man sich nicht vorbereiten.» Es war für Rethy «sehr kompliziert, über ein Fußballspiel sprechen zu müssen».

Unpassend erschien einigen Zuschauern, dass das ZDF trotz des Zwischenfalls Werbung mit den Mainzelmännchen gezeigt hatte und als Überbrückung ausgerechnet den «Bergdoktor». Dazu gab es in sozialen Netzwerken viele kritische Kommentare. Solche Ersatzprogramme werden vorher für den Fall von Unterbrechungen ausgesucht, unabhängig von der Ursache. Gezeigt werde in der Regel, was im Normalfall an jenem Sendeplatz laufe, teilte das ZDF mit. Außerdem hieß es: «Das ZDF ist nach dem Spielabbruch vorübergehend zum regulären Programmablauf zurückgekehrt, zu dem auch Werbung gehört.»

Das ZDF zeigte die Fortsetzung des Spiels in Kopenhagen im Hauptprogramm und die teilweise parallel laufende Begegnung Belgien gegen Russland zunächst bei ZDFinfo und als Livestream im Internet. Beim Telekom-Angebot Magenta TV, das zwischenzeitlich auch die aktuelle Berichterstattung unterbrochen hatte, waren beide Partien auf verschiedenen Kanälen zu sehen.

Kritik gab es auch in Großbritannien an der BBC-Übertragung, woraufhin der Sender reagierte: «Wir entschuldigen uns bei allen, die sich darüber aufgeregt haben, dass die Bilder ausgestrahlt wurden. Die Übertragung im Stadion wird von der UEFA als Gastgeber kontrolliert. Sobald das Spiel unterbrochen wurde, haben wir unsere Berichterstattung so schnell wie möglich abgeschaltet.»

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