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LKA s findet Spuren einer Patientin in Kleidung des AnästhesistenLKA s findet Spuren einer Patientin in Kleidung des Anästhesisten

Spur Nr. 4 belastet angeklagten ArztSpur Nr. 4 belastet angeklagten Arzt

Bielefeld

Es war der zehnte Prozesstag – und für die mutmaßlichen Opfer wohl der bisher wichtigste: Vor dem Landgericht Bielefeld hat am Montag das Gutachten einer Molekularbiologin den Arzt Nils T. (43) schwer belastet. Der Anästhesist aus Oelde soll im Sankt-Vinzenz-Krankenhaus Gütersloh drei Patientinnen sediert und missbraucht haben

Von Christian Althoff

DNA-Untersuchungen des Landeskriminalamts könnten im Prozess um Vergewaltigungen im Krankenhaus entscheidend sein. Foto: dpa

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Der Arzt war am 15. Dezember 2020 im Krankenhaus festgenommen worden. An jenem Tag soll er eine Patientin zwei Mal vergewaltigt haben. Die Frau lag nach einer gynäkologischen Operation nachmittags in ihrem Zimmer und hatte Schmerzen. Nils T. soll ihr aber kein Schmerzmittel gegeben haben, sondern ein Sedativum. Die Frau soll in einen Dämmerzustand gefallen sein, und Nils T. soll sie in ihrem Bett oral vergewaltigt haben. Dieses Geschehen soll sich abends gegen 21 Uhr wiederholt haben. Die Patientin war aber nicht ganz weggetreten, sondern soll die Vergewaltigung mitbekommen haben – sie schlug Alarm.

Das Gericht hörte am Montag die Molekularbiologin Dr. Katja Kiel vom Landeskriminalamt in Düsseldorf. Dort waren unter anderem Kleidungsstücke des Arztes und der Patientin auf Spuren untersucht worden. Die Wissenschaftlerin sagte, auf der linken Schulter des OP-Kittels, den die Patientin getragen habe, habe man Ejakulat nachgewiesen. Die Gutachterin: „Es stammt mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:14.000.000 vom Angeklagten oder einem mit ihm verwandten Mann.“

Der Beweis einer oralen Vergewaltigung wäre das allerdings noch nicht. Den will Staatsanwältin Sabrina Bock mit Spur Nr. 4 führen – der schwarzen Boxershorts, die Nils T. am Tag seiner Festnahme getragen hatte. Wissenschaftlerin Dr. Katja Kiel sagte, im Inneren der Unterhose habe man schwache Ejakulatspuren des Angeklagten gefunden und Speichel, dessen DNA einer Frau zuzuordnen sei. „Die Wahrscheinlichkeit, dass der Speichel von der Patientin stammt, ist 30 Milliarden mal wahrscheinlicher, als dass er von einer anderen Frau herrührt“, erklärte die Molekularbiologin.

Rechtsanwältin Elena Andersen aus Rheda Wiedenbrück vertritt eine Frau und hält den Angeklagten nach dem Gutachten des LKA für überführt. Foto: Althoff

Die Verteidigung versuchte, die Spuren des Opfers in den Boxershorts des Angeklagten wegzuargumentieren. Nils T. habe, ausnahmsweise ohne Handschuhe, die Patientin angefasst, als er ihr einen Zugang entfernt habe. Anschließend sei er, ohne sich die Hände nach dem Patientenkontakt zu desinfizieren, auf die Toilette gegangen und habe dort beim Wasserlassen seinen Penis angefasst. So sei die DNA der Frau in seine Boxershorts gekommen. „Wäre das möglich?“, wollte der Vorsitzende Richter Carsten Wahlmann von der Gutachterin wissen. Die hielt das für extrem unwahrscheinlich. „Dafür war die DNA-Menge der Frau in der Unterhose einfach zu groß. Wir mussten sie sogar 1:50 verdünnen, um sie untersuchen zu können.“ Bei einem bloßen Berühren der Patientin sei eine solche Menge schwerlich übertragbar. „Außerdem haben wir ja auch Speichel nachgewiesen.“

Verteidigerin Anne Patsch aus Frankfurt fragte dann, ob die DNA der Patientin vielleicht erst im Landeskriminalamt durch unsachgemäßes Arbeiten in die Unterhose ihres Mandanten gelangt sei. Das schloss die Gutachterin aus. „In unserem Institut gibt es einen Flur. In einem Raum links davon wurde die Kleidung der Frau untersucht, in einem Raum rechts davon die des Angeklagten.“ Die Arbeitstische in den Räumen seien desinfiziert und mit einer DNA-zerstörenden Lösung gereinigt worden. „Und wir haben uns nach jedem Arbeitsschritt neue Handschuhe angezogen.“

„Wenn das alles so ist“, wandte die Verteidigerin ein, „warum ist dann das Landeskriminalamt für solche Untersuchungen nicht zertifiziert?“ Die Gutachterin schien für einen Moment perplex, erklärte dann aber, das LKA sei sehr wohl zertifiziert, „und zwar schon seit zehn Jahren“.

Anwältin Elena Andersen, die das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer vertritt, sagte später auf dem Gerichtsflur, für sie sei das Gutachten des LKA der eindeutige Beweis, dass ihrer Mandantin das passiert sei, was sie ausgesagt habe. „Es ist für sie allerdings ein Hohn, miterleben zu müssen, wie der Angeklagte weiterhin alles abstreitet.“

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