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Olympische Winterspiele

Chinas Schönrechner: Sportstätten als Milliardengräber

Peking (dpa)

China hat günstige Spiele versprochen. Offiziell gibt man die Kosten mit gut vier Milliarden Euro an, Experten gehen vom Zehnfachen aus. Fakt ist: Vielen Sportstätten droht eine triste Zukunft.

Von Thomas Wolfer, Thomas Eßer, Christoph Lother und Frank Kastner, dpa

Mitarbeiter präparieren die Schanze im Skisprungzentrum Zhangjiakou. Foto: Matthias Schrader/AP/dpa

In wenigen Tagen wird IOC-Präsident Thomas Bach die Winterspiele von Peking pflichtbewusst mit großen Worten loben. So ist es guter Brauch am Ende des 16 Tage währenden Spektakels auf Schnee und Eis, für Kritik ist in der Bilanz meist kein Platz.

Dabei droht beim Olympia-Gastgeber nach dem Ende der Spiele ein ziemliches Trauerspiel. Einige der durchaus spektakulären Wettkampfstätten werden die ausländischen Sportler nie wieder sehen.

«Es ist sehr wichtig, künftig Weltcups und Weltmeisterschaften in diesen prachtvollen Sportstätten auszutragen. Es ist sehr wichtig, dass China und die internationalen Verbände sich da austauschen», sagte IOC-Olympiadirektor Christophe Dubi. Doch das Erbe der Spiele wird eher ein nationales. Auf der offiziellen Olympia-Website findet man für viele Sportstätten dieselbe Zukunft: Trainingsstätte der chinesischen Nationalmannschaft und Touristenort.

Lesser: «Der Gigantismus ist wirklich krass»

Vor allem zwei Wettkampfstätten ragen bei den Neubauten heraus. Die Bob- und Rodelbahn in Yanqing sowie die futuristische Schanzenanlage in Zhangjiakou etwa 120 Kilometer weiter westlich. In unmittelbarer Nähe der Schanzen ist auch noch die nagelneue Biathlon-Anlage zu finden. «Der Gigantismus ist wirklich krass. Die Anlagen sind einfach geisteskrank. Die Skisprunganlage - wie riesig, wie heftig das ist», sagte Biathlet Erik Lesser in einem Podcast: «Das Stadiongebäude in unserem Biathlonstadion ist riesig. Das alles dafür, dass danach hier nichts mehr stattfindet als chinesische Meisterschaften.»

So drastisch, wie es Lesser formuliert, könnte es tatsächlich kommen. Bis 2026 sind alle Biathlon-Weltcups vergeben, nach dpa-Informationen haben die Chinesen darüber hinaus daran auch kein Interesse. Was das Skispringen betrifft, sei man in Gesprächen. Gleiches gilt für den Eiskanal. «Die Weltmeisterschaften sind langfristig überall vergeben, es geht erstmal nur um die Weltcup-Serien», sagte Thomas Schwab, Vorstandschef des deutschen Bob- und Schlittenverbands.

Allerdings ist eine Diskrepanz zwischen Wünschen der Verbänden und denen der Athleten festzustellen. Viele Sportler sind wie die Rodel-Olympiasiegerin Natalie Geisenberger künftigen Wettbewerben in China eher abgeneigt. Dabei geht es neben politischen und menschenrechtlichen Vorbehalten auch um logistische Themen. China ist für den europäisch zentrierten Weltcup-Zirkus eine wahre Weltreise und logistischer Alptraum.

«Gerne nicht», sagte Skisprung-Bundestrainer Stefan Horngacher auf die Frage, ob man gern zurückkommen wolle an die Schanze, die aussieht wie ein gewaltiger Donut. «Es ist ziemlich weit weg und ziemlich kalt hier. Aber wenn's sein muss, komme ich auch wieder her.» Abfahrerin Kira Weidle ist die weite Reise ebenfalls ein Graus. «Also die Reise ist natürlich schon extrem, das braucht man jetzt nicht unbedingt in einem eh schon sehr engen Weltcup-Kalender, aber an sich haben sie da schon eine coole Strecke gebaut», sagte Weidle.

Wettkampfstätten droht Ende als Milliardengrab

Den Wettkampfstätten in den Bergen nördlich von Peking droht ein Ende als Milliardengrab, wie bei vielen anderen Spielen auch. Dabei ist die chinesische Regierung nicht gerade transparent, was die Kosten betrifft. Offiziell ist die Rede von Gesamtkosten von 3,9 Milliarden Dollar für die Spiele. Manche Experten schätzen die Summe allerdings auf das Zehnfache, zumal China offenbar Kosten für Infrastruktur aus der Gleichung nimmt und nur einige der neuen Sportstätten betrachtet.

Allein die Projekte am Skisprung- und Biathlon-Standort Zhangjiakou sollen fünf Milliarden Dollar verschlungen haben. Für den Eiskanal in Yanqing variieren die Schätzungen zwischen 170 Millionen für die reine Bahn und 500 Millionen Dollar für das gesamte Objekt. Allein der neue über 300 km/h schnelle Hochgeschwindigkeitszug, der Peking mit den Bergen verbindet, soll neun Milliarden Dollar gekostet haben. 15 Milliarden entfallen Schätzungen zufolge auf neue Autobahnen.

Man darf bei der Kostenrechnung allerdings nicht aus den Augen verlieren, warum China diese Winterspiele wollte. Es ging der Partei um Präsident Xi Jinping nicht darum, der Welt zu gefallen. Es ging darum, den Chinesen den Wintersport schmackhaft zu machen und einen bisher nahezu brachliegenden Wirtschaftszweig aufleben zu lassen. Das Potenzial des Marktes wird auf gut 150 Milliarden Euro geschätzt. Aus dem Blickwinkel könnten sich die Investitionen womöglich gelohnt haben. Volkssport dürften Rennrodeln oder Skispringen dennoch nicht werden.

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