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Während der Corona-Pandemie

Olympia der «Parallelwelten» - Wie Japan die Spiele erlebt

Tokio (dpa)

Lange waren die Japaner mehrheitlich gegen die Ausrichtung der Olympischen Spiele inmitten der Pandemie. Doch nach der Hälfte der Spiele meinen die Organisatoren, einen Stimmungswandel zu erkennen. Kritiker beklagen eine zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber Corona.

Von Lars Nicolaysen, dpa

Die Olympischen Ringe leuchten in der Abenddämmerung. Foto: Felipe Dana/AP/dpa

Ryo Takahashi verfolgt die Olympischen Spiele jeden Tag im Radio. «Vorher waren viele dagegen gewesen, dass sie stattfinden. Aber davon hört man jetzt nichts mehr», erzählt der Taxifahrer nach der ersten Olympia-Woche.

«Hätte die verdammte Regierung bloß eher mit dem Impfen begonnen», schimpft der Japaner über die Corona-Politik von Ministerpräsident Yoshihide Suga. Dann hätten auch Zuschauer dabei sein können und die Olympioniken anfeuern können. Es tue ihm auch um all die ausländischen Athleten im Olympischen Dorf leid, die völlig abgeschirmt seien, pflichtet ihm sein Kollege bei. «Wir können ihnen unsere Gastfreundschaft kaum zeigen. Es ist so schade», sagt er und spricht damit aus, was viele Japaner denken.

Japans OK-Geschäftsführer Toshiro Muto glaubt, dass sich die Stimmung im Land gewandelt habe. Die jüngsten Daten zeigten, dass inzwischen «die Mehrheit der Meinung ist, dass es gut war, die Spiele durchzuführen», erklärt der Funktionär. Als Beleg dafür führen Japans Olympia-Macher und das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Einschaltquoten und digitalen Zugriffe an, die alle Rekorde brechen würden. Rund 90 Prozent der Japaner hätten schon mal was von Olympia mitbekommen. Man beobachte einen «wachsenden Geist der Solidarität». Dennoch herrscht in der japanischen Bevölkerung weiterhin große Sorge über die Delta-Variante des Virus, die die Infektionen auf bisher nie da gewesene Höchststände treibt, während die Spiele weitergehen. Am Rande der Olympia-Wettbewerbe kam es erneut zu kleineren Protesten.

Die Gefühlslage in der Bevölkerung habe sich gegenüber vor den Spielen nicht groß geändert, meint der Soziologe Yuji Ishizaka von der Nara Women's University. Was sich geändert habe, sei, dass es einfacher geworden sei, sich auch mal positiv über die Spiele zu äußern. Die Diskussion darüber, die Spiele trotz Pandemie abzuhalten, sei negativ geprägt gewesen. Da sei es für Japaner schwierig gewesen, den Wunsch, die Athleten zu unterstützen, auszudrücken. Das sei jetzt anders, meinte der Experte in der Wirtschaftszeitschrift «Toyo Keizai». Nicht nur wegen der Erfolge der Japaner: Mit ihrer Art, wie Japans Athleten bei Olympia kämpfen und nach Siegen bescheiden und respektvoll auftreten, hätten sie die Herzen vieler Bürger gewonnen.

Ausländische Medienvertreter sind immer wieder angetan, wie freundlich die vielen freiwilligen Helfer Tag für Tag sind. Kritiker beklagen jedoch, dass die olympische Dauerbeschallung dazu beitragen würde, dass vor allem jüngere Japaner das Coronavirus nicht mehr so ernst nehmen. IOC-Präsident Thomas Bach hält das für abwegig. «Dass die Leute so begeistert sind über etwas anderes, dass sie dafür eine Corona-Infektion in Kauf nehmen, das kann ich nicht sehen». Die Bewegungen an Menschen in Tokio hätten um 30 Prozent abgenommen, sagt Bach und gibt das wieder, was er von der japanischen Regierung hört.

«Aber in Wirklichkeit sind die Parks im Zentrum von Tokio jeden Abend voll mit Jugendlichen und anderen, die mit Freunden „Olympia-Watch-Partys“ veranstalten, während sie im Supermarkt gekaufte Dosen Alkohol trinken», beklagte die japanische Tageszeitung «Asahi Shimbun», die Sponsor der Spiele ist. Dabei ist in den Straßen Tokios von olympischer Stimmung ansonsten nichts groß zu spüren.

Bis auf freiwillige Helfer, die vergeblich auf Olympia-Touristen aus dem Ausland gehofft hatten, trägt niemand Kleidung mit olympischen Symbolen oder handelt mit Olympia-Pins. Viele gerade Jüngere sind den andauernden Notstand leid. Man sieht sie oft dicht gedrängt in den Zügen, mancher schaut während der Fahrt nebenbei etwas Olympia auf dem Smartphone, andere lieber ihre Manga-Comics. Früher sei sie über Corona besorgt gewesen, erzählt eine junge Japanerin in der «Asahi Shimbun». Aber jetzt gehe sie wieder aus und trinke draußen Alkohol. «Es ist mehr wegen der Atmosphäre der Stadt als wegen der Olympiade».

Japans Regierungschef Yoshihide Suga beteuert, dass die Spiele nichts mit dem Corona-Anstieg zu tun hätten. Seine Regierung weckt sogar den Eindruck, die Spiele würden im Gegenteil helfen, die Pandemie einzudämmen, da Millionen zu Hause am TV säßen. Die tatsächlich wenigen Corona-Fälle bei Olympia lägen im «Rahmen der Erwartungen», so Muto. Zwar sind darunter einige Personen, die in Japan leben. Die Organisatoren halten es dennoch für nahezu unmöglich, dass von den Teilnehmern der Spiele eine Infektionsgefahr für die Bürger Tokios ausgehen könnte. «Sie leben wirklich in jeder Hinsicht in einer anderen Parallelwelt», erklärte der Sprecher des IOC, Mark Adams.

Derweil musste Suga den Notstand für Tokio verlängern und auf weitere Präfekturen ausweiten. Kritiker verweisen darauf, dass es mit der Kürzung der Öffnungszeiten und des Alkoholausschanks in Restaurants nicht mehr getan sei. Nun will man über Ausgangssperren nachdenken. Doch noch bleibt es bei den üblichen Appellen an die Bürger, trotz der Sommerferien und des bevorstehenden Ahnenfestes Obon zu Hause zu bleiben. Die Gesellschaft müsse wieder ein «gemeinsames Krisenbewusstsein entwickeln», um einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern, fordert der Mediziner Omi Shigeru, der wichtigste Corona-Berater der Regierung. «Außer Impfungen gibt es nicht viele andere Faktoren, die Infektionen zu senken», sagte Omi. Bislang sind erst rund 27 Prozent der Japaner vollständig geimpft.

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